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Als argentinischer Nationaltrainer vor dem Spiel gegen Deutschland am 3. Juli 2010 bei der Weltmeisterschaft in Südafrika.
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Als argentinischer Nationaltrainer vor dem Spiel gegen Deutschland am 3. Juli 2010 bei der Weltmeisterschaft in Südafrika.

Nachruf

In Gottes Hand

  • Thomas Kilchenstein
    vonThomas Kilchenstein
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Einer der größten Fußballer dieses Planeten kannte auf dem Platz keine Gegner. Nur das Leben danach überforderte den berühmtesten Argentinier.

Es ist noch gar nicht so lange her, knapp zwei Wochen vielleicht, da jubelten ihm die Treuen der Treuesten wieder zu, fast so, als habe er ein Tor erzielt so wie früher. Oder ein Dribbling über den halben Platz hingelegt, den Ball eng am linken Zauberfuß geklebt, in seinem Lauf von keinem derben Verteidiger-Tritt zu stoppen. Sie hatten Fahnen geschwenkt in ihren weiß-hellblau gestreiften Jerseys der Albiceleste, der argentinischen Nationalmannschaft, und immer wieder voll Inbrunst seinen Namen skandiert, beinahe als wollten sie die bösen Geister vertreiben. Fast hätte man meinen können, man befände sich in La Bombonera, der Schachtel, wie die Arena der Boca Juniors liebevoll genannt wird, dort, wo vor mehr als 40 Jahren das Märchen begann. Doch die Fans, die sich ihren Schmerz, ihre Sorge, ihre Angst, von der Seele schrien, sie standen nicht auf den steilen Stehterrassen des Stadions in La Boca, sondern vor der Klinik in Olivos nördlich von Buenos Aires und bangten. Sie bangten um ihr Idol, ihre Ikone, sie beteten für Diego Armando Maradona. Dem exzentrischen kleinen, dicken Mann war gerade ein Blutgerinsel im Gehirn entfernt worden. Endlich drang die erlösende Nachricht des Ärzteteams nach draußen in die laue Nacht. Maradona, gerade 60 geworden, habe den Eingriff gut überstanden, lautete das medizinische Bulletin. „El pibe d´Oro“, der Goldjunge, schien dem Tod noch einmal von der Schippe gesprungen zu sein. Wie so oft.

Maradona.

Es sollte ein Irrtum sein.

Knapp zwei Wochen später ist einer der größten Fußballer tot, der je auf diesem Planeten dem Ball hinterher gelaufen ist, gestorben in seinem Haus in Tigre an einem Herzinfarkt, wie sein Sprecher Sebastian Sanchi bestätigte. Die Agenturen meldeten das Ableben am Mittwoch, dem 25.11.2020 um 17.36 Uhr (MEZ). Die argentinische Regierungen rief unmittelbar nach der Hiobsbotschaft eine dreitägige Staatstrauer aus. In Neapel gedachten Fans ihrem Idol mit Feuerwerkskörpern.

Pelé, der große Brasilianer, ließ sich am Dienstag treffend so zitieren: „Ich habe einen großen Freund verloren, die Welt eine Legende.“ Selbst ein Sprecher der Vereinten Nationen würdigte den Ausnahmesportler: „Ich denke, ich spreche für viele, wenn ich sage, dass es manchmal schien, als wäre er von der Hand Gottes berührt worden.“ In den Stadien der Welt wird es Schweigeminuten geben. Einer der außergewöhnlichsten, polarisierenden, tragischsten, auch traurigsten Zeitgenossen ist gegangen. Überraschend war der Tod nicht gekommen.

Am 30. Oktober hatte Diego Armando Maradona seinen 60 Geburtstag gefeiert, schon das haben viele, und nicht nur die, die ihn gut kannten, für außergewöhnlich gehalten. Dass der überhaupt so alt wurde! Wie oft stand Maradona, nach Juan und Eva Peron der bekannteste Argentinier der Welt, schon am Abgrund? Zwei Herzinfarkte hat er überstanden, zahllose Alkohol- und Drogen-Abstürze, regelmäßige Einlieferungen in Not-Aufnahmen, regelmäßige Entziehungskuren, bisweilen war er so aufgedunsen, dass es schien, als habe er einen Medizinball verschluckt. Er ließ sich den Magen verkleinern und statt eines Knies trug er am Ende eine Prothese. Er hatte psychische Probleme, er ernährte sich schlecht, hatte kaum Bewegung, all das attestierten ihm Ärzte und Freude, die wenigen, die es gut mit ihm meinten.

Treffen 2005 mit dem damaligen kubanischen Präsidenten Fidel Castro.

Was hat dieser auf dem Fußballfeld so begnadete Kicker aus Villa Fiorito, einem der vielen armen Vororte der argentinischen Kapitale, in seinem zum Bersten gefüllten Leben nicht alles erlebt? Im Grunde hat er zwei Leben geführt, das auf dem Platz und das daneben. Das auf dem Platz ist ihm wesentlich besser gelungen, da war er ein Zauberer, ein König, ein Gott, zumindest dessen Hand. Mag er nicht die Eleganz eines Beckenbauer gehabt, nicht die Tore eines Pelé erzielt und nicht die Vereins-Titel eines Messi errungen haben, dafür hatte er Magie, Charisma, Grandezza, er war und ist Mythos, Legende.

Maradona, der scheinbar Unverwüstliche, scheinbar Unsterbliche, führte ein Leben zwischen den Extremen, zwischen Himmel und Hölle, zwischen Genie und Wahnsinn, und irgendwie wusste keiner so recht, in welchem Stadium er sich gerade befindet, selbst er nicht. Abseits des Rasens war er so unkontrollierbar wie zu seiner Zeit auf dem Rasen, als er bei der WM 1986 das Tor des Jahrhunderts erzielte, ab Mittellinie allein gegen halb Britannien. In diesem Spiel erzielte er auch sein berühmtestes Tor, nach einem Handspiel - und kreierte das noch viel berühmtere Zitat: „Es war der Kopf Maradonas und die Hand Gottes.“

Ein Fußballerleben

Vom Debüt als Teenager über die „Hand Gottes“ bis zum letzten Trainerjob bei Gimnasia – die wichtigsten Stationen von Diego Armando Maradona in sechs Jahrzehnten:

30. Oktober 1960: Diego Armando Maradona Franco kommt als fünftes von acht Kindern einer einfachen Arbeiterfamilie zur Welt, verbringt seine Kindheit in Villa Fiorito, einem der vielen armen Vororte von Buenos Aires.

20. Oktober 1976: Bereits als 15-Jähriger bestreitet er sein erstes Profispiel, für die Argentinos Juniors. Schnell geht es weiter zu den Boca Juniors, dann rüber nach Europa zum FC Barcelona, SSC Neapel und FC Sevilla, ehe sich der Kreis in der Heimat bei den Newell’s Old Boys und am 25. Oktober 1997 endgültig bei Boca Juniors schließt.

22. Juni 1986: Mit zwei Treffern im WM-Viertelfinale gegen England (2:1) macht Maradona sich zur Legende. Beim ersten Tor schubst er den Ball mit der „Hand Gottes“ über den herauseilenden Schlussmann Peter Shilton. Sein Sololauf aus der eigenen Hälfte um sechs Engländer herum wurde später zum WM-Tor des Jahrhunderts gewählt. Der 22. Juni ist heute Tag des Fußballs in Argentinien.

25. Juni 1994: Nach dem 2:1-Vorrundenerfolg gegen Nigeria wird in Maradonas Dopingprobe das stimulierende Ephedrin nachgewiesen. Nach Rot 1982 in Spanien im Zweitrundenspiel gegen Brasilien, dem Titeltriumph 1986 gegen Deutschland in Mexiko, der verlorenen Finalrevanche vier Jahre später in Italien, endet seine vierte und letzte WM mit dem sofortigen Turnierausschluss. Es ist sein letztes von 91 Länderspielen (34 Tore).

18. April 2004: Nicht zum ersten Mal bringt seine Kokainsucht ihn in akute Lebensgefahr. Sein Blutdruck schnellt hoch, sein Herz saust. Von der Intensivstation geht es direkt in die Entzugskur. Fotos eines weit über 100 Kilo schweren Maradonas mit aufgedunsenem Gesicht schocken die Welt.

5. September 2019: Maradona übernimmt den argentinischen Tabellenletzten Club de Gimnasia y Esgrima La Plata. Als Seleccion-Coach war er immerhin 2010 auf einer WM-Bühne, von der ihn Deutschland mit einem 4:0 im Viertelfinale unsanft stubste. Die übrigen Stationen sind nicht der Rede wert, auch nicht seine letzte. Im Juni hatte Maradona bei Gimnasia noch bis Ende 2021 verlängert.

Nach dem Tod Maradonas ruft Argentinien eine dreitägige Staatstrauer aus. Das teilte die Regierung am Mittwoch unmittelbar nach der Nachricht vom Tod des Weltmeisters von 1986 mit. (sid)

Keiner hatte sich den Ball so sehr untertan gemacht wie er, keiner beherrschte ihn besser, er flirtete förmlich mit der Kugel. Allein seine Aufwärmübungen vor dem Spiel, wenn er die Kugel auf Bein, Schulter, Oberschenkel, Kopf minutenlang jonglierte, waren das Eintrittsgeld wert. Er hatte gewonnen, was es zu gewinnen gab, natürlich war er Weltmeister, 1986 mit Argentinien (3:2 im Finale gegen Deutschland), er war Vize-Weltmeister, Junioren-Weltmeister, die Fifa kürte ihn zum „Fußballer des Jahrhunderts“, italienischer und argentinischer Meister wurde er sowieso, dazu Uefa-Cup-Sieger. So erfolgreich wie mit Maradona (1984 bis 1991) war der SSC Neapel davor und danach nie mehr, dem FC Barcelona drückte er seinen Stempel auf, lange, sehr lange vor Messi.

„Der Ball und er kamen zusammen auf die Welt, wie beim Tango.“, beschrieb Argentiniens Fußball-Philosoph und -trainer Cesar Luis Menotti mehrfach Genie und Wahnsinn des vielleicht am meisten verehrten Sohnes des südamerikanischen Landes. Nach ihm wurde schon zu Lebzeiten eine Kirche benannt, Iglesia Maradoniana. Für viele war er eh ein Heiliger.

Ein Tor für die Ewigkeit: Bei der WM 1986 trifft Maradona mit der Faust.

Das Leben jenseits des Platzes ist ihm, dem Vergötterten, schon lange aus den Händen geglitten, die Fehltritte und Exzesse sind ebenso legendär wie sein linker Fuß, sein Ballgefühl. Mit 15 gibt er sein Debüt in der ersten Liga, mit 16 ist er Nationalspieler, mit 17 Torschützenkönig und mit 19 erstmals Südamerikas Fußballer des Jahres. Da beginnt sein Leben im Rampenlicht, grell ausgeleuchtet, sein Leben in der Weltöffentlichkeit. Von Maradona, der schillernden, charismatischen, gebrochenen Persönlichkeit wusste jedes Kind alles.

Maradonas Leben außerhalb der Kreidemarkierungen überforderte ihn. Es war oft verstörend, manchmal abstoßend, oft peinlich, wie im Rausch. Aber unbeeindruckt ließ der Argentinier niemanden, ob er kugelrund mit quietschgelben Haaren kaum aus den Augen gucken konnte, die Nähe von Fidel Castro suchte, den er Freund nannte und der ebenfalls am 25. November starb, ob er Diktatoren und die Camorra viel zu nahe an sich heranließ, pöbelnd, fast aus VIP-Lounges purzelnd oder mit einem Luftgewehr auf Journalisten schoss. Und immer wieder Partys, Drogen, Zwielicht, Dinge, die ihm nicht guttaten. Denen er sich aber nicht verschließen konnte oder mochte. Die Welt schaute fasziniert zu, wie da ein Mensch versuchte, sein Leben in den Griff zu bekommen und immer wieder grandios scheiterte.

Nicht aufzuhalten.

Aber was tat ihm gut nach dem erzwungenen Karriereende, bis unter die Halskrause gedopt und beschämt? Es klappte nicht mehr viel. Der Tiefpunkt dann 1991: Im Zuge seiner Rückkehr nach Argentinien wurde Maradona zu einer Freiheitsstrafe von 14 Monaten auf Bewährung verurteilt und nach einem positiven Doping-Test weltweit für 15 Monate gesperrt. Später trat er im argentinischen Fernsehen auf („La Noche del 10“) als Moderator, als Trainer taugte er weniger, als Nationalcoach der Albiceleste gar nicht, einen mexikanischen Zweitligisten mit Nähe zum Drogenkartell leitete er an, er coachte in den Vereinigten Arabischen Emiraten, zum Schluss trainierte er Gimnasia y Esgrima La Plata in der Heimat.

„Diego existiert in keiner anderen Welt als auf dem Fußballplatz“, hat Cesar Luis Menotti zum 60. Geburtstag des tragischen, genialen, armen Diego gesagt. Nun hat die liebe Seele Ruh: „Die Hand Gottes“, schrieb einer in den sozialen Medien, „ist jetzt in Gottes Hand“.

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