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Tastet sich nach seiner Verletzung so langsam wieder an die ersten Elf heran: Jerome Boateng.

Jerome Boateng

"Jetzt ist es wieder mein Körper"

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Jerome Boateng über zu lange Schritte, seinen Bruder Kevin-Prince, seine Karriere als Rapper und den AfD-Mann Gauland.

Als einziger deutscher WM-Fahrer ist Jerome Boateng noch nicht fit fürs Teamtraining. Im Vorbereitungscamp in Südtirol trainiert der 29-Jährige deshalb meist unter Anleitung der Athletiktrainer. Fragen nach seiner sportlichen Zukunft möchte der Innenverteidiger nicht beantworten, nachdem es Irritationen bei seinem Arbeitgeber FC Bayern gab, als der 70fache Nationalspieler am Rande des Pokalfinales bedeutete, das Ausland sei „immer interessant“. 

Herr Boateng, Sie kommen als Allerletzter zum Interview. Alle Mitspieler sind mit ihren Gesprächen schon fertig. Wir hatten gedacht, so ein individuelles Übungsprogramm dauert nicht so lange wie das Mannschaftstraining.
Falsch gedacht. Das dauert in der Regel sogar länger.

Was haben Sie heute gemacht?
Heute musste ich erst mit 90 prozentiger Kraft sprinten und durfte dann noch ein bisschen mit dem Ball arbeiten. Kurze Antritte, kleine Schritte. Und ein paar kleine Passübungen sogar schon mit der Mannschaft. 

Bevor Sie zum finalen Aufbauprogramm hier nach Eppan anreisten und im Fitnesszelt die Musik auch manchmal richtig hochdrehen, haben Sie mit dem englischen Komiker Jack Whitehall ein ziemlich cooles Rap-Video gedreht.
Stimmt, finde ich auch gut.

Es heißt „Mannschaft“ und thematisiert die Weltmeisterschaft. Ist witzig geworden und nimmt deutsche Klischees auf die Schippe. Wie kam es dazu?
Da kam eine Anfrage, ich fand den Typen lustig und habe zugesagt. Es hat richtig Spaß gemacht. Und der Aufwand war auch nicht so groß, weil wir in München gedreht haben.

Ist es für Sie auch vorstellbar, dass das geschäftlich ein zweites Standbein wird?
Nein, auf gar keinen Fall. Das war nur ein Spaß. Ich werde nach meiner Fußballkarriere nicht ins Musikgeschäft einsteigen. 

Sie rappen unter anderem: „Wir sind die Besten der Welt“ und „Wir sind die Besten der Besten“. Ist das der Kunst geschuldet oder pure Überzeugung? 
Im Moment sind wir ja noch die Besten der Welt. Wenn ich das nach der WM auch noch behaupten kann, würde ich mich natürlich sehr freuen.

Ist die Mannschaft aktuell sogar besser als 2014?
Wir sind breiter aufgestellt und haben mehr Möglichkeiten, variable Systeme zu spielen. 

In der Innenverteidigung sind Sie und Mats Hummels die Platzhirsche. Wie beurteilen Sie das Niveau hinter Ihnen beiden?
Auch da sind wir besser als noch vor vier Jahren. Antonio Rüdiger hat beim FC Chelsea und Niklas Süle bei uns für die Bayern eine super Saison gespielt. Nicht zu vergessen Matse Ginter und Jonathan Tah. 

Sie haben sich Ende April eine Adduktorenverletzung zugezogen und bauen sich seitdem mit intensiver Arbeit wieder auf. Auf Ihrem Instagram-Account kann man sehen, wie hart Sie im Kraftraum arbeiten. Haben Sie das Gefühl, Ihnen läuft bis zum WM-Auftakt am 17. Juni gegen Mexiko die Zeit davon?
Natürlich ist die Verletzung zu einem schlechten Zeitpunkt passiert. Aber ich hatte auch Glück im Unglück, dass es nicht ganz so schlimm war. Ich bin guter Dinge, dass es mit der WM klappt. Wenn ich darauf von vorne herein hätte verzichten müssen, wäre es wirklich schlimm für mich gewesen. 

Adduktorenverletzungen sind ja in der Regel auch langwieriger, weil die Muskelansätze dort nicht so gut durchblutet sind.
Das einerseits, andererseits wollten wir auch kein Risiko eingehen, zu früh wieder voll einzusteigen. 

Ihre Leistenverletzung rührte ja aus einem Sprint von hinten heraus durch die Mitte in Richtung des Strafraums von Real Madrid. 
Genau dort, wo ich nix zu suchen habe (lacht).

Lassen Sie so was also in Zukunft bleiben?
Nee, bleiben lassen werde ich solche Läufe nicht grundsätzlich. Ich habe mir das Video von dem Sprint noch mehrfach angeschaut und werde daraus Konsequenzen ziehen.

Welche denn?
Ich habe, um den Ball noch zu erreichen, einen extrem langen Schritt gemacht und dabei meine Hüfte so verdreht, wie sie nicht verdreht werden sollte. Das kann bei meinen langen Hebeln dann schon mal solche Auswirkungen haben. Also: In Zukunft werde ich darauf verzichten zu versuchen, an Bälle heranzukommen, an die man nicht herankommen kann.

Vor einigen Monaten sagten Sie in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“, Sie hätten wegen diverser Verletzungen „finstere Jahre“ hinter sich und mitunter das Gefühl gehabt, sie lebten in einem anderen Körper, gar nicht mehr in Ihrem. 
Stimmt, das Gefühl hatte ich mal, aber jetzt nicht mehr. Jetzt ist es wieder mein Körper, obwohl ich mich jetzt noch mal verletzt habe. In einem anderen Körper fühlte ich mich vor allem nach meiner schweren Schulterverletzung. 

Sie mussten Ende 2016 dort operiert werden und haben lange gebraucht, sich davon zu erholen.
Ja, nach der OP habe ich mich komplett anders gefühlt. Ich habe zwar nur drei Monate gebraucht, bis ich wieder spielen konnte, aber ein ganzes Jahr, bis ich gespürt habe, dass ich wieder so laufe wie zuvor. Ich hätte nie gedacht, dass das so lange dauert.

Herr Boateng, vor zwei Jahren haben wir aus gegebenem Anlass beim EM-Vorbereitungscamp in Ascona zum Interview auf einem Sofa des Mannschaftshotels gesessen.
Ich erinnere mich.

Seinerzeit hatte AfD-Mann Alexander Gauland behauptet, einen wie Sie möchte man nicht zum Nachbarn haben. Sie haben sowohl betroffen als auch cool reagiert und gesagt, Sie hoffen und glauben, dass es wieder besser wird in Deutschland.
Ja, und genau dieses Gefühl hatte ich bis vor kurzem auch. Aber dann hat dieser Mann von der SPD etwas auf Facebook gepostet, für das ich kein Verständnis habe. 

Ein SPD-Stadtrat aus Osthessen hat in einem Facebook-Post Ihre Mitspieler Ilkay Gündogan und Mesut Özil wegen deren Treffen mit dem türkischen Präsidenten Erdogan „Ziegenficker“ genannt.
So etwas zu schreiben, noch dazu als Politiker, geht überhaupt nicht. Das ist ein Rückfall, den ich nicht erwartet hätte. Ich habe mich an den Kopf gefasst und mich gefragt: „In welcher Zeit leben wir denn eigentlich?“ Ich finde das jedenfalls sehr traurig.

Der Mann hat sich immerhin entschuldigt. In welcher Zeit leben wir?
Insgesamt habe ich das Gefühl, dass es zum Glück wieder zu einem größeren Miteinander kommt: dass man sich gegenseitig wieder mehr zuhört, dass man den anderen kulturellen Hintergrund akzeptiert, dass man nachvollzieht, warum manche Frauen Kopftuch tragen und dass viele Menschen auf unterschiedliche Art und Weise beten. Das ist die eine Seite.

Und die andere?
Andererseits gehört es zum Beispiel in Deutschland dazu, pünktlich zu sein. Wenn man das akzeptiert und sich daran hält, versteht man sich besser. Es ist doch wichtig, die Lebensweisen des anderen auch auszuhalten und nicht die vermeintlich schlechten Dinge mit gegenseitigen Vorurteilen noch zu verstärken. 

Wenn Sie zurückschauen, wie sehr hat die Episode mit Gauland Sie auch in Ihrem weiteren Leben beeinflusst?
Es hat mich schon noch zusätzlich abgehärtet.

Sie waren ohnehin schon abgehärtet?
Ja klar. Ich habe als Kind oft im Ostteil von Berlin gespielt. Da habe ich mir schon mit sieben oder acht Jahren Sachen anhören müssen, die ich hier lieber nicht wiederholen will. Man kann es sich kaum vorstellen. Da habe ich mir ein dickes Polster angelegt. Das hat mir auch vor zwei Jahren geholfen.

Sie haben eine Menge Unterstützung in Medien, Politik und von Fans bekommen.
Das ging in die richtige Richtung, das fand ich toll und hat mich nicht nur für mich persönlich sehr gefreut. Auch aus der Mannschaft kam große Unterstützung.

Ihr Bruder Kevin-Prince trägt das Thema Alltagsrassismus immer wieder bewusst in die Öffentlichkeit. Sie halten sich mehr zurück. Wie hat sich der Draht zu Ihrem Bruder entwickelt, seit er zurück in Deutschland ist und für Eintracht Frankfurt spielt?
Wir sind schon immer sehr verschieden gewesen. Das ist, glaube ich, unter Brüdern ganz normal. Er geht seinen Weg, ich meinen. Ich bin eher mit der Familie verbunden und kümmere mich mehr. Er macht mehr sein Ding.

Hat sich Ihr nicht immer einfaches Verhältnis wieder mehr angenähert?
Wir haben ein normales Verhältnis. 

Das Magazin „Spiegel“ hat kürzlich einen großen Artikel über ihn veröffentlicht.
Habe ich gar nicht gelesen.

Da sagt Kevin-Prince unter anderem, er habe viele Fehler gemacht und Sie als sein Bruder seien intelligent genug gewesen, daraus zu lernen und diese Fehler zu vermeiden. 
Ehrlich gesagt, habe ich gar nicht so viel auf ihn geguckt. Seit ich 15 oder 16 war, habe ich meine eigenen Entscheidungen getroffen. Ich hätte damals zum Beispiel auch mit ihm zu Tottenham Hotspur wechseln können, das Angebot, als Brüderpaar dorthin zu gehen, gab es. Aber ich habe mich für den Hamburger SV entschieden. 

Als Sie noch kleiner waren, davon berichtet Ihr Bruder auch, sei er mit seinem linken Fuß besser gewesen als Sie. Aber dann hätten Sie drei Monate nichts von sich hören lassen und als Sie zurückkamen, waren sie bärenstark mit links. Stimmt diese Geschichte?
Ja, die stimmt fast genau. Es war nämlich so, dass nicht nur der eine, sondern meine beiden älteren Brüder besser schießen konnten als ich. Mein anderer Bruder war ja auch ein richtig guter Fußballer. Ich habe dann auf meinem Platz mit meinen Freunden trainiert, immer nur mit links gespielt und mit links geschossen, und danach war ich mit links besser als meine beiden Brüder. 

Im WM-Finale 2014 waren Sie, auch weil Sie so gut mit links sind, der beste Mann auf dem Platz …
Vielen Dank. 

Glauben Sie, dass Sie dieses Niveau vier Jahre später der Welt noch einmal präsentieren können?
Ich hoffe doch sehr. Klar brauche ich erst mal wieder meinen Rhythmus, aber ich glaube auf jeden Fall, dass ein solches Niveau noch in mir drin ist.
 
Interview: Jan Christian Müller 

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