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Der Genussfußballer: der Brasilianer Neymer.

Champions League

Im Namen des Emir: Alles nur eine gigantische Marketingaktion?

  • Jakob Böllhoff
    vonJakob Böllhoff
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Paris Saint-Germain gewinnt gegen RB Leipzig und zieht ins Finale der Champions League ein. Doch was bleibt, ist das Gefühl, einer gigantischen Marketingaktion beizuwohnen.

Lissabon - Es sind Nächte wie diese, in denen Anspruch und Wirklichkeit wie rasend auseinanderfliegen. Julian Nagelsmann zum Beispiel, der Leipziger Trainer, will besonders schick aussehen, angezogen ist er dann wie ein eitler König zu Bett. Ein sehr graues, sehr enges Ensemble aus etwas zu bequemem Material. Die Hose droht zu platzen, als er sich während des Spiels umständlich vorbeugt, um den französischen Superstar Kylian Mbappé zu begrüßen, und dass sie es nicht tut, ist womöglich der größte Erfolg für RB Leipzig bei diesem speziellen Fußballspiel in Lissabon, das Paris Saint-Germain am Ende berechtigterweise mit 3:0 gewinnt.

Der Traum von RB Leipzig zerplatzt an noch mehr Marketing bei PSG

Geplatzt ist also: der Leipziger Traum, als Klub, den es seit gerade einmal elf Jahren gibt, ins Finale der Champions League einzuziehen. Geplatzt ist die Einbildung, einem monströsen Gegner wie Paris auf größter Bühne die Stirn bieten zu können. Was das anbelangt, reichte die Leipziger Stirn am Dienstag höchstens bis zum Pariser Sponsorenlogo einer Hotelgruppe, das einem übrigens, sollte man es vergessen haben, verdeutlichte, dass es sich bei den Franzosen genauso wenig um einen Fußballverein handelt wie bei den Leipzigern, nicht im klassischen Sinne jedenfalls. Das ist natürlich nicht irgendeine Hotelgruppe, für das PSG da wirbt, sondern eine Hotelgruppe, an denen die PSG-Besitzer aus Katar mehr als zehn Prozent Anteile halten.

Der Anspruch an einen solches Champions-League-Spiel, wenn auch unter schrägen, runtergedimmten Bedingungen der Corona-Zeit, ist ja irgendwie doch, dass Leipzig und Paris in einem ehrlichen Wettkampf gegeneinander antreten. In Wirklichkeit war die Champions League an diesem Dienstag noch mehr als sonst Plattform für Turbo-Marketing gigantischen Ausmaßes, und Puristen, die sich nun daran erquicken, dass die Leipziger als wandelnde Werbebande eines Getränkeherstellers nun kurz vor dem größten Spiel Europas auf der Strecke geblieben sind, seien daran erinnert, warum die Pariser über ein solch unverschämt gutes Fußballteam verfügen. Weil die Herrscher Katars vor neun Jahren mittels einer Investorengruppe in den heruntergekommenen Klub einstiegen, um dem Emirat über den Sport zu weltweitem Ansehen zu verhelfen, denn auf Dauer ist das ja nichts: immer nur diese hässlichen Nachrichten von Folter und Verfolgung und Tod, die aus Katar in die Öffentlichkeit dringen.

RB Leipzig wird von PSG in der Champions League überrannt

Es hat seinen Grund, dass sich das Fußballmagazin „11 Freunde“, wo das Fußballherz am rechten Fleck schlägt, dazu entschied, keine Zeile über dieses Halbfinale der Königsklasse zu verlieren. Nicht eine einzige.

Hätten die „11 Freunde“ es trotzdem getan, hätten sie sich in ihrem berühmten Liveticker über ein ausgesprochen langweiliges Fußballspiel lustig machen können. Eine einseitige Sache. Auch das Engagement von Trainer Julian Nagelsmann an der Seitenlinie änderte nichts daran, dass Leipzig heillos überfordert war mit der spielerischen und taktischen Klasse der Pariser. Und während Nagelsmann verzweifelt auf und ab tigerte, fuchtelnd, rufend, nicht in der Lage, seinen Spielern zu helfen, saß in der Pariser Coaching Zone sein alter Lehrmeister auf einer Kühlbox, Thomas Tuchel, durch einen Fußbruch zur Bewegungslosigkeit verdammt. Eine hagere Gestalt, als könne er jeden Moment zusammenbrechen unter der Last seines ultradünnen Kaschmirpullovers. In seiner körperlosen, Stephen-Hawking-mäßige Präsenz hatte Tuchel alles im Griff, ohne groß eingreifen zu müssen in die Handlungen seiner präzise programmierten Spieler. Einmal wurde ihm Nagelsmann zu laut, irgendeine Schiedsrichterentscheidung, da rief Tuchel ein paar Maßregelungen hinüber, und Nagelsmann, ohne Interesse an der Konfrontation, verzog sich ans andere Ende seiner Aufenthaltszone. Einer der wenigen sinnvollen Leipziger Laufwege an diesem Abend.

Die Sachsen schienen, anders noch als im Viertelfinale gegen Atletico Madrid, überwältigt von der Größe des Ereignisses, waren ungenau in der Offensive und wackelig in der Verteidigung. Wer beobachtete, wie Kapitän Yussuf Poulsen aufgeregt versuchte, sich im Sturmzentrum zu behaupten, realisierte, dass sich die Leipziger in der Post-Timo-Werner-Ära erst noch zurechtfinden müssen. Zur Halbzeit stand es 2:0 für Paris, nach nicht einmal einer Stunde 3:0, und dass es dann hintenraus für ein paar Minuten so aussah, als könnten die Leipziger mitspielen, lag daran, dass PSG den Katz-und-Maus-Modus aktivierte; lässig, verspielt, doch immer hellwach.

RB Leipzig gegen PSG in der Champions League wie eine Werbeveranstaltung

Thomas Tuchel hat jetzt, allen Widerständen und Rückschlägen der vergangenen Jahre zum Trotz, ein wunderbar ausbalanciertes Team beisammen, eine Symbiose aus Kollektiv und Individualismus. Der Brasilianer Neymar ist und bleibt eine beeindruckende Erscheinung, elegant, am Ball unfehlbar, auch für Defensivläufe ist er sich nicht mehr zu schade. Ähnlich Mbappé, die fleischgewordene Rakete. Und Angel di Maria, Tuchels Dreiersturm komplettierend, gegen Leipzig der beste Mann auf dem Platz, zeigt sich als nie versiegende Energiequelle, zugleich Künstler und Kämpfer und in gewähltem Maß schlauer Betrüger, wenn er dem Schiedsrichter moderaten Körperkontakt als heftiges Foulspiel verkauft.

„Wir haben es geschafft, eine Mannschaft zu erschaffen, wo jeder seine Wichtigkeit kennt, jeder kennt auch seine Schwächen, wir sind zusammengeschweißt auf dem Platz, so gewinnt man auch“, erklärte Mbappé. So sei es leichter, „Opfer zu bringen“.

Bei Julian Nagelsmann überwog derweil „der Frust“, wie er zugab, „das muss auch so sein, um für die neuen Aufgaben wieder die notwendige Power zu sammeln.“ RB will in Zukunft ja eine Hauptrolle spielen auf Europas größter Fußballbühne.

Kraft sammeln müssen deshalb auch die Fußballfans. Denn Werbeveranstaltungen wie Leipzig gegen Paris müssen sie immer öfter ertragen. (Von Jakob Böllhoff)

Im Finale der Champions League trifft PSG entweder auf Olympique Lyon oder den FC Bayern München. Wir zeigen Ihnen, wo und wie Sie die Partie Olympique Lyon gegen FC Bayern München live im TV und im Live-Stream verfolgen können.

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