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Zwei Macher, die bei RB Leipzig den Weg vorgeben: der Vorstandsvorsitzende Oliver Mintzlaff (links) und Sportdirektor und Trainer Ralf Rangnick.

RB Leipzig

„Wir werden auch in fünf Jahren mit Bayern nicht gleichziehen“

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Oliver Mintzlaff, Vorstandsvorsitzender von RB Leipzig, zum Pokalfinale gegen den Meister, zum Polarisierungsfaktor, zu Gehältern jenseits der Vorstellungskraft in Liverpool und zur offenen Zukunft von Ralf Rangnick.

Herr Mintzlaff, Sie sind als Vorstandschef von RB Leipzig mit der Stadt gut vertraut, die ungeachtet vom Pokalfinale viel Wertschätzung erfährt. Was empfiehlt der ehemalige Langstreckenläufer denn einem Gast als schönste Joggingstrecke?
Ich laufe in der Regel mit Benjamin Ippoliti (Presseprecher, Anm. d. Red.). Dann starten wir am Cottaweg, rennen zum Elsterbecken und drehen eine Schleife durch den Clara-Zetkin-Park, um dann nach zehn Kilometern wieder am Trainingszentrum zu landen. Für denjenigen, der zum Wochenendtrip zu einem unserer Heimspiele kommt, ist das Rosenthal die schönste Adresse.

Wie oft kommen Sie dazu?
Ich versuche, drei, vier Mal die Woche Sport zu treiben, wobei ich mich auch fürs Radfahren interessiere. Wegen meiner Probleme mit Rücken und Knien steige ich öfters aufs Rennrad (steht in seinem Büro, Anm. d. Red.).

Ein ambitionierter Radfahrer würde an einem Tag die Strecke von Leipzig nach Berlin schaffen. Seit Energie Cottbus 1997 hat kein Pokalfinalist eine solch räumliche Nähe nach Berlin gehabt. Haben Sie ein Heimspiel?
Mit der gefühlten Nähe gibt es schon einen Bezug. Wir wissen, dass einige unserer Fans auch aus Berlin oder dem Umland kommen. Ich würde trotzdem nicht vom Heimspiel sprechen, weil ein Pokalfinale per se für beide kein richtiges Auswärtsspiel darstellt.

Der Verein RasenBallsport Leipzig ist gerade erst zehn Jahre alt. Vermutlich hätte es kein besseres Spiel zum Jubiläum gegeben?
Wenn Uli Hoeneß sagt, kein Regisseur hätte den Abschied mit den Toren von Franck Ribery und Arjen Robben besser inszenieren können, dann ist diese Konstellation für uns ebenfalls perfekt, zumal am Freitag auch unsere U19 im Pokalfinale steht.

Mit dem polarisierenden Faktor spielen Sie mit der Kampagne “#WirPokalisieren“.
Dass wir polarisieren, finden wir gar nicht schlimm, sondern sogar eher gut – auch dass viele über unseren Verein diskutieren. Gerne auch kontrovers.

Stört es gar nicht, dass RB Leipzig teilweise noch nicht so akzeptiert wird wie Bayer Leverkusen oder der VfL Wolfsburg?
Bayer Leverkusen wurde 1904 gegründet, der VfL Wolfsburg gibt es in dieser Konstruktion seit mehr als 20 Jahren, auch die TSG Hoffenheim ist ein paar Jahre länger dabei. Uns gibt es erst zehn Jahre, aber in dieser Zeit haben wir schon sehr viel erreicht und erlebt. Zum Auswärtsspiel nach Bremen sind uns 3500 Fans gefolgt. Mir hat Werders Vorstandschef Klaus Filbry gesagt, dass es nicht viele Vereine gebe, die einen so großen Anhang mitbringen. Wir müssen aber auch festhalten, dass wir die Uhr nicht vordrehen können.

Im Geschäftsbericht 2017 sind für RB Leipzig gegenüber dem Konzern 134,2 Millionen Euro Verbindlichkeiten ausgewiesen. Würden die Vorbehalte nicht weniger, wenn Sie die Zuwendungen transparenter machen?
Zum einen sind wir einer der transparentesten Fußballvereine, weil wir seit gut vier Jahren versuchen, bei allen, auch kritischen, Fragen Rede und Antwort zu stehen. Zum anderen legen wir unseren Jahresabschluss gemäß den gesetzlichen Bestimmung natürlich offen. Das ist beispielsweise in Wolfsburg anders, weil die im Konzern konsolidieren. Wir müssen aber nicht jeden einzelnen Posten kommunizieren. Dass wir als Start-up-Unternehmen einen Kredit aufnehmen mussten, um in Steine und Beine zu investieren, ist richtig. Aber würden wir heute – rein theoretisch – alles verkaufen, was hier geschaffen wurde, hätte der Verein ein ganz, ganz dickes Plus gemacht. Da würde ein hoher zweistelliger, vielleicht sogar dreistelliger Millionenbetrag überbleiben.

Wird ihr Verein also nicht gerecht bewertet?
Ich bitte lediglich um eine differenzierte Betrachtung. Wir verschleiern doch gar nichts. Wir würden gar keine Lizenz bekommen, wenn wir unsere Verbindlichkeiten nicht tilgen würden. Das machen andere Vereine auch, die es von anderen Geldgebern bekommen. Borussia Dortmund ist eine Aktiengesellschaft, Hertha BSC hat einen Investor ins Boot geholt, Schalke 04 hat Clemens Tönnies.

Ist der Fall Timo Werner, der wohl seinen Vertrag nicht verlängert und nach München wechseln könnte, ein Beleg, dass es für ihren Klub ein Limit gibt?
Was Gehälter und Ablösen angeht, werden wir nicht in der nächsten, nicht in der übernächsten Saison und auch nicht in fünf Jahren gleichziehen. Auch wenn wir schneller aufholen sollten, werden wir einen Unterschied von ungefähr 200 zu 600 Millionen Euro Umsatz nicht in wenigen Jahren schließen. Ich finde das Beispiel Naby Keita (verließ RB im Sommer, Anm. d. Red.) eh passender: Der bekommt beim FC Liverpool ein Gehalt, das jenseits unseres Vorstellungsvermögens liegt.

Ihr Verein würde mit dem Pokalsieg die Entwicklung krönen. Gleichzeitig würde auch Ralf Rangnick seine Arbeit veredeln.
Klar, Ralf ist voll auf dieses Finale fokussiert, er steht zum dritten Male in Berlin, kann zum zweiten Mal gewinnen. Wir sind aber kein ichbezogener Verein: Ein Sieg wäre für den gesamten Klub, das Umfeld, die Fans, die Region etwas ganz Besonderes: Seit 1941 war der Pokal nicht mehr im Osten (Dresdner SC, Anm. d. Red.).

Warum ist immer noch unklar, was aus Ralf Rangnick nach dem Pokalendspiel wird?
Es gibt gar keinen Dissens zwischen Ralf und mir. Wir waren uns beide einig – nachdem wir Julian Nagelsmann für nächste Saison verpflichten konnten -, dass wir im Übergangsjahr keine 1b- oder 1c-Lösung einstellen. Und jetzt ist der Punkt gekommen, wo wir uns überlegen müssen, wie wir die Zukunft gestalten. Es gibt vielseitige Optionen. Wir haben diese Gespräche auf die Woche nach dem Pokalfinale verschoben, weil dann insbesondere Ralf den Kopf frei hat, um zu definieren, was möglicherweise weitere Aufgabenfelder sind, wo er sich einbringen könnte. Da geht es in erster Linie darum, wie wir den Klub weiter voranbringen können. Das wollen wir dann zeitnah umsetzen und es natürlich auch bekanntgeben.

Und zuerst wird verkündet, dass Markus Krösche als Sportdirektor vom SC Paderborn kommt?
Wir haben uns mit vielen Namen beschäftigt, aber mit niemandem einen Vertrag unterschrieben: weder mit Markus Krösche noch Christoph Metzelder oder Jonas Boldt oder wer sonst noch mit uns in Verbindung gebracht wurde. Den Schritt können wir gar nicht vollziehen, weil wir ja noch nicht wissen, wie das Aufgabengebiet von Ralf en détail aussieht.

Ist es denn denkbar, dass Rangnick ein Engagement in der Premier League beginnt?
Das kann man natürlich nicht ausschließen. Und Ralf hat ja auch immer betont, dass er sich noch zu jung und fit fühlt, um grundsätzlich auszuschließen, irgendwann vielleicht noch mal woanders Trainer zu werden. Ich gehe aber davon aus, dass er die nächsten Jahre bei uns ist, weil wir hier noch viel vorhaben.

Bald fängt als Trainer Julian Nagelsmann an, den RB Leipzig schon früher in anderer Funktion verpflichten wollte.
Es stimmt, dass Ralf in der Vergangenheit häufiger Interesse an ihm hatte. Jetzt ist der Einstieg ideal, weil er gleich mit uns in der Champions League spielen kann. Und wir legen ihm die Messlatte auch nicht höher: Wenn wir wieder Dritter werden würden, wäre ich total zufrieden. Julian selbst ist allerdings sehr ehrgeizig, und wir werden ihn sicherlich bei seinen Zielsetzungen nicht bremsen.

Nagelsmann fährt in seiner Freizeit sehr gerne Mountainbike. Dann haben Sie ja bald auch einen Partner fürs Radfahren.
Wir haben uns tatsächlich darüber häufiger ausgetauscht. Nach Rücksprache mit ihm habe ich mir auch ein Mountainbike gekauft. Aber kurz danach habe ich es ein bisschen übertrieben und mir prompt bei einem Überschlag im Siebengebirge bei Bonn eine Rippe gebrochen. Ich muss mit dem Mountainbike noch ein bisschen üben, bis ich das Niveau unseres neuen Trainers erreiche. Er wagt sich an Strecken, die ich in meinem Alter lieber nur als stiller Beobachter anschaue, wenn er sie mit der Helmkamera aufgenommen hat (lacht).

Interview: Frank Hellmann

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