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Unermüdlicher Antreiber: Antonio Conte, Trainer von Inter Mailand.

Inter Mailand

Inter Mailand: Rudern in der Dunkelheit

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Trainer Antonio Conte soll Inter Mailand zu altem Glanz verhelfen – sein obsessiver Perfektionismus treibt ihn dabei an.

Sie ist offenbar noch schlimmer geworden, die Sache mit Antonio Conte und dem Schlaf. Schlimm war sie ja immer schon. Früher aber waren es in erster Linie Niederlagen, die ihm die Nachtruhe raubten, manchmal mit lang anhaltender Wirkung. Sechs Nächte am Stück hat er nicht schlafen können, nachdem Juventus Turin im Jahr 2000 mit dem Mannschaftskapitän Conte den italienischen Meistertitel vergeigt hatte, auf den allerletzten Metern der Saison. Niederlagen, heißt es, bereiten dem Mann seelische und körperliche Schmerzen. Auch heute noch, da er Trainer ist, 50 Jahre alt, und er setzt sich dann in sein Büro und analysiert das Spiel, bis der Schmerz nachlässt, wenigstens ein bisschen.

Inzwischen jedoch sind es nicht mehr nur die Niederlagen. Inzwischen verfolgen Antonio Conte, den neuen Trainer von Inter Mailand, auch die Unentschieden bis in die Dunkelheit.

1:1 hatten Conte und Inter im ersten Gruppenspiel der Champions League gegen Slavia Prag gespielt, Nicolo Barellas Ausgleich für die Italiener fiel erst in der Nachspielzeit. Conte ging nie nach Hause in dieser Dienstagnacht. So „ernsthaft angepisst“ war er nach eigenen Angaben über den Punktverlust und die miese Leistung gegen die Tschechen, dass an Schlaf nicht zu denken war. Also fuhr er direkt vom San-Siro-Stadion zum Trainingsgelände von Inter und setzte sich an den Schreibtisch. Wenn Antonio Conte frustriert ist, hilft ihm nur Arbeit.

„Kopf runter und weiterrudern“, hatte der Süditaliener als Mantra ausgegeben, als er im Juli in Mailand präsentiert wurde. Er gilt als obsessiver Perfektionist, woran natürlich auch sein guter Start bei Inter nichts geändert hat, mit sechs Siegen in den ersten sechs Serie-A-Spielen. „Irgendwann werden wir stolpern, dann müssen wir Stärke zeigen und uns selbstbewusst wieder hochrappeln“, hat Conte gesagt, und tatsächlich unterliefen Inter dann die ersten Saisonniederlagen, 1:2 in der Liga gegen den norditalienischen Erzrivalen Juventus Turin, 1:2 beim FC Barcelona in der Champions League.

Während die Lage in der Liga weiter in Ordnung ist für die Nerrazurri, die nach acht Spieltagen mit einem Zähler Rückstand auf Juve auf Platz zwei rangieren, ist der Druck in der Königsklasse schon beachtlich vor dem Heimspiel am Mittwoch gegen Borussia Dortmund (21 Uhr) im San Siro. Eine Niederlage gegen den BVB bei gleichzeitigem Sieg von Barcelona in Prag wäre bei dann sechs Punkten Rückstand ein entscheidender Rückschlag im Kampf um den Achtelfinaleinzug. Daran waren die Lombarden bereits in der vergangenen Saison gescheitert, stiegen als Gruppendritter in die Europa League ab. Dort war gleich im Achtelfinale gegen Eintracht Frankfurt Schluss.

Das Inter vom März hat aber nicht mehr allzu viel mit dem Inter von heute gemein. Mit Conte, der bei Juventus zwischen 2012 und 2014 dreimal die italienische Meisterschaft gewann und beim FC Chelsea 2017 einmal die englische, sind nicht nur die Ansprüche in Mailand gestiegen, sondern auch die Qualität. Dank Conte und Transferanstrengungen in Höhe von 155 Millionen Euro gehört der Traditionsklub erstmals seit dem Triple-Gewinn 2010 unter Trainer José Mourinho zu einem seriösen Titelkandidaten, zumindest in der heimischen Serie A. Ein „siegreicher Fußballklub und ein erfolgreiches Unternehmen“ solle Inter werden, verkündete der chinesische Vereinspräsident und Investor Steven Zhang.

Conte, Nachfolger des durchaus erfolgreichen Luciano Spalletti (führte Inter 2018 nach sechs Jahren wieder in die Champions League), setzt seine Philosophie mit Nachdruck um. Mentalität geht vor. „Siege kommen von einer guten Einheit in der Kabine“, hat er vor Jahren einmal gesagt, als er noch Trainer im kleinen Siena war: „Ich habe lieber einen Typen, der, auf einer Skala von eins bis zehn, als Spieler eine sieben ist und als Mann eine zehn, als jemanden, der als Spieler zwar eine zehn ist – aber als Mann nur eine fünf.“ Den Teamgeist in seinem ersten Jahr bei Juventus Turin beschrieb er einst so: „Hätte ich gesagt: ‚Lasst uns alle vom Dach springen‘ – wir hätten das getan. So stark war der Glaube und die Einheit zwischen uns.“ Das ist der Maßstab.

Entsprechend radikal ging Conte bei der Kaderplanung für die neue Saison vor. Der alte Held Radja Nainggolan wurde schnell zu Cagliari Calcio verliehen, Ivan Perisic gab man liebend gerne an den FC Bayern ab, und Mauro Icardi war zwar mit Abstand bester Stürmer bei Inter in den vergangenen Jahren, mit seinen privaten Eskapaden aber auch ein massiver Störfaktor in der Kabine. Der Argentinier wechselte zu Paris St. Germain. Dafür kam Mittelstürmer Romelu Lukaku für 65 Millionen Euro von Manchester United, während Flügelangreifer Alexis Sanchez von den Engländern zunächst ausgeliehen wurde. Die Abwehr hat Diego Godin verstärkt, der 33-jährige Uruguayer hat sich in seiner Zeit bei Atletico Madrid einen Namen als kampfstarker Mentalitätsspieler gemacht.

Kunst und Kampf, sorgsam abgemischt, so stellt Conte sich Inters Weg zurück zur alten Stärke vor und zurück zu den alten Erfolgen. „Der Weg zur europäischen Spitze ist noch lang“, hat der ehemalige italienische Nationaltrainer neulich gesagt, und entscheidend war dabei das Wörtchen noch. Denn noch im Sinne von zur Zeit bedeutet, dass der Weg irgendwann nicht mehr lang ist. Weil er zu Ende ist.

Erfolg zu haben, koste es, was es wolle, ist eingeschrieben in Antonio Conte, den Süditaliener, der im verhassten Norden zum Champion wurde. Der Name seiner Tochter sagt eigentlich schon alles, Vitoria heißt sie. Zu Deutsch: Sieg.

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