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Im Namen der Dose

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Von: Frank Hellmann

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Bei Ralf Rangnick steigt die Spannung, auch um den Bauch herum.
Bei Ralf Rangnick steigt die Spannung, auch um den Bauch herum. © dpa

Warum der deutsche Trainer Ralf Rangnick besser zur österreichischen Nationalmannschaft passt als viele denken

Um zu verstehen, warum Ralf Rangnick gar nicht lange gezögert hat, den Job als österreichischer Nationaltrainer anzunehmen, ist eine Episode vor zehn Jahren elementar. Damals landete unter lautem Getöse ein mächtiger Hubschrauber auf dem Sportplatz in Großaspach. Kurz zuvor hatte der Fußballlehrer in einem Café in seinem Heimatort Backnang bei Stuttgart gesessen, als das Telefon klingelte. Am anderen Ende der Leitung: Dietrich Mateschitz. Der sportaffine Red-Bull-Gründer wollte wissen, ob sich Rangnick ein Jahr nach seinem Burnout wieder ein Engagement vorstellen könne.

Der Firmenboss flog den Hubschrauber selbst, aus dem auch Gérard Houllier stieg, damals der Sportdirektor für die Fußballvereine des Konzerns. Es dauerte nicht lange, dass man sich auf ein Langzeitprojekt verständigte. Sowohl der FC Salzburg als auch RB Leipzig hätten heute kaum Champions-League-Niveau, wenn Rangnick hier wie dort nicht so feste Grundpfeiler im Namen der Dose eingeschlagen hätte.

Zeitweise wusste der Schwabe gar nicht mehr, ob er sich denn nun in Backnang, Leipzig oder Salzburg befinde, so oft pendelte er zwischen den drei Standorten hin und her. In der Mozartstadt hat er bis heute eine Bleibe – einer seiner Söhne arbeitet dort als Arzt – sodass sich für den 63-Jährigen viele Kreise schließen, wenn er als Österreichs neuer Nationalcoach bei Vizeweltmeister Kroatien (Freitag 20.45 Uhr) startet. Danach folgt am Pfingstmontag das Heimdebüt gegen Dänemark, vier Tage späte ist gleich noch Weltmeister Frankreich im Ernst-Happel-Stadion zu Gast. Solche herausfordernden Länderspiele sind der Lohn, wenn der Fifa-Weltranglisten-34. in die oberste Kategorie der Nations League aufsteigt.

Das hat noch Franco Foda geschafft, der auch bei der vergangenen EM den Europameister Italien im Achtelfinale in Wembley bis in die Verlängerung zittern ließ – nur danach kam nicht mehr viel. Die WM-Qualifikation verspielten die Österreicher mit der ihr eigenen Lässigkeit, und als dann auch noch das Playoff in Wales verloren ging, war klar: Mit dem nie vollständig akzeptierten Foda war keine Weiterentwicklung möglich. Dass ÖFB-Sportdirektor Peter Schöttel gleich wieder den nächsten Deutschen als Wunschlösung präsentierte, haben die gut bezahlten österreichischen Kolumnisten wie Toni Polster, Peter Pacult, Hans Krankl und Co. zum Anlass genommen, kübelweise Wiener Schmäh auszuschütten. Dabei verkennen sie, dass die Verpflichtung von fast allen Spielern ausdrücklich begrüßt wurde.

Zwischen Trainer und Team kann etwas zusammenwachsen, was vielleicht sogar zusammengehört. 14 der nominierten Akteure spielen in der deutschen Bundesliga, und viele sind über die TSG Hoffenheim oder RB Leipzig direkt oder indirekt von Rangnick beeinflusst. „Meiner Meinung nach ist er der Beste, den Österreich kriegen konnte“, sagte der Hoffenheimer Christoph Baumgartner im „Kicker“. Um das nächste Niveau zu erreichen, ein Team zu bauen, dass bei EM oder WM eine gewisse Rolle spielen kann, dafür sei „ein unfassbar guter Fachmann“ (Baumgartner) genau richtig. Rangnick hat zudem den Kontakt zu Leistungsträgern wie Konrad Laimer oder Marcel Sabitzer nie abreißen lassen, und Champions-League-Sieger David Alaba hat er selbstverständlich wie bei Real Madrid eine zentrale Rolle versprochen.

Der ehrgeizige Entwickler will zeigen, dass jener typische Umschaltfußball nicht ausgedient hat, an dem sich die gerade freigestellten Bundesliga-Trainer wie Marco Rose oder Adi Hütter oder der aktuelle Salzburger Coach Matthias Jaissle, ein Rangnick-Schüler aus Hoffenheimer Zeiten, orientiert haben. Den Lehrmeister hat es tief im Inneren getroffen, dass der Deutsche Fußball-Bund sich bei der Nachfolgesuche für Joachim Löw nicht mal einmal wirklich intensiv mit ihm beschäftigt hat, nachdem er öffentlich seine Bereitschaft angekündigt hat.

Dass er zuletzt bei Manchester United für seine Verhältnisse wenig bewirken konnte, erklärt sein Umfeld damit, dass er ohne ausreichend Vertraute im Trainerstab und auf Führungsebene die in Grüppchen zerfallene Kabine mit der starken Portugal-Fraktion um Cristiano Ronaldo nicht für sich gewinnen konnte. Dass Rangnicks Beratervertrag beim englischen Renommierverein aufgelöst wurde, ist für beide Seiten besser. Zumal er ja auch in der Alpenrepublik wieder viele Facetten abdecken, bei Nachwuchsarbeit und Trainerausbildung einwirken will.

Rangnick möchte sich mit seiner Mannschaft über die Nations-League-Duellen schnell auf einen gemeinsamen Weg verständigen, der danach am besten schnurstracks zur EM 2024 nach Deutschland führt. Dort zu zeigen, was der österreichische Fußball kann, wäre Seelenbalsam für Trainer und Spieler. Spielt die ÖFB-Auswahl beim Heimturnier des großen Nachbarn mit, verlängert sich Rangnicks Vertrag gleich auch für die WM-Qualifikation 2026.

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