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Irans Fußballer: Mullahs Mannschaft?

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Von: Frank Hellmann

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Problematscher Besuch: Die iranischen Spieler zu Gast bei Ebrahim Raisi, Präsident des Iran.
Problematscher Besuch: Die iranischen Spieler zu Gast bei Ebrahim Raisi, Präsident des Iran. © dpa

Das iranische Team ist vor ihrem Auftakt gegen England in ein hochpolitisches Spannungsfeld geraten / Seit der Nominierung schweigen auch kritische Spieler - weil sie müssen?

Es sind deutliche Worte, die Parviz Parastui wählt. Der beliebte Schauspieler senkt vor dem ersten WM-Spiel seiner Landsleute gegen England (Montag 14 Uhr/ZDF) bereits den Daumen. „Noch bevor die Wettkämpfe begonnen hat, habt ihr in den Augen unseres Volkes verloren.“ Der 67-Jährige kann nicht verstehen, dass die Fußballer keinen Anflug von Anteilnahme aussenden, um die in der Heimat seit Wochen unter Lebensgefahr protestierenden Frauen zu unterstützen. Stattdessen wird die Nationalmannschaft vom Mullah-Regime für Propagandazwecke eingespannt, während die Demonstranten seit Wochen systematisch verfolgt und die Unruhen blutig niederschlagen werden. Nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen hat es bereits mehrere Hunderte Tote gegeben.

Verdächtiges Schweigen

Vor der Abreise nach Doha kam es zu einem Empfang bei Staatspräsident Ebrahim Raisi. In geschniegelten Anzügen verneigten sich die Nationalspieler vor den erzkonservativen Herrschern – und waren offenbar bester Laune. Der Unmut vieler Menschen über diese Verbeugung vor dem Machtapparat ist groß. In den Sozialen Medien wird das Team „Mullah-Mannschaft“ genannt, zumal iranische Nationalspieler an dem Tag miteinander herumalberten, als die Ermordung eines zehnjährigen Kindes bekannt wurde.

Rasend schnell verbreiten sich Bilder, in denen die Auswahl blutbeschmiert dargestellt wird – auf einer Fotomontage trampelt ein Spieler auf den am Boden liegenden Frauen herum. An einer Brücke in Teheran ging ein Mannschaftsbild in Flammen auf. Nun wird erwartet, dass die im Ausland beschäftigten Stützen wie Alireza Jahanbakhsh (Feyenoord Rotterdam) oder Mehdi Taremi (FC Porto) zumindest weigern, die Hymne zu singen. „Alles, was wir machen, wird interpretiert. Und jeder interpretiert es anders“, sagte Stürmer Karim Ansarifard (Omonia Nikosia) dieser Tage. Eines von vielen ausweichenden Statements.

Nicht zu unterschätzen ist der Druck, der auf die Sportler nicht erst jetzt ausgeübt wird. Auffällig ist, dass seit der Nominierung auch Sardar Azmoun (Bayer Leverkusen) keine kritischen Beiträge mehr verfasst hat. Sein Instagram-Profil ist indes schwarz. Viele vermuten, dass der Torjäger schweigen muss. Mit allen Mitteln will der Klerus verhindern, dass die erste WM in einem muslimischen Land zur Protestbühne wird.

Mit der Berliner Organisation Discover Football verbundene Aktivisten sind entsetzt, dass auch iranischen Journalisten kurzerhand noch die Ausreise verweigert oder Akkreditierungen zurückgezogen werden sollten. So forderte die iranische Regierung die Fifa in mindestens einem Fall per Email auf, eine Akkreditierung zu stornieren. Die betreffende Person blieb zwar in Doha, aber arbeitet nun in ständiger Angst.

Der WM-Auftakt gegen England ist auch deshalb brisant, weil dort viele Exil-Iraner regelmäßig demonstrieren. Offenbar wollen englische Fans in der 22. Minute den Namen Mahsa Amins rufen, deren Tod mit 22 die Massenproteste auslöste. Zuletzt waren die Rufe nach einem WM-Ausschluss des Irans lauter geworden, doch Fifa-Präsident Gianni Infantino schob dem einen Riegel vor. „80 Millionen Menschen leben im Iran – das sind nicht alles Monster! Das glaube ich nicht. Sollten wir jetzt jeden ausschließen? Wir werden kämpfen, immer wieder Leute zusammenzubringen.“

Spiele mit viel Brisanz

Er habe vor drei Jahren beim iranischen Präsidenten erreicht, dass Frauen ins Stadion dürfen, so Infantino. Doch einzelne Teilöffnungen erwiesen sich als Farce. Der Fifa-Boss sieht seine Institution an diesem Punkt machtlos: „Wir sind nicht die Vereinten Nationen, die Weltpolizei, die Blauhelme. Die einzige Waffe, die wir haben ist der Ball.“ Doch wenn dieser im Khalifa Stadium jetzt gegen England rollt, könnten die Begleitumstände bedrückender kaum sein.

Für Nationaltrainer Carlos Queiroz keine einfache Aufgabe, zumal auch die Gruppenspiele gegen Wales und USA sportpolitische Brisanz bürgen. Der erst vor zwei Monaten zurückgeholte Portugiese will seine Spieler bei Aktionen nicht einbremsen und erinnerte an den Kniefall englischer Nationalspieler, den auch nicht alle auf der Insel gut finden würden. Der 69-jährige hatte sich als Nationalcoach des Iran von 2011 bis 2019 nicht gescheut, den staatstreuen Funktionären die Stirn zu bieten. Auch seine Popularität im steht bei dieser WM auf dem Spiel.

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