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So inbrüstig wie er vor dem Spiel die Hymne schmettert, so lautstark geht er mit seinen Vorderleuten um.

Italien

Italiens letzte Institution

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Ohne Torhüter Gianluigi Buffon scheint Italiens Mannschaft irgendwie undenkbar. Der 38-jährige Rekordnationalspieler ist immer noch sowohl sportlich als auch menschlich gefragt.

Es hatte etwas Symbolhaftes, als sich die Torhüter Iker Casillas und Gianluigi Buffon nach dem Achtelfinale zwischen Spanien und Italien umarmten. Hier der melancholische Verlierer, im Leibchen des Ersatzspielers, bei seinem Herzensklub Real Madrid vertrieben und dort zuletzt von den Fans ausgepfiffen, da der große Sieger des Abends, fast als Heiliger verehrt bei seinem Verein Juventus Turin und in großen Teilen Italiens, „wie ein Gott“ in seinem Heimatort Carrara, so erzählt es der 22-jährige Teamkollege Federico Bernadeschi, der ebenfalls von dort kommt.

Buffon hat alle seine großen Konkurrenten der vergangenen 20 Jahre überdauert, und wenn er so weitermacht, nimmt er es noch mit den Neuers, Courtois‘ und Sommers dieser Welt auf, auch wenn er ohne weiteres sagt, dass Manuel Neuer besser sei als er. „Er ist jünger, ich habe einfach nicht das Alter, um in diesem Wettstreit bestehen zu können.“ Ihn interessiere, „dass es niemanden gibt, der jemand anders an meiner Stelle vorziehen würde, wenn ich das Trikot der Nationalmannschaft oder von Juventus trage.“ In Frankreich spielt der 38-Jährige sein neuntes großes Turnier seit der WM 1998, das haben außer ihm nur Casillas und Lothar Matthäus geschafft. Hätte er die EM 2000 nicht wegen einer Handverletzung verpasst, wären es zehn, doch wenn nichts Unvorhergesehenes dazwischenkommt, wird er bei der WM 2018 in Russland alleiniger Rekordhalter, denn ans Aufhören denkt er keine Sekunde lang.

„Es gibt ein eisernes Gesetz im Fußball“, sagte Buffon nun bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Coach Antonio Conte, „ein Trainer stellt die Mannschaft auf, um zu gewinnen.“ Und wenn man dazu nichts beitragen könne, sei man blitzschnell auf der Bank. Was er noch beitragen kann, zeigte er beim 2:0 im Achtelfinale. Lange Zeit hatten ihm seine Mitspieler die lästigen Spanier vom Leib gehalten, doch in der Schlussphase kam plötzlich ein Ball nach dem anderen geflogen. Keinen ließ er durch, und in der Nachspielzeit parierte er einen Schuss von Gerard Piqué aus der Nahdistanz, den nicht viele Keeper bei dieser EM gehalten hätten. Im Gegenzug entwickelte sich der Konter, den die Italiener eigentlich gar nicht mehr spielen wollten und der zum alles entscheidenden zweiten Tor durch Graziano Pellè führte. Das nennt man Matchwinner. Buffon, nicht Pellè.

„Ich bin noch nicht zufrieden mit dem, was ich erreicht habe“, sagte Buffon vor dem Viertelfinale gegen die Deutschen, vor denen er großen Respekt hat. „Sie machen einem eine Menge Angst, auf dem Papier sind sie stärker als wir“, erklärte er, „aber auf dem Spielfeld gibt es manchmal Überraschungen. Grundsätzlich sind wir hier, um Wunder zu vollbringen.“ Deutschland mache vielleicht Angst, „aber wir sind Italien.“

Er spricht, und alle hören zu

Als der einstige Mittelfeldstratege der Squadra Azzurra, Andrea Pirlo, aus den fernen USA sagen sollte, wer für ihn die Seele des italienischen Teams sei, nannte er natürlich Buffon. Er telefoniere gelegentlich mit ihm, und der Torhüter strahle eine enorme Zuversicht aus. So inbrünstig, wie er vor dem Spiel die Hymne „Fratelli d’Italia“ brüllt, so lautstark, wie er seine Verteidiger herumscheucht, so ruhig und besonnen führt er das Team. Wenn er seine sonore Stimme erhebt, hören alle zu, und als er nach dem WM-Debakel 2014, sagte, dass man auf Spieler, die nicht alles für das Team geben, verzichten könne, wusste man, dass Mario Balotelli in Schwierigkeiten war.

Eigentlich ist es seltsam, dass Gianluigi Buffon nicht bei den Olympischen Spielen in Rio mit Robert Harting um die Goldmedaille streitet oder David Storl Konkurrenz macht. Schließlich war seine Mutter Kugelstoßerin, sein Vater Diskuswerfer, beide lernten sich in der Nationalmannschaft kennen. Die Kinder wurde ebenfalls Spitzensportler, fühlten sich aber eher dem Spiel zugetan. Der Sohn dem Fußball, die beiden Schwestern dem Volleyball, eine wurde Nationalspielerin.

Gianluigi Buffon spielte als Jugendlicher im Mittelfeld, gar nicht schlecht, doch der Vater sah seine starken Arme und drängte ihn, Torwart zu werden. Als er zwölfjährig die WM 1990 verfolgte, war er vom Kameruner Torhüter Thomas N’Kono derart fasziniert, dass er dem Wunsch des Vaters folgte. Ein Jahr später holte ihn der AC Parma in sein Internat, mit 17 debütierte er in der Serie A. Der Stammtorhüter hatte sich verletzt, und der Jüngling rettete ein 0:0 gegen den AC Mailand, stoppte Schüsse von Roberto Baggio und Georges Weah. Im Jahr darauf wurde Buffon bei Trainer Carlo Ancelotti Stammspieler und debütierte in der Nationalmannschaft, wo er dann schnell Gianluca Pagliuca verdrängte.

Fortan war er dort nicht mehr wegzudenken, auch wenn er zwischenzeitlich mit Depressionen zu kämpfen hatte, sich gegen den Verdacht, rechtsradikal zu sein, wehren musste, es Gerüchte um Spielsucht gab und er mit Juventus ein Jahr in der Serie B verbrachte, wohin der Klub nach dem Calciopoli-Skandal 2006 versetzt wurde. Anders als namhafte Spieler wie Zlatan Ibrahimovic oder Fabio Cannavaro war er geblieben, ebenso wie Alessandro Del Piero, dessen Karriere sich allerdings dem Ende näherte. „Ich hatte das Gefühl, loyal gegenüber dem Klub sein zu müssen, der mir so viel gegeben hat“, sagte er. Eine Entscheidung, die ihm nicht nur bei den Juve-Fans riesigen Respekt eingebracht hat.

Inzwischen ist Buffon mit 160 Partien Rekordnationalspieler und hat alles gewonnen, außer der Champions League, wo er mit Juventus Turin zweimal im Finale stand, 2003 und 2015, und der Europameisterschaft. Da gab es vor vier Jahren im Finale ein bitteres 0:4 in Kiew gegen Spanien. Auch wegen solcher Niederlagen pflegt Buffon auf die Frage, was er jungen Torhütern raten kann, stets ein wenig scherzhaft zu sagen: schnell die Position wechseln. Man müsse ein bisschen masochistisch sein in diesem Job, denn das einzig Sichere im Leben eines Torhüters sei, dass er Tore kassieren werde, und das wäre keine schöne Erfahrung, „es sei denn, man ist wirklich ein Masochist“.

Umso süßer war der WM-Gewinn 2006 in Deutschland gegen Frankreich, als der italienische Fußball nach dem Korruptionsskandal am Boden lag und die Mannschaft von den Fans mit Pfiffen zur WM verabschiedet wurde. Buffon hatte als einer der Wenigen an die Chance des Teams geglaubt, genauso war es jetzt zu Beginn des EM-Turniers. „Die Zweifel an uns waren legitim“, räumt er ein, „es ist wahr, dass wir keinen Superstar haben. Aber es gibt einen unglaublichen Willen, unsere Grenzen zu überwinden.“ Inzwischen gilt auch ein Sieg gegen Deutschland in der Heimat keineswegs als unwahrscheinlich. Und ein wesentlicher Grund für diesen Optimismus steht im Tor.

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