Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Wolfsburgs Knipser: Wout Weghorst. Foto: dpa.
+
Wolfsburgs Knipser: Wout Weghorst.

VfL Wolfsburg

In den Fußstapfen der Meister

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
    schließen

Warum Sportdirektor Marcel Schäfer im überraschenden Wolfsburger Höhenflug viele Parallelen zur Saison 2008/2009 sieht, als der VfL den Titel holte.

Die Saison 2008/2009 wird Marcel Schäfer niemals aus dem Gedächtnis streichen. Weil es „einzigartig für die Stadt, einzigartig für den Verein“ war, wie sich der 36-Jährige erinnert. Erst 2007 war der gebürtige Aschaffenburger für kleines Geld vom TSV 1860 München zum VfL Wolfsburg gewechselt, wo ihn der dortige Alleinherrscher Felix Magath, ebenfalls gebürtiger Aschaffenburger, zu einem der besten Linksverteidiger der Liga formte. Mit Praktiken, die ihm den Beinamen „Quälix“ einbrachten. „Er war mein härtester Trainer“, sagt Schäfer, „aber ich bin rückblickend dafür sehr dankbar.“ Mit 24 Jahren erlebte er, was sich seitdem in der Bundesliga nie mehr so ereignet hat: Der Werksverein, nach einer mittelprächtigen Hinrunde auf Platz neun gelistet, eilte dann in der Rückrunde von Sieg zu Sieg, schlug den FC Bayern zu Hause mit 5:1 – und am Ende stand auch Schäfer mit der Schale im Konfettiregen. Eine Sensation. Wolfsburg war für einen Moment der Nabel der Auto- und Fußballwelt. Selbst auf die VW-Bosse strahlte meisterlicher Glanz.

Dass das vor 13 Jahren extrem viel Spaß machte, muss der heutige Sportdirektor gar nicht groß betonen. „Ich bin stolz darauf, Teil dieser Meistermannschaft gewesen zu sein“, sagt Schäfer. Das Fachmagazin „Kicker“ urteilte damals über den dynamischen Aufsteiger: „Er übernimmt Verantwortung: Sportlich als einer der Wortführer und privat als werdender Vater.“ Wenngleich noch nicht abzusehen war, dass der VfL-Rekordfeldspieler (312 Pflichtspiele) auch nach der aktiven Karriere dem Verein erhalten bleiben würde.

Vieles von dem, was damals Fußball-Deutschland in Verwunderung setzte, scheint gerade wieder in Gang zu kommen. Wieder hat sich sozusagen ein Rudel hungriger Wölfe in seine Aufgaben verbissen. Vergangenes Wochenende gelang in Augsburg (2:0) der fünfte Pflichtspielsieg in Folge ohne Gegentor, in 23 Partien in Liga und Pokal hat der VfL nur zwei Mal – bei den Bayern (1:2) und in Dortmund (0:2) – verloren. Mit einem Heimerfolg gegen Mönchengladbach (Sonntag, ab 18 Uhr) kann der Vorsprung vor dem Champions-League-Achtelfinalisten auf neun Punkte wachsen.

Genau wie 2008/2009 greift gerade ein Rädchen ins andere, wieder macht Schäfer im östlichen Niedersachsen einen Vorteil aus. „Wolfsburg ist ein Top-Standort mit einer hervorragenden Infrastruktur. Das Team um das Team ist breit und professionell aufgestellt. Arbeit und Entwicklung werden bei uns großgeschrieben“, sagt einer, der die heutigen Leitmotive des Klubs („Arbeit, Fußball, Leidenschaft“) schon damals verinnerlicht hatte.

In der Meistersaison hütete Diego Benaglio das Tor, hielt Andrea Barzagli die Abwehr zusammen, sicherte Josué das Mittelfeld ab, zog Zvjezdan Misimovic die Fäden und schossen Edin Dzeko und Grafite in Akkordarbeit die Tore. 2020/2021 heißen die prägenden Protagonisten – von hinten nach vorne – Koen Casteels, John Anthony Brooks, Maximilian Arnold und Wout Weghorst. Das Gesamtgebilde, findet Schäfer, ähnelt sich: „eine Achse aus erfahrenen Spielern, drumherum die jungen Spieler, die dankbar für eine Orientierungshilfe auf und neben dem Platz sind“. Heute sind Neu-Nationalspieler Ridle Baku, 22, Innenverteidiger Maxence Lacroix, 20, oder Joker Bartosz Bialek, 19, diejenigen, die am Gesellenstück arbeiten. Dass dabei ein Älterer mal den Jungen sagt, wo es langgeht, war in der Vergangenheit genauso wichtig wie in der Gegenwart. Der Manager ruft im Rückblick vor zwölf Jahren eine Niederlage in Cottbus hervor. „Da haben wir uns zusammengesetzt und darauf eingeschworen, den Weg bis zum Ende zu gehen.“ Weil es nur gemeinsam geht. Gewisse Werte im Profifußball sind trotz aller Veränderungen dann doch zeitlos.

Nun entsteht in der Pandemie zwar keine Blaupause am Mittellandkanal, die wieder nach der Meisterschaft trachtet. Eine Kampfansage in Richtung des FC Bayern, die der Macher Klaus Allofs nach dem Pokalsieg 2015 mal wagte, würden weder Geschäftsführer Jörg Schmadtke noch Schäfer unternehmen, aber sich aussichtsreich hinter den Topklubs zu positionieren, diesen Anspruch erhebt der Werksverein immer noch. Dazu gehört auch die Einsicht, dass der Standort für den einen oder anderen irgendwann zu klein sein könnte.

Wobei Schäfer nicht davon ausgeht, dass der so treffsichere Torjäger Weghorst zwangsläufig im Sommer schon das Weite sucht. „Jeder, der Wout kennt, weiß, dass er jede Minute spielen will. Ich glaube nicht, dass er Abwanderungsgedanken hegt.“ Vor allem dann nicht, wenn tatsächlich der Weg in die Königsklasse führen würde. Doch bei diesem Thema lässt die Vereinsführung „Demut und Bodenständigkeit“ (Schäfer) erkennen, was nach dem Abgasskandal im VW-Konzern und wegen der Coronakrise einfach auch besser ankommt. „Unser Ziel bleibt die Teilnahme am internationalen Geschäft.“

Zu gut ist allen noch in Erinnerung, wie in der Nachspielzeit in Athen die Europa-League-Qualifikation verspielt wurde. Ein Schockerlebnis, das im Nachgang nur einen positiven Aspekt hatte, wie der Sportchef findet: „dass wir in einer physisch herausfordernden Saison mehr Trainingszeit haben.“ Dies kommt vor allem Oliver Glasner zugute, der hohe Ansprüche stellt. Gleich in seinem ersten Jahr führte der zuvor beim Linzer ASK tätige Fußballlehrer die Niedersachsen auf Platz sieben, aber im Herbst vergangenen Jahres stand alles auf dem Prüfstand. Öffentliche Kritik an der Transferpolitik kam bei seinen Vorgesetzten gar nicht gut an. Schäfer sagt auch heute noch: „Solche Themen müssen intern behandelt werden.“ Glasner hat auf seiner ersten Trainerstation außerhalb Österreichs fraglos vieles auf den richtigen Weg gebracht: hinten steht sein Team enorm stabil und vorne ist es immens effektiv. „Die Mannschaft setzt viel von dem um, was in den Trainingseinheiten erarbeitet wird“, sagt Schäfer, der den 46-Jährigen als „akribisch und detailversessen“ beschreibt. Nur soll ihn bitte niemand mit dem eigenwilligen Meistermacher Magath vergleichen. Der ist – vor allem wegen einer weniger glücklichen zweiten Amtszeit – nämlich beim VfL wirklich Geschichte, die nicht aufgerufen werden muss.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare