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Immer für einen Geniestreich gut: Dzsenifer Marozsan .

Fußball

Immer einen Gedanken voraus

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Dzsenifer Marozsan blickt vor ihrem 100. Länderspiel auf Höhen und Tiefen ihrer Karriere.

Dzsenifer Marozsan erinnert sich noch genau an jenen Moment vom 28. Oktober 2010, als im Freundschaftsspiel der deutschen Frauen-Nationalmannschaft gegen Australien (2:1) ihre Einwechslung bevorstand. „Ich weiß, wie Birgit Prinz mir entgegen kam, um mich abzuklatschen. Ich war aufgeregt, erstes Spiel für die Frauen-Nationalmannschaft – da geht einem die Pumpe.“ Nun bestreitet sie im EM-Qualifikationsspiel in Montenegro (Dienstag 16 Uhr/ ARD) ihr 100. Länderspiel.

Als Nummer 27 im Hunderterklub. Die 214 Einsätze im DFB-Dress jener erwähnten Birgit Prinz, Rekordspielerin und Rekordtorschützin aus Frankfurt, werden wohl auf alle Ewigkeit unerreicht bleiben. Die für Olympique Lyon spielende Marozsan, in Budapest geboren, in Saarbrücken aufgewachsen, sprach am Montag über „ein bisschen Gänsehaut“ ob dieser Zahl, denn dahinter steht ein Werdegang voller Höhen und Tiefen: „Es ist viel passiert.“

Wie damals beim Debüt soll die 28-Jährige auch beim Jubiläum als Einwechselspielerin zum Zuge kommen. So deutete es jedenfalls Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg an, die in Podgorica gegen einen überforderten Gegner – das Hinspiel endete 10:0 – zunächst vor „allem die jungen, frischen Spielerinnen“ aufbieten will. Marozsan darf dann später noch glänzen.

Sie gilt seit längerem als mit Abstand beste und erfolgreichste deutsche Fußballerin, die dem DFB, wo sie einst eine kaufmännische Ausbildung machte, rückblickend dankbar ist: „Ich konnte mich definitiv persönlich und menschlich weiterentwickeln – ich musste viel lernen.“

Die Tochter des vierfachen ungarischen Nationalspielers Janos Marozsan, der seine Karriere beim 1. FC Saarbrücken ausklingen ließ, hatte es nicht immer einfach. Ihr offenkundiges Talent drängte sie bereits beim 1. FFC Frankfurt, wo sie mit 17 hinwechselte, in eine öffentliche Rolle, die sie lange nie wollte. Ihr bescheidener, ruhiger Charakter sorgt noch heute dafür, dass sie sich lieber als Teamplayerin denn als Unterschiedsspielerin sieht.

Bis heute sind Vater und Mutter Elisabeth, der anfangs das Hobby der Tochter gar nicht zusagte, und ihr als Banker in Frankfurt arbeitender Bruder David ihre wichtigsten Bezugspersonen geblieben. Auch vor dem Montenegro-Spiel wird sie vor der Abfahrt wieder die Eltern anrufen, „ein wichtiges Ritual, das mir Sicherheit gibt.“

Ihre Tattoos zeugen von der familiären Bande, die sie „im Herz und auf der Haut trägt“, wie sie gerne sagt. Vor drei Wochen gewann die Ausnahmespielerin das fünfte Mal die Champions-League-Trophäe, einmal mit Frankfurt (2014), zuletzt viermal in Folge mit Lyon.

Dass sie dort vom ersten Tag an wie eine Ausnahmespielerin behandelt wurde und dass Olympique-Präsident Jean-Michel Aulas sie vom ersten Tag mit besonderer Nestwärme bedachte, hat dazu beigetragen, ihren Vertrag unlängst bis 2023 zu verlängern. Dabei hätte es durchaus Alternativen gegeben. „Ich hatte auch ein Angebot aus England. Ich habe mir lange Zeit gelassen mit meiner Entscheidung“, erzählt sie. Aber letztlich sei Lyon „der weltweit beste Verein, es gibt keine Unterschiede zwischen Männer- oder Frauenmannschaft.“ Und wer sich so gut aufgehoben fühlt, bleibt halt da. Zumal keine deutsche Spielerin so gut verdient wie sie.

Bundestrainerin Voss-Tecklenburg ist so klug, ihre Nummer zehn bis heute nicht mit Aufgaben zu überfrachten, die ihrem Naturell nicht entsprechen. Die von Vorgängerin Steffi Jones überreichte Kapitänsbinde erwies sich bei der EM 2017 als zu große Last für eine Instinktfußballerin, die ihren Mitspielerinnen meist einen Gedanken voraus ist. „Gerade in engen Räumen, in Situationen, wenn es intelligente Spiellösungen braucht“, schwärmt Voss-Tecklenburg, komme ihre Begabung zum Vorschein. Weiteres Plus ist ihre Beidfüßigkeit: Mit einem satten Linksschuss beim 3:0 gegen Irland erzielte sie in Essen gerade ihr 33. Länderspieltor.

Krankheiten und Verletzungen sind Teil ihrer Vita. Besonders schwerwiegend war eine beidseitige Lungenembolie, die sie sich wegen der Einnahme der Antibabypille einfing. Am 50. Geburtstag ihrer Mutter, dem 12. Juli 2018, kam sie unter dramatischen Umstände ins Krankenhaus. Es ging um Leben und Tod. Danach hat sich ihre Werteskala noch einmal massiv verschoben. Als es im vergangenen Jahr bei der WM mit dem DFB-Team nicht lief, sagte sie fast nebenbei: „Es gibt Schlimmeres im Leben.“ Und damit auch Wichtigeres als ein 100. Länderspiel.

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