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Bei der EM 2016 noch Islands Volksheld, inzwischen suspendiert: Kolbeinn Sigthorsson beim Siegtor gegen England.
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Bei der EM 2016 noch Islands Volksheld, inzwischen suspendiert: Kolbeinn Sigthorsson beim Siegtor gegen England.

WM-Qualifikation

Islands heile Fußballwelt in Trümmern

  • Frank Hellmann
    VonFrank Hellmann
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Vor dem Spiel am Mittwoch gegen Deutschland wird der isländische Fußball von einem weitreichenden Missbrauchsskandal erschüttert, der den Verband der Heuchelei überführt

Das aktuelle Trikot der isländischen Nationalmannschaft kostet derzeit 14 990 isländische Kronen, umgerechnet rund 100 Euro. Beworben wird das Jersey auf der Verbandshomepage mit je zwei Männern und Frauen, die sich lässig aneinander lehnen – die gleichberechtigte Förderung des Männer- und Frauenfußballs ist seit vielen Jahren gelebte Realität im Knattspyrnusamband Íslands (KSI), dem isländischen Fußballverband. Die bislang letzten deutschen Protagonisten, die im zugigen Laugardalsvöllur, dem 15 000 Zuschauer fassenden Nationalstadion ein stimmungsvolles WM-Qualifikationsspiel austrugen, waren fast auf den Tag vor drei Jahren nicht Manuel Neuer und Leon Goretzka, sondern Almuth Schult und Svenja Huth, deren Doppelpack unter der Anleitung der Allzweckwaffe Horst Hrubesch damals den DFB-Frauen den Weg zur WM 2019 in Frankreich öffnete.

Es war eine Zeit, in der knapp 360 000 Einwohner noch den Fußball als Sinnbild von Offenheit und Völkerverständigung begriffen, als man mit Werten wie Toleranz, Fairplay und Geschlechtergerechtigkeit punkten konnte. Islands Fans waren mit der „Hu-Hu-Hu“-Anfeuerung seit der Männer-EM 2016 in Frankreich als weltweite Botschafter unterwegs. Das Heile-Welt-Gebilde ist nun vor dem WM-Qualifikationsspiel gegen Deutschland (Mittwoch 20.45 Uhr/RTL) in sich zusammengebrochen. Ein Missbrauchsskandal mit sexuellen Übergriffen, weswegen Stürmer Kolbeinn Sigthorsson bereits aus dem Nationalteam suspendiert wurde, zieht noch immer weite Kreis.

Es geht um Vorfälle, die vier Jahre zurückliegen. Der heute 31 Jahre Sigthorsson, der nach seinem Siegtor im EM-Achtelfinale 2016 gegen England (2:1) zum Volkshelden aufgestiegen war, soll im September 2017 in einem Nachtklub in Reykjavik einer jungen Frau in den Schritt gefasst und sie am Nacken gepackt haben, bevor der Fußballstar und ein weiterer Mann sie und eine andere Frau angriffen.

Beide Opfer erstatteten Anzeige. Der bei IFK Göteborg spielende Sigthorsson gab zu, sich „unangemessen“ verhalten zu haben, wies aber die Übergriffe zurück. Was die Sache für den Verband so peinlich macht: Offenbar gab es im Hintergrund gemeinsame Bestrebungen, die Vorfälle über Schweigegelder geräuschlos zu regeln.

Schweigen für 20 000 Euro

Sigthorsson traf sich im Frühjahr 2018 mit den Frauen, entschuldigte sich und zahlte offenbar drei Millionen isländische Kronen (20 000 Euro) an eine Hilfsorganisation. Damit war für ihn der Fall erledigt. Zugleich beteuerte Verbandschef Gudni Bergsson, dass beim KSI keine Vorwürfe wegen sexueller Übergriffe aufgelaufen wären. Eine dreiste Lüge. Denn eines der Opfer, Thorhildur Gyda Arnarsdottir, wagte sich an die Öffentlichkeit, der TV-Sender RUV strahlte die Interviews aus, die auch die ZDF-Sportreportage zeigte. Die 25-Jährige erhob schwere Vorwürfe gegen den Fußballverband, der sie über einen Anwalt gefragt hätte, „eine Geheimhaltungsvereinbarung zu unterzeichnen.“ Bergsson, der lange jedes Wissen bestritt, trat am 27. August zurück, seine Vorstandsmitglieder folgten, die Geschäftsführerin wurde beurlaubt. Wer deckte wen? Wer weiß was? Und vor allem: War das bloß ein Einzelfall?

Offenbar sammeln sich beim Umgang mit Frauen auf der Insel im Nordmeer Widersprüche an, die sich wie Feuer und Eis verhalten. Einerseits hielt ein Report des Weltwirtschaftsforums (WEF) fest, dass Island der beste Ort sei, „um eine Frau zu sein“, weil Gleichberechtigung überall gelebt werde. Anderseits erschien eine Studie der Universität von Island, dass jede vierte Frau vergewaltigt oder sexuell missbraucht werde. Häusliche Gewalt werde oft totgeschwiegen. Spiegelt sich im Fußball nur eine gespaltene Gesellschaft wieder? Gerüchte gab es im Sommer auch um den ehemals für die TSG Hoffenheim spielenden Gylfi Sigurdsson, 31, den die Polizei wegen sexuellen Kindesmissbrauchs in Visier genommen haben soll. Der FC Everton bestätigte ohne Namensnennung die Verhaftung eines 31-jährigen Spielers. Sigurdsson ist diese Saison noch ohne Einsatz.

Da geht fast unter, dass die Nationalelf mit einer in die Jahre gekommenen Generation den Anschluss verliert. In den EM-Playoffs im Herbst 2020 scheiterte Island an Ungarn, zum Auftakt der WM-Qualifikation war das Team beim 0:3 gegen Deutschland chancenlos und ist nach einem 2:2 gegen Nordmazedonien nur Vorletzter der Gruppe J. Besserung ist so schnell nicht in Sicht. Wenn sich jetzt auch noch Kinder und Jugendliche abwenden, weil dem Nachwuchs die Idole fehlen, wird es gefährlich. Der isländische Fußball scheint fast noch unruhiger als die Vulkane und Geysire, wegen deren so viele Touristen auf das mystische Eiland fliegen.

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