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Infantinos Bindenwahrheit

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Von: Jan Christian Müller

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Bleibt ein Phantom bei der WM in Katar: die One-Love-Binde, hier am Arm Manuel Neuers.
Bleibt ein Phantom bei der WM in Katar: die One-Love-Binde, hier am Arm Manuel Neuers. © dpa

Die Fifa lässt den Streit eskalieren, droht unverhohlen mit Sanktionen und untersagt das Tragen der „One-Love“-Kapitänsbinden - die europäischen Verbände beugen sich zähneknirschend diesem Diktat

Die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar hat bereits am zweiten Tag des Wettbewerbs eine neue Eskalationsstufe erreicht. Der Deutsche Fußball-Bund beugt sich unter lautem Protest zähneknirschend gemeinsam mit England, Wales, Dänemark, den Niederlanden, der Schweiz und Belgien dem Diktat der Fifa.

Der Fußball-Weltverband hatte sich monatelang nicht gerührt, nachdem die europäischen Verbände schriftlich mitgeteilt hatten, dass ihre Kapitäne bei der WM in Katar mit einer vierfarbigen „One-Love“-Binde auflaufen wollen. Nur wenige Stunden vor den ersten Spielen der Engländer, Waliser und Niederländer drohte die Fifa bei einer Sitzung mit Generalsekretärin Fatma Samoura, dass Kapitäne sanktioniert werden, die sich nicht dem Diktat des Weltverbandes unterwerfen und auf das Tragen der Binde verzichten. Der Eklat war damit perfekt. Die Verbände beugten sich am Montagmorgen nach einer unruhigen Nacht mit vielen Telefonaten dem Druck.

Am Nachmittag äußerte sich DFB-Präsident Bernd Neuendorf gemeinsam mit Manager Oliver Bierhoff am Trainingsplatz der deutschen Nationalmannschaft. Die Verärgerung nicht nur über die Entscheidung, sondern auch über die listige Taktik der Fifa war dem Verbandschef deutlich anzumerken: „Wir erleben einen beispiellosen Vorgang in der WM-Geschichte. Es handelt sich um eine Machtdemonstration der Fifa. Das war eine eindeutige Drohung, die wir sehr ernst nehmen mussten“, so der 61-Jährige. „Die von der Fifa herbeigeführte Konfrontation wollten wir nicht auf dem Rücken der Spieler austragen.“

Die betroffenen Kapitäne wären nach dem Willen der Fifa im Moment des Betretens des Platzes vom Schiedsrichter aufgefordert worden, die Binde zu entfernen. Hättem sie sich geweigert, wären weitere Schritte erfolgt, möglicherweise zunächst die Gelbe, dann die Rote Karte. „Wir wissen nicht, welche Sanktionen tatsächlich ausgesprochen worden wären“, sagte Neuendorf ernst.

Oliver Bierhoff ergänzte verärgert, die Fifa habe mit ihrem Vorgehen „ganz bewusst“ Unruhe in den Mannschaften so kurz vor deren Auftaktspielen in Kauf genommen. „Das Verhalten der Fifa ist frustrierend. Diese Eskalation führt dazu, dass es nicht mehr um den Sport geht. Es fühlt sich schon stark nach Zensur an.“ Auch der deutsche Kapitän Manuel Neuer sei enttäuscht.

„Wir waren willens, Geldstrafen zu zahlen, die normalerweise bei Verstößen gegen die Ausrüstungsvorschriften verhängt werden“, hatten die Europäer zuvor in einer gemeinsamen Mitteilung geschrieben: „Wir können unsere Spieler jedoch nicht in die Situation bringen, dass sie verwarnt oder gar gezwungen werden, das Spielfeld zu verlassen.“ Diese maximale Eskalationsstufe trauten sich die Verbände also nicht zu zünden. Neuendorf unterstrich, er habe „kein Interesse daran, den Dialog mit der Fifa einzustellen“, ganz im Gegenteil, man müsse im Gespräch bleiben. Er wolle „das Verhältnis zur Fifa nicht nachhaltig belasten“.

Die Fifa begründete das Verbot mit von allen Teilnehmern anerkannten WM-Regularien. Explizit hob der Verband in einer Mitteilung vom Montag den Artikel 13.8.1 der Ausrüstungsregeln hervor: „Für Fifa Final-Wettbewerbe muss der Kapitän jeder Mannschaft eine von der Fifa gestellte Armbinde tragen.“ Die Fifa unterstütze Kampagnen wie „One Love“, aber dies müsse im Rahmen der allen bekannten Regeln erfolgen.

Zum Vorwurf, der DFB sei vor dem Weltverband eingeknickt, sagte Bernd Neuendorf mit Verve: „Gerade wir als DFB müssen uns dem Vorwurf nicht aussetzen. Wir haben erst vor einer Woche erklärt, dass wir keine Nominierung von Gianni Infantino zur Wiederwahl als Fifa-Präsident vornehmen werden. Das war ein deutliches Signal, dass wir nicht bereit sind, bestimmte Dinge mitzutragen. Da haben wir uns als einer von wenigen Verbänden klar positioniert.“

Die Fifa-Entscheidung traf verständlicherweise allenthalben auf barsche Kritik. Die Fan-Organisation Football Supporters’ Association (FSA) ließ sich so zitieren: „Heute empfinden wir Verachtung für eine Organisation, die ihre wahren Werte unter Beweis gestellt hat, indem sie den Spielern die Gelbe Karte und der Toleranz die Rote Karte gezeigt hat.“ Und weiter: „Heute fühlen wir uns verraten“, schrieb die Fan-Organisation.

Auch Bundesliga-Schiedsrichter Patrick Ittrich hat sich in der Debatte deutlich gegen den Fußball-Weltverband positioniert. „Ich suche nach der Regelgrundlage für die Entscheidung seitens der Fifa, das Tragen der OL Binde mit Gelb zu sanktionieren. Ich finde sie nicht“, schrieb der 43 Jahre alte Hamburger am Montag auf Twitter. „Alle werden instrumentalisiert. Traurig und unfassbar! Auch hier nur indirekt ohne Grundlage für Gelb, oje!“

Als Folge könnten die Spielführer der Teams nun mit vom Weltverband bereitgestellten Armbinden auflaufen. Diese sollen an jedem Spieltag eine andere Antidiskriminierungs-Botschaft verbreiten. Englands Kapitän Harry Kane trug eine solche Binde am Montag beim Auftaktspiel gegen den Iran.

Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger hat Infantino für die angedrohten Sanktionen ebenfalls angegangen. „Wie erbärmlich! Gianni Infantino denkt, er ist größer als Virgil van Dijk, Manuel Neuer, Harry Kane und andere Topstars des Weltfußballs“, schrieb der offen als homosexuell lebende Ex-Nationalspieler. „Er denkt, das Spiel gehört ihm.“

Dank der früheren englischen Fußball-Nationalspielerin Alex Scott ist die „One-Love“-Kapitänsbinde am Rande des WM-Gruppenspiels zwischen England und Iran am Montag aber doch zum Einsatz gekommen. Scott trug sie während ihres Auftritts als TV-Expertin der britischen BBC am Spielfeldrand im Khalifa-International-Stadion am linken Oberarm. mit sid, dpa

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