1. Startseite
  2. Sport
  3. Fußball

„Jeder Euro für Entrechtete“

Erstellt:

Von: Jan Christian Müller

Kommentare

Im Verteidigungsmodus: Der Botschafter Katars in Deutschland, Scheich Abdulla Bin Mohammed bin Saud Al-Thani.
Im Verteidigungsmodus: Der Botschafter Katars in Deutschland, Scheich Abdulla Bin Mohammed bin Saud Al-Thani. DFB © Julius Nieweler/DFB

DFB debattiert mit geladenen Gästen über die WM in Katar / Botschafter wehrt sich.

Der Deutsche Fußball-Bund müsste eigentlich gerade Deutscher Turner-Bund heißen. Er übt sich nämlich andauernd im Spagat. Während die Nationalspieler zur Vorbereitung auf zwei Nations-League-Spiele eintrudelten, versammelten sich auf Einladung von Präsident Bernd Neuendorf im neuen Frankfurter Campus mehrere Dutzend Leute. Es ging zwei Monate vor der WM in Katar um Antworten auf Fragen nach den Menschenrechten.

Der katarische Botschafter war eigens sehr früh aufgestanden und aus Berlin gekommen. Scheich Abdulla Bin Mohammed bin Saud Al-Thani nannte die ebenfalls anwesende norwegische Verbandspräsidentin Lise Klaveness wiederholt „the young lady“. Er rügte die Fokussierung der Kritik auf Katar, erinnerte an die WM in Russland, wo viel weniger ausdauernd auf die Situation von politisch Verfolgten in Gefängnissen aufmerksam gemacht worden sei, und wehrte sich gegen Fernurteile über sein Land: „Kommen Sie her, sprechen Sie mit den Arbeitern, oder „,shut up’!“.

Es gab reichlich Gegenwind für den Scheich, besonders intelligent vorgetragen vom Frankfurter Dario Minden als Vertreter der Fanorganisation „Unsere Kurve“. Minden sprach Al-Thani direkt an, outete sich als homosexuell und redete Klartext: „Wenn Sie das nicht akzeptieren, bleiben Sie aus dem Fußball raus!“

Einen Großteil der Kritik bekam freilich nicht der WM-Gastgeber ab, sondern der Weltverband. Er vermisse bei der Fifa „den guten Willen, ein Entschädigungsprogramm aufzusetzen“, sagte Amnesty-Vorstand Markus Beeko mit Blick auf verletzte oder verstorbene Wanderarbeiter auf WM-Baustellen. Auf einen solchen Fonds drängen auch die Norwegerin Klaveness und DFB-Boss Neuendorf. Neuendorf wies zudem ausdrücklich fordernd darauf hin, dass die Beratungszentren für Arbeitsmigranten in Katar von der katarischen Regierung noch nicht wie versprochen eingerichtet worden seien.

Bierhoffs Furcht

Dietmar Schäfers von der internationalen Bau- und Holzarbeiter-Gewerkschaft stellte die Verhältnisse in Zusammenhang mit der Konzentration der Kritik auf Katar: „Weltweit gibt es 200 Millionen Wanderarbeiter, die unter beschissenen Bedingungen unterwegs sind.“ Auf den WM-Baustellen schufteten 45 000, insgesamt in Katars Baubranche 900 000 Menschen. „Vor dem Hintergrund des autokratischen politischen Systems und der Kultur vollbringen die Kataris Riesenreformschritte“, die allerdings außerhalb der WM-Baustellen nur schleppend umgesetzt würden. Länder wie China oder Saudi-Arabien seien indes - anders als Katar - gar nicht bereit, mit der globalen Gewerkschaftsföderation überhaupt zu sprechen. Und mit Blick auf die WM 2026 in den USA, Kanada und Mexiko: Die Debatte werde im Angesicht der Arbeitnehmerrechte, Gewalt und Korruption in Mexiko eine große.

Es sind also wahrlich komplexe Sachverhalte, mit denen sich auch die deutschen Nationalspieler zwangsläufig zu beschäftigen haben. Manager Bierhoff äußerte die Hoffnung: „Die Geräusche im Vorfeld dürfen nicht dazu führen, dass wir keine Lust mehr haben, Fußball zu spielen.“ Von Fanvertreter Minden bekamen Spieler und Verbände gleich mal ein Pflichtenheft verpasst. Er erwarte, dass niemand Gewinne aus dem Turnier erwirtschafte: „Jeder Euro gehört in einen Fonds für Entrechtete.“ Es sei „falsch, Geld anzunehmen, dass auf so viel Leid und Ausbeutung“ beruhe.

Auch interessant

Kommentare