Ein Sinnbild der Mainzer Stagnation: Jean-Philippe Mateta (l) in Aktion gegen Leverkusens Sven Bender.
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Ein Sinnbild der Mainzer Stagnation: Jean-Philippe Mateta (l) in Aktion gegen Leverkusens Sven Bender.

FSV Mainz 05

In der Bringschuld

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Jan-Moritz Lichte braucht Punkte, um Mainzer Cheftrainer zu bleiben. Öffentlich gibt er sich meist unterkühlt und auf Ausgleich bedacht. Kann er die Handbremse im Team lösen?

Jan-Moritz Lichte ist kein Fußballlehrer aus der Rubrik Unterhaltungskünstler. Das Auftreten des derzeit als Mainzer Cheftrainer tätigen 40-Jährigen kann niemand mit den mitreißenden Reden eines Jürgen Klopp oder den tiefgreifenden Erklärungen eines Thomas Tuchel am Bruchweg vergleichen. Was ja auch ungerecht wäre. Beide Ex-Mainzer arbeiten inzwischen schließlich bei Topklubs im Ausland, und wohl auch 99 Prozent der im vergangenen Jahrzehnt tätigen Bundesliga-Trainer würden diesen imaginären Vergleich verlieren. Dass aber die am Dienstag für 30 Minuten angesetzte Online-Presserunde schon neun Minuten zuvor endete, weil alle Fragen und Antworten ausgetauscht waren, macht doch ein wenig hellhörig machen.

Lichte kommt bisweilen noch ziemlich unterkühlt rüber – der emotionale Ausbruch nach dem Spiel gegen Bayer Leverkusen (0:1) ausgenommen. Teammanager Darius Salbert führte deswegen ein Gespräch mit dem Fanclub „Meenzer Metzger“. Man müsse andere Meinungen einfach akzeptieren, sagte Lichte, „für mich ist das kein großes Problem“. Ein größeres für ihn könnte es geben, sollten die Nullfünfer auch im fünften Bundesligaspiel gegen Borussia Mönchengladbach (Samstag 15.30 Uhr) punktlos bleiben. „Es wäre schön mal zu punkten“, sagte Lichte – deswegen spiele man ja in der Bundesliga. Ach was.

Dass er in der Bringschuld steht, weil sonst irgendwann auch Vorgesetzte wie Sportvorstand Rouven Schröder den Daumen senken, weiß der immer noch auf Grundlage seines bis 2022 laufenden Vertrages als Assistenztrainer arbeitende Lichte sehr wohl. Öffentlich erörtert er es aber nicht: „Ich versuche zu beeinflussen, was ich beeinflussen kann. Was es für Konsequenzen hat, wenn ich fünf Spiele gewinne oder verliere, ist nicht meine Baustelle.“

Schutz für Mateta

Ob die Aussichten deswegen besser stehen, weil die Gäste vom Niederrhein unter der Woche den vollen Fokus auf die Champions-League-Partie bei Inter Mailand gelegt habe, könne er nicht sagen – solche Fragen ließen sich erst hinterher beantworten. Lichte ist keiner, der an solch einem Europapokalabend mit Stift und Zettel vor dem Fernseher sitzt, weil er glaubt, dass die Herangehensweise von Inter eine ganze andere sei als seine. Damit hat er fraglos Recht.

Erneut werden sich die Mainzer in ihrer weiterhin weitgehend verwaisten Arena eine eher defensiv ausgeprägte Grundausrichtung vornehmen, die Lichte für die Basis alles Tuns hält. Vor allem in der Offensive brauchte es noch eine bessere Performance einer Mannschaft, die mit dem letztlich ziemlich törichten Streik um gestundete Gehälter dem ganzen Klub einen Bärendienst erwiesen haben. „Noch fehlt die Ruhe, noch das 100-prozentige Vertrauen“, hat der Coach beobachtet.

Der gebürtige Kasselaner hat die anfangs scharfe Tonart („Die Mannschaft hat sich selbst zuzuschreiben, dass sie als schwierig gilt“) durch eine auf Ausgleich bedachte Kommunikation ersetzt. Jean-Philippe Mateta, der in den 20 Bundesligaeinsätzen 2020 karge drei Treffer zustande brachte, wird trotz offenkundiger Mängel von ihm weiterhin geschützt. „Er hat wie die anderen alles reingehauen, aber er hat die Klarheit. Es geht immer mehr“, sagt Lichte nur.

Beim 23-jährigen Franzosen, der wie kein anderer Sinnbild für die stagnierende Entwicklung im Ausbildungsverein Mainz 05 geworden ist, will er den Willen zur Wende erkannt haben: „Er ist einer, der hart arbeitet, den man beim Training eher bremsen muss.“ Dann muss doch nur einer die Handbremse lösen.

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