1. Startseite
  2. Sport
  3. Fußball

Infantinos Entfremdung: So sorgt der Fifa-Boss für Aufregung

Erstellt:

Von: Jan Christian Müller

Kommentare

Abenteuerliche Rede in Doha: Fifa-Boss Gianni Infantino.
Abenteuerliche Rede in Doha: Fifa-Boss Gianni Infantino. © dpa

Man kann den Fifa-Boss nicht mehr ernstnehmen. Und nicht nur weil es ihm in so vielen Fällen an Empathie mangelt. Der Kommentar.

Es passt zur Selbstwahrnehmung des Fifa-Präsidenten: Gianni Infantino orientiert sich an den Großen der Geschichte. An John F. Kennedy und dessen legendäre Reaktion auf den Mauerbau, als der US-amerikanische Präsident im Juni 1963 vorm Schöneberger Rathaus 120.000 Leuten in der geteilten Stadt zurief: „Ich bin ein Berliner.“ An den Schwarzen Bürgerrechtler Martin Luther King, der im April desselben Jahres in seiner berühmt gewordenen „I have a dream“-Rede am Lincoln Memorial in Washington vor 250.000 Menschen seinen Traum einer gerechten Gesellschaft formulierte.

Nun also, am Vortag des Auftakts der WM in Katar, Gianni Infantino im Medienzentrum von Doha: „Heute fühle ich mich als Katarer, heute fühle ich mich als Araber, heute fühle ich mich afrikanisch. Heute fühle ich mich homosexuell. Heute fühle ich mich behindert, heute fühle ich mich als Arbeitsmigrant.“

Umstrittener Fifa-Boss Gianni Infantino: Im Modus der Attacke

Man kann den Mann nicht mehr ernstnehmen. So vom Feeling her. Denn es ist derselbe Infantino, der noch vor kurzem dazu aufgefordert hatte, im Angesicht der WM in Katar nur noch über Fußball zu sprechen. Es dauerte lediglich ein paar Tage, bis ihm gewahr wurde, dass eine solche Verengung des Blickfeldes in vielen der führenden Fußballländer Westeuropas nicht geduldet wird. Der Gegenrede, angenehm deutlich auch vom widerspenstigen DFB formuliert, begegnet er im Modus der Attacke.

Wenn ersichtlich wäre, dass es diesem Mann ein ehrliches Anliegen wäre, die Welt zu verbessern und nicht bloß das Girokonto des Fifa auszupolstern – man könnte sich mit manch gutem Argument ernsthaft auseinandersetzen. Denn tatsächlich lohnt es sich, darüber nachdenken, ob der fordernde Blick aus einer Demokratie den Entwicklungen in einer Autokratie gerecht wird. Oder ob dieser Blick zu sehr vor Moral trieft, der man selber nicht gerecht wird.

Gianni Infantino baut Brücken nach Osten und reißt die nach Europa ein

Gianni Infantino hat mit den Verbänden des zivilen Ungehorsams aus Europa gebrochen. Er spricht von der „Western World“ in einer Form der Entfremdung. Er baut Brücken zur arabischen Welt und reißt die nach Europa ein. Auch mangelt es ihm an Empathie für Homosexuelle, Behinderte, unterbezahlte Migranten, unterdrückte Frauen. Woher soll er wissen, wie die sich fühlen? Er hat nie für einen Dollar pro Stunde auf einer katarischen Baustelle gearbeitet oder als Hausmädchen bei einem Scheich. Seine Lebenswelt ist eine völlig andere. Er sagt, er sei gehänselt worden, damals, als Gastarbeiterkind aus Italien mit roten Haaren und Sommersprossen. Weiß einer deshalb, wie an den Rand gedrängte Menschen sich fühlen mögen? Oder klingt das in deren Ohren vielleicht wie Hohn? (Jan Christian Müller)

Auch interessant

Kommentare