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FIFA Präsident Gianni Infantino.

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Infantino, der Träumer

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Um die WM-Teilnehmer schon 2022 in Katar auf 48 aufzustocken, braucht der Golfstaat einen Co-Gastgeber. Allerdings befindet sich das Land mit seinen Nachbarn in einer diplomatischen Krise. Fifa-Präsident Gianni Infantino ist dem Irrglauben verfallen, dass der Fußball solche Krisen zu lösen vermag.

Ja, was wäre das schön! Gianni Infantino, der große Versöhner in der Golfregion. Der Mann, der Katar und Saudi-Arabien nach fast zwei Jahren der diplomatischen Krise wieder dank des Fußballs zusammenbringt. Der Präsident des Fußballweltverbandes hat sich vor einer Woche beim Fifa-Kongress in Miami von seinem Exekutivkomitee absegnen lassen, dass die Weltmeisterschaft schon in Katar 2022 und nicht erst bei der WM 2026 in den USA und Mexiko auf 48 Teams aufgestockt wird. Falls, aber auch nur falls, sich bis Juni ein Co-Gastgeber findet. Denn die acht WM-Arenen in Katar reichen für 16 zusätzliche Partien (insgesamt 80) nicht aus.

Das Problem: Seit Sommer 2017 wird Katar von Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Ägypten und Bahrain boykottiert, weil der Golfstaat extremistische Gruppierungen unterstützt haben soll. Als mögliche Co-Gastgeber kommen aktuell nur die Nachbarn Kuwait und der Oman in Betracht, die in der Krise neutral geblieben sind. Allerdings haben beide Länder derzeit jeweils nur ein WM-taugliches Stadion und eine Unterstützung Katars bei der Fußball-WM könnte Saudi-Arabien als Affront verstehen.

„Wir sind in der glücklichen Situation, dass ich mit jedem in der Golfregion sprechen und nur über Fußball reden kann“, sagte Infantino in den USA. Ein Satz, der vor Naivität nur so strotzt, denn seit wann lassen sich Fußball und Politik in so einer brisanten Lage trennen? Der Schweizer ist ganz gewiss kein naiver Mensch, sondern ein gewiefter Stratege, der genau weiß, was er will und wie er es bekommt. In seiner Rolle als Fifa-Präsident geht er voll auf. Er setzt Personen auf Posten, die er kontrollieren kann, wie etwa die unscheinbare Generalsekretärin Fatma Samba Samoura Diouf. Oder er schmiedet Allianzen mit den kleinen Konföderationen und stößt dabei seinen alten Arbeitgeber, die Uefa, vor den Kopf, indem er die Klub-WM auf 24 Teams erhöht. In dem Wissen, dass die Gier der europäischen Topklubs so groß ist, dass sie trotz des Uefa-Vetos teilnehmen werden.

Und im stillen Kämmerlein verhandelt er mit interessierten Investoren - aus Saudi Arabien - für eine globale Nations League, die in Miami aber gar nicht erst auf den Tisch kam. Vielleicht hat sich Infantino dieses Ass im Ärmel ja aufgehoben, ehe er nach Saudi-Arabien aufgebrochen ist, um über eine Lockerung des Boykotts gegen Katar zu verhandeln?

Zuzutrauen ist dem heute 49 Jahre alt werdenden Präsidenten mittlerweile alles, der seinen Vorgänger Sepp Blatter als Machtmensch innerhalb kürzester Zeit in den Schatten gestellt hat. „Fußball ist eine Kraft des Guten, das die Welt vereint“, sagte Infantino beim G20-Gipfel in Buenos Aires im Dezember. Vor den 20 größten Wirtschaftsnationen hatte noch nie ein Fifa-Präsident gesprochen. Auf diese Bühne gehört Infantino nach seinem eigenen Selbstverständnis. Diplomatische Krisen, das wird auch er feststellen müssen, werden sich nicht mit Fußball lösen lassen. Infantino wird nicht der große Versöhner sein, sondern ein großer Träumer bleiben.

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