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Irgendwann können auch die besten Allesspieler nicht mehr: Bayerns Mittelstürmer Robert Lewandowski beim Supercup am Boden.

Belastung

In der Knochenmühle

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Die Topspieler vom FC Bayern, FC Liverpool oder Real Madrid werden diese Saison durch ein Programm gejagt, das eigentlich mit Ansage zu Überlastung, Müdigkeit und Verletzungen führt.

Anzeichen von Müdigkeit am Montagabend hatte nicht einmal Jürgen Klopp entdeckt. 3:1 gegen den FC Arsenal, dritter Sieg im dritten Spiel der Premier League, errungen mit der fast schon üblichen Dominanz: Da gab es für den deutschen Trainer wenig zu meckern. Erst bei der Frage, ob dieser Saisonstart nicht ein Statement gewesen sei, kam die Kultfigur auf das Kernproblem dieser Spielzeit zu sprechen. „Heute Abend bin ich sehr glücklich über das, was wir gemacht haben, aber jetzt haben wir drei Tage und dann spielen wir wieder und dann haben wir zwei Tage und wir spielen wieder, das ist ziemlich intensiv. Als ich den Zeitplan vor der Saison sah, dachte ich: Oh, das ist ziemlich schwierig.“

Die Reds treten gleich am Donnerstag an der Anfield Road wieder gegen die Gunners an: diesmal im Ligapokal, den sie auf der Insel auch schon mal Worthless Cup oder Mickey Mouse Cup getauft haben, weil er als wenig wertvoll gilt. Auf die Idee, auf den Wettbewerb in der Pandemie zu verzichten, um ein bisschen Platz im übervollen Terminkalender zu schaffen, ist niemand gekommen.

Klopp hat dazu vor einem Jahr mal eine sehr martialische Ansage getätigt: „Wenn wir nicht lernen, besser mit unseren Spielern umzugehen, töten wir dieses wunderschöne Spiel.“ Dass der englische Meister derzeit noch vergleichsweise frisch wirkt, ist mit seiner Abstinenz beim Champions-League-Endturnier leicht erklärt.

Bereits viel besorgter klang Kollege Pep Guardiola, der mit Manchester City nicht ganz so gut wie Klopp aus den Startlöchern gekommen ist, aber seine Grundsatzklage vor der 2:5-Heimpleite gegen Leicester City anbrachte: „Niemand kümmert sich um die Spieler. Die Spieler hatten eine zweiwöchige Vorbereitung und müssen jetzt elf Monate lang alle drei Tage spielen. Sie sind keine Maschinen.“ Dieses Problem betreffe ja nicht nur Manchester City, sondern alle Klubs und Länder: „Die Premier League, die Uefa, jeder verteidigt seinen Bereich und seine Position.“ Die Frequenz ist deshalb unerbittlich, weil pünktlich am 11. Juni 2021 die verschobene EM beginnen soll, das Milliardengeschäft der Uefa.

Dass gerade die tragenden Säulen der Nationalmannschaften die Taktung bis dahin kaum durchhalten können, ist eigentlich offensichtlich. Die Muskelverletzung, die sich Toni Kroos von Real Madrid zugezogen hat, könnte ein Vorbote der bevorstehenden Malaise sein.

In ihrem Report „Am Limit“ hielt die Spielergewerkschaft FIFPro schon vor einem Jahr fest: „Der internationale Match-Kalender ist dichter geworden. Gleichzeitig ist das Spiel schneller, physischer und globaler als jemals zuvor.“ Bemängelt wurde vor allem die Terminhatz der Topspieler. „Während ein paar Hundert Spitzenspieler überladen werden mit Wettbewerben, bieten sich Tausenden ihrer Kollegen zu wenig Möglichkeiten, um sich darüber eine nachhaltige Karriere aufbauen zu können“, schrieb FIFPro-Generalsekretär Theo van Seggelen, der eine mindestens vierwöchige Sommer- und zweiwöchige Winterpause forderte.

Infolge der Pandemie ist genau das Gegenteil passiert: Die Spielkalender wurde weiter verdichtet, um alle Formate unterzubringen. Auch in Deutschland: Weil der Triplesieger und Quotenbringer FC Bayern vergangenen Donnerstag erst einen europäischen Supercup, am heutigen Mittwoch unter DFL-Hoheit den deutschen Supercup gegen Borussia Dortmund (20.30 Uhr/ZDF) spielen muss, kamen diese September-Termine für Wochenspieltage nicht infrage. Und bald beginnen die europäischen Wettbewerbe. So passen in die Hinrunde gerade 13 Spieltage, die Winterpause ist auf wenige Tage zusammengeschmolzen, gleich am 2. Januar 2021 rollt der Ball wieder. Dann erfahren Bundesliga-Profis ansatzweise, was die im Akkord kickenden Premier-League-Kollegen jede Saison durchmachen. Manager wie Max Eberl vom Champions-League-Teilnehmer Borussia Mönchengladbach befürchten einen „Raubbau“.

Statistisch erfasst wird der Bundesliga-Krankenstand auf der Webseite fussballverletzungen.com erfasst: Demnach entfielen 30 Prozent der 1523 Verletzungen aus der Bundesliga-Saison 2019/2020 auf Muskelverletzungen, 32 Prozent machten Blessuren und Folgebeschwerden aus. Bänderverletzungen und Prellungen lagen nur bei knapp fünf Prozent. Aufgeschlüsselt nach Körperstellen sind Oberschenkel und Wade (22 Prozent), Füße und Knie (je 16 Prozent) am häufigsten betroffen. Interessant: In der Verletzungstabelle lagen der FC Schalke 04 (67 durchschnittliche Ausfalltage pro Spieler) und Werder Bremen (69) abgeschlagen auf den Abstiegsplätzen, am besten kam Hertha BSC mit nur 30 verletzungsbedingten Fehltagen pro Akteur durch die Corona-Saison. Der FC Bayern (49) stand trotz der mit Abstand meisten Pflichtspiele vergleichsweise gut da.

Bundestrainer Joachim Löw schlug zu Monatsbeginn Alarm: „Der Terminkalender ist wahnsinnig voll. Ich habe immer gesagt, die Gesundheit der Spieler steht über allem. Das ist über die Jahre so nicht zu verkraften. Wenn man da nicht aufpasst, haben wir große Probleme im März, April, Mai.“ Löw hatte zum Re-Start der Nationalmannschaft zwar auf ein halbes Dutzend Akteure aus München und Leipzig verzichtet, aber im Oktober kann die DFB-Elf nicht noch einmal so rücksichtsvoll sein. Direktor Oliver Bierhoff verwies auf die Verpflichtung, „nicht aus der Nations League abzusteigen“ und dann bald gegen schwächere Gegner antreten zu müssen, wofür die abstellenden Vereine noch weniger Verständnis aufbringen würde. Ein Teufelskreis.

Verletzte Fußballer

DFB-Akademieleiter Tobias Haupt hat immerhin angekündigt, einen Leitfaden für Spieler, Trainer und Experten zu erstellen. Ein sogenanntes Performance Center soll Empfehlungen geben, um sensibel mit der individuellen – physischen und psychischen - Belastung jedes einzelnen Spielers umzugehen. „Entscheidend wird es in den kommenden Monaten sein“, sagt Haupt, „dass bei allem sportlichen Erfolgsdruck die Spieler weiterhin im Zentrum stehen und möglichst alles dafür getan wird, damit sie vor allem weitestgehend verletzungsfrei durch die Saison kommen.“ Klingt gut, aber Thomas Müller – obwohl gar nicht mehr für die DFB-Auswahl nominiert – hat trotzdem das Gefühl, dass kaum Rücksicht genommen wird: „Du darfst drei Wochen Luft holen, dann wirst du wieder unter Wasser gedrückt.“

Eigentlich wäre es ja recht einfach: Weniger wäre mehr. Die Nationalverbände und Uefa müssten auf alle Freundschaftsspiele verzichten, Nations League und WM-Qualifikation würden in einfachen Spielrunden ausgetragen. Sportlich fragwürdige Vergleiche unter dem Pflichtspieletikett wie Supercup oder Klub-WM werden ganz gestrichen. Jede Nation spielt nur einen Pokalwettbewerb aus, ebenfalls in einfacher Runde. Letztlich könnten auch Champions League und Europa League reduziert werden, in dem in der Gruppenphase keine Hin- und Rückspiele ausgetragen werden. Das Problem: Es würde deutlich weniger Geld generiert, weil die ausgehandelten Medienverträge an eine bestimmte Zahl Spieltermine geknüpft sind. Für Korrekturen ist es aber längst zu spät. Das Motto: Augen zu und durch. Bis Bänder, Sehnen oder Muskeln reißen. Von den mentalen Langzeitfolgen dieser Knochenmühle ganz zu schweigen.

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