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Inmitten der Widersprüche

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Eine Stütze des ungarischen Teams: Torwart Peter Gulacsi.
Eine Stütze des ungarischen Teams: Torwart Peter Gulacsi. © AFP

Der Volkssport Fußball und die Nationalelf werden von Ungarns Regierung vereinnahmt.

Der Sitz des ungarischen Fußball-Verbandes (MLSZ) versteckt sich ein ganzes Stück in der weitläufigen Peripherie der strahlenden Hauptstadt Budapest. Keinen der vielen Touristen, die sich von den Sehenswürdigkeiten betören lassen, würde es je in den unscheinbaren Vorort Telki ziehen, der nach etlichen Abzweigungen und schlechten Straßen hinter einigen Hügeln auftaucht. Hier sind Sportplätze, Sporthalle und Hotel entstanden, die Ungarns Nationalmannschaft auch zur Vorbereitung auf das prestigeträchtige Nations-League-Duell gegen Deutschland nutzt. Dass die Magyaren den zweiten Sommer in Folge auf den vierfachen Weltmeister in einem Pflichtspiel treffen, erfüllt die Fußball-Nation mit Stolz. Die EM-Teilnahme im vergangenen Sommer, der Aufstieg in die A-Kategorie der Nations League bezeugen trotz der verpassten WM-Qualifikation – Ungarn wurde hinter England und Polen Dritter – einen Aufwärtstrend beim Weltranglisten-40.

Von der berühmten Bastei ist die Silhouette der mächtigen Puskas-Arena gut zu erkennen, die zum Gastspiel der DFB-Auswahl prall gefüllt sein wird. Wie vor einem Jahr zum letzten dramatischen EM-Gruppenspiel (2:2) hat sich der italienische Trainer Marco Rossi einen genauen Plan zurechtgelegt, bei dem sein Leipziger Dreigestirn mit Torwart Peter Gulacsi, Abwehrchef Willi Orban und dem bei der EM verletzten Antreiber Dominik Szoboszlai oder der Freiburger Angreifer Roland Sallai wichtige Stützen sind – Andras Schäfer von Union Berlin muss sich diesen Status erst noch verdienen. Dem taktisch gut eingestellten Rossi-Team gelang vor einer Woche gegen England (1:0) ein echter Coup, doch diskussionswürdig waren die Umstände.

Die Partie hätte wegen einiger rassistischer Vorfälle bei den EM-Heimspielen gegen Portugal (0:3) und Frankreich (1:1) eigentlich als Geisterspiel über die Bühne gehen sollen, doch der Verband nutzte dreist den Passus, dass Kinder bis 14 Jahren davon ausgenommen sind – davon strömten dann 30 000 auf die Ränge. Dass sie beim Niederknien die Engländer ausbuhten, war ein Unding. Gegen Deutschland wird vermutlich wieder die „Carpathian Brigade“ den Ton angeben; zahlenmäßig innerhalb der Fanszene eigentlich eine Minderheit, aber die schwarz gekleidete Gruppierung mit rechtsradikaler Gesinnung übertönt oft alles. Es mutete bei der EM befremdlich an, wenn der damalige Mainzer Adam Szalai voller Inbrunst nach Abpfiff vor dem schwarzen Block noch einmal die Nationalhymne sang. Ansonsten halten sich die Spieler aber am liebsten aus sportpolitischen Themen heraus.

Budapest hat neue Stadien

Als vor einem Jahr vor dem Spiel in München die Regenbogen-Debatte bis nach Telki schwappte, sagte der in Kaiserslautern geborene Verteidiger Orban in einer Pressekonferenz auf Deutsch: „Mir persönlich würde es gefallen, wenn es bunt wäre.“ Er verwies darauf, dass er die Arena in München ja bereits blau und rot strahlend von Auswärtsspielen beim TSV 1860 und FC Bayern kennen würde. Anschließend hatte der zuvor noch finster dreinblickende Übersetzer kein Problem mit der Übermittlung ins Ungarische.

Die enge Verflechtung zwischen dem Fußball und der Politik ist besonders in Budapest offenkundig, wo der rechtsnationale Regierungschef Viktor Orban seit Amtsantritt 2010 Doppelpässe mit den Fußballbossen spielt. Der MLSZ-Präsident Sandor Csanyi ist sein enger Freund – und dessen Bank zugleich Hauptsponsor der ersten ungarischen Liga. Rekordmeister Ferencvaros wird von einem Fidesz-Vorstand gelenkt – die Arme der Partei reichen in die meisten Hauptstadtklubs. Als Gegenleistung stehen selbst in den Bezirken mit heruntergekommenen Wohnblöcken seither moderne Stadien. Orbans Regierung orchestriert mit den üppigen Geldern zahllose Abhängigkeiten, auch bis zur Uefa hin, die das Europa-League-Finale 2023 nach Budapest vergeben hat.

Das ist alles auf der einen Seite kritisch zu betrachten, auf der anderen Seite herrschte vor einem Jahr im EM-Sommer in der Donaumetropole eine offene Atmosphäre, die im Kleinformat ans WM-Sommermärchen 2006 erinnerte. Abertausende Portugiesen, Franzosen, Tschechen und Niederländer genossen die Gastfreundschaft in den Public-Viewing-Bereichen mit Panorama-Blick am Donauufer – bald reisten viele Österreicher nur zum Fußballgucken ins Nachbarland. Auch das gehört zum Erscheinungsbild eines Volksports, der in Ungarn spaltet – aber auch Menschen zusammenbringt.

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