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Nationalmannschaft

EM 2021: Jamal Musiala - scheu, frech, gut

  • Jan Christian Müller
    VonJan Christian Müller
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„Bambi“ Jamal Musiala kehrt nach Wembley und in seine Vergangenheit zurück: „Das wird cool“.

London - Wenn sich die deutsche Mannschaft am Dienstag (29.06.2021) gegen 15.45 Uhr Ortszeit dem Wembley-Stadion mit seinem 133 Meter hohen Bogen nähert, dürften einige Herzen höherschlagen. Vor allem die jener Spieler, die die berühmte Arena noch nicht von innen kennen. Den Jüngsten im DFB-Kader betrifft das kurioserweise nicht. Er ist ein alter Wembley-Hase. Jamal Musiala, im Februar 18 geworden, hat den Fußballtempel schon vor sieben Jahren erobert. In einem kurzen Film bei Sky ist ein schmächtiger Bubi im Einlagespiel des League II-Playoff-Finales zu beobachten, der sich beim 7:1-Sieg der Corpus Christi Primary School gegen die Hamilton Primary School wie eine Schlange um die Kontrahenten windet und vier Tore schießt.

Musialas Mutter ist Deutsche mit polnischen Wurzeln, sein Vater stammt aus Nigeria. Geboren ist er in Stuttgart, aufgewachsen größtenteils in England, nachdem seine Mutter in Southampton ein Stipendium bekommen hatte. Inzwischen spielt das fein geschliffene Juwel beim FC Bayern. Und für Deutschland. Hierzulande gibt es keinen, der bei einem Turnier wie diesem zum Einsatz kam und jünger war als er. Für Joachim Löw hat sich die Mühe gelohnt, das Toptalent in einem langen persönlichen Gespräch zu gewinnen. Ohne Musiala wäre das DFB-Team bei dieser EM wohl gar nicht mehr dabei. Sein fließendes Bewegungsmuster erinnert an das des großen Zinedine Zidane.

Scheu, aber gut: Jamal Musiala.

Im entscheidenden Spiel gegen Ungarn brauchte der Bursche nur zwei Minuten nach seiner Einwechslung, um unverschämt frech Einfluss zu nehmen. Mit einer geschmeidigen Bewegung ließ er links gleich drei Gegenspieler ins Leere laufen und spielte dann erstaunlich überlegt in den Strafraum zu Leon Goretzka. Sekunden später machte der das erlösende 2:2.

Jamal Musiala: Wanderer zwischen den Welten

Die Mitspieler haben längst einen Spitznamen für den Teenager gefunden: „Bambi“ nach einem Vorschlag von Leroy Sané. Weil Musiala so scheu ist und so geschmeidig wie ein Rehkitz, und weil er so treu aus großen Augen schaut. Thomas Müller hat „Bambi“ sogleich zu „Bambino“ umgedeutet. Musiala ist das Kind im deutschen Team. Serge Gnabry klingt wie ein großer Bruder, wenn er sagt: „Er ist ein lieber, süßer Kerl.“ Leon Goretzka verordnet Musiala Liegestütze nach verlorenen Tischtennismatches. Der Junge mit den dünnen Armen und Beinen soll Muskeln aufbauen.

Sein Akzent ist unverkennbar englisch – mit bayerischem Einschlag. Die Entscheidung für Deutschland war keine einfache. Denn zuvor hatte Musiala jahrelang für die U-Mannschaften Englands gespielt, unter anderem gemeinsam mit Jude Bellingham von Borussia Dortmund, den er zu seinen Freunden zählt. Das Spiel gegen England im Wembley-Stadion könnte besonderer nicht sein für den Jungen, der in London aufwuchs. „Das wird cool“, sagt er. Die Engländer hätten eine „sehr gute Squad.“ Auch die Wortwahl zeigt seine Wanderschaft zwischen den Welten.

Jamal Musiala: Ein Kandidat für das Spiel gegen England

Als er mit sieben Jahren auf die britische Insel kommt, versteht er kaum ein Wort – und hat gelernt: „Fußball ist die Sprache, die in England sehr gut gesprochen wird. Es spielt dann keine Rolle, ob man die Wörter der anderen ganz versteht.“ Der große FC Chelsea entdeckt bald den kleinen Jungen, nimmt ihn 2011 in seine Jugendabteilung auf. Acht Jahre ist er da alt und er bleibt, bis er 16 ist. Ein Glücksfall, weil man in England in dieser Zeit genau das Spiel fördert, das Musiala so stark macht: das Intuitive, die Bolzplatzmentalität. „In England wird in der Ausbildung viel Wert auf Technik und ein gutes Eins-gegen-Eins gelegt. Und darauf, frei zu spielen“, weiß er. „Das hat mein Spiel schon sehr geprägt.“

Von seiner Nominierung für die EM 2021 erfuhr er durch seinen Vereinscoach Hansi Flick, den künftigen Bundestrainer. „Ich wusste gar nicht, wie ich fühlen sollte, weil es so ein großes Gefühl war.“ Die ersten beiden EM-Spiele erlebte er auf der Tribüne. Löw hatte ihn nicht für den 23er-Kader nominiert. Dann brachte der Bundestrainer den Jungen in höchster Not gegen Ungarn, und der tat, wie ihm geheißen: „Ich sollte mir Sachen zutrauen. Das habe ich einfach gemacht.“ Eine Form der Furchtlosigkeit, die auch gegen seine zweite Heimat England noch gefragt sein könnte. Jamal Musiala steht bereit. (Jan Christian Müller)

Rubriklistenbild: © dpa

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