1. Startseite
  2. Sport
  3. Fußball

Im Park mit Löwen

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Thomas Kilchenstein

Kommentare

Nur eine von ganz vielen spektakulären Szenen am Dienstagabend: Vinicius (rechts) trifft für Real, zum Entsetzen der City-Profis Rodri und Keeper Ederson.
Nur eine von ganz vielen spektakulären Szenen am Dienstagabend: Vinicius (rechts) trifft für Real, zum Entsetzen der City-Profis Rodri und Keeper Ederson. © Imago

Manchester gegen Madrid – ein Champions League Halbfinale epischen Ausmaßes: Höhepunkte wie Perlen an der Schnur und ein Karim Benzema, der eine Klasse für sich ist.

Zum Beispiel Phil Foden. Wie er den Ball stoppt, auf dem Spann, im Sprung, in vollem Tempo. Wie der Ball dabei ruht auf seinem Fuß, wie ein dösendes Kätzchen in der warmen Sonne. Oder Bernardo Silva. Wie er die Kugel aus spitzem Winkel mit links unter die Latte zimmert. Oder Kevin De Bruyne. Wie der mit scheinbar blind gespielten Pässen in Räume, die keiner gesehen hat, ja die vorher gar nicht dagewesen waren, das rasende Spiel noch schneller macht. Oder eben ER, der Königliche: Karim Benzema, „eine Welt für sich“, wie die „Süddeutsche“ begeistert schrieb. Was ist das für ein Spieler? Mit 34 in der Form seines Lebens, eine Urgewalt, drei Tore gegen Paris St. Germain, vier Tore gegen FC Chelsea, jetzt wieder, in seinem 600. Pflichtspiel für Real Madrid, zwei beim epischen 3:4 (1:2) am Dienstag gegen Manchester City, neun in der Champions League in diesem Jahr, 14 in allen zehn Spielen, 41 in allen Saisonspielen. Und dieser Elfmeter: Gelupft, mittig, so frech, so unverschämt, mit so viel Eiseskälte im Blut. Am Sonntag, im Ligaspiel bei Osasuna, hat er zwei Elfmeter verschossen, innerhalb von sieben Minuten. Und dann geht der Franzose zum Punkt, macht den Panenka, als spiele er mit Kindern im Garten hinterm Haus in Lyon und nicht um den ganz großen Henkelpott.

Was war das für ein Spiel am Dienstag im Etihad-Stadion zu Manchester! Ein Spiel wie ein Gedicht, eines von einer selten gesehenen, fast beklemmenden, den Atem raubenden Einzigartigkeit, die Höhepunkte reihten sich wie Perlen an die Schnur, und es waren beileibe nicht nur die sieben Tore, die einen staunend zurückließen. Das war eine andere Sportart als das, was wir Bundesligafußball nennen. Technisch, taktisch auf überragendem Level, perfekte Individualisten, die in jede Sekunde wussten, was zu tun war, mannschaftliche Geschlossenheit. Ein faszinierender Schlagabtausch zweier herausragender Mannschaften. In dem jeder die Attacke des anderen mit einer Gegenattacke zu kontern gewillt war. Dieser Vollgasfußball war ohne Zweifel eine Sternstunde in der Königsklasse.

Sicher. Manchester City, ohne Ilkay Gündogan, war das dominantere Team, hätte höher gewinnen können, hatte mehr Chancen als für vier Tore (durch De Bruyne, Gabriel Jesus, Foden und Silva), und es stimmt auch, dass die Spanier nach dem 0:2 nach elf Minuten arg wankten. Hätte da Riyad Mahrez (26.) quer gelegt zum blank stehenden Nebenmann und nicht eigensinnig ans Außennetz geschossen, wer weiß, ob Real zurückgekommen wäre. Vielleicht eine Schlüsselszene: Pep Guardiola jedenfalls konnte sich über diese vertane Chance kaum noch einkriegen.

Real am Abgrund

Doch wenn es in dieser Champions-League-Saison eine Mannschaft gibt, die ihre Stärke am Rande des Abgrunds entwickelt, wenn es fast zu spät ist, dann Real, die Meister der Remontada, wie es in Spanischen heißt, des Zurückkommens, der Auferstehung. Gegen Paris und Chelsea schien Real schon ausgeschieden, sie krabbelten aus dem Loch, wie jetzt in Manchester. Der „Guardian“ benutzte anderntags ein hübsches Bild: „Gegen Real Madrid zu spielen ist wie ein Spaziergang durch einen Park, bei dem ein Löwe frei herumläuft. In Ordnung, sogar recht vergnüglich, aufregend. Und dann plötzlich nicht mehr in Ordnung.“

Zur Wahrheit gehört aber auch: Die Defensive gehörte auf beiden Seiten nicht zur jeweiligen Kernkompetenz. Wie der Madrilene Vinicius praktisch aus der eigenen Hälfte allein mit dem Ball quasi ins Tor lief, sieht man zuweilen im Frankfurter Ostpark. Auch Manchesters brasilianischer Torwart Ederson sorgte mit seinen ambitionierten, extrem gewagten Spieleröffnungen dafür, dass Madrid, ohne Stammsechser Casemiro, gerade unter Druck Luft und Hoffnung schöpfen konnte.

Und wer zieht jetzt ins Finale ein? Das ist bei der Qualität beider Kader komplett offen und nach diesem fantastischen Spektakel unvorhersehbar wie nie. Aber im Grunde ist das Finale ja schon gespielt worden.

Auch interessant

Kommentare