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Marcell Jansens Versagen

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Von: Jan Christian Müller

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Gewaltig unter Druck: HSV-Aufsichtsratschef Marcell Jansen.
Gewaltig unter Druck: HSV-Aufsichtsratschef Marcell Jansen. © dpa

Der frühere Nationalspieler hat mit seiner Aufsichtsratscombo dem unfassbaren Treiben des Thomas Wüstefeld viel zu lange zugeschaut, ohne angemessen zu handeln.

Es war ein gründlich misslungener, mehr als halbstündiger Auftritt von Marcell Jansen. Man kann ihn sich im HSV-TV noch mal anschauen. Der Aufsichtsratsvorsitzende und Präsident des Hamburger SV hatte die Medien ins Volksparkstadion geladen nach dem für alle Beteiligten hochnotpeinlichen, weil viel zu späten Aus des Vorstands Thomas Wüstefeld. Man soll mit Namen ja keine Scherze machen, aber der vor einem Jahr aus dem Nichts aufgetauchte und von Ex-Nationalspieler Jansen und seinen Ratskollegen geradezu fahrlässig flott zum HSV-Vorstand beförderte Medizinunternehmer hat beim Traditionsklub binnen nur neun Monaten tatsächlich ein Wüstenfeld hinterlassen.

Der 53-Jährige hat sich, erstens, im Stile eines Unternehmensberaters, der mit eisernem Besen kehrt, mit den Angestellten angelegt; er hat sich, zweitens, drittens und viertens, heillos mit Großinvestor Kühne, Sportvorstand Boldt und Trainer Walter verkracht; er hat, fünftens und sechstens, die Bezeichnungen Professor und Doktor vor seinen Namen geklebt, aber über Wochen hinweg keinen überzeugenden Nachweis erbracht, dass er überhaupt berechtigt ist, diese akademischen Titel zu tragen; er hat, siebtens, öffentlich und ohne Absprache mit den Behörden über Pläne fabuliert, mitten in den Volkspark nahe der Einflugschneise ein 25 Stockwerke hohes Hochhaus zu bauen, über die ganz Hamburg lacht - und muss sich, achtens und neuntens, wegen zweier Strafanzeigen zu allem Überfluss auch noch mit Millionenklagen gegen seine Firma herumschlagen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Jansen und seine Aufsichtsratscombo haben dem unfassbaren Treiben, das verdächtig an das Gebaren eines Hochstaplers erinnert, viel zu lange zugeschaut, ohne angemessen zu handeln. Das Gremium hat Recherchen des „Abendblatts“ und des „Spiegel“ über Wüstefelds Irrungen und Wirrungen eine halbe Ewigkeit lang nicht konsequent verfolgt. Jansen reagierte auf entsprechende Fragen unwirsch wie ein trotziges Kleinkind. Dass sich der doch ohnehin in der Stadt und erst recht überregional alles andere als gut beleumundete HSV mal wieder zum Gespött der Leute macht, scheint die niederrheinische Frohnatur noch nicht recht zu kapieren.

Der ehemalige Offensivverteidiger hat mit seiner rhetorisch unreifen Defensivtaktik jedenfalls die Chance verpasst, aktiv Reue für ein Missmanagement zu bekennen, das im deutschen Lizenzfußball seinesgleichen sucht. Da hat einer seinen Laden nicht im Griff. Er sollte Konsequenzen ziehen.

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