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Im Auftrag des Emirs

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Von: Frank Hellmann

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Leben ihren Traum: die Nationaspieler Katars.
Leben ihren Traum: die Nationaspieler Katars. © IMAGO/Pixsell

Die katarische Nationalmannschaft startet als krasser Außenseiter in das WM-Eröffnungsspiel, denn eine großflächige Einbürgerungsoffensive wie im Handball blieb aus.

Es stimmt, dass die frühere Herrscherfamilie von Katar mit Fußball wenig bis gar nichts anfangen konnte. Sie vergnügten sich damit, dass ihre Falken Kaninchen und Vögel jagten. Seitdem aber Scheich Tamim bin Hamad Al Thani das Sagen in dem Wüstenemirat hat, wollen die Schwärmereien für diesen Sport nicht enden. Tore von Kylian Mbappé, Täuschungen von Lionel Messi, Tricks von Neymar sind ständiges Gesprächsthema im feudalen Herrscherhaus.

Paris St. Germain, im Grunde ein Ableger des WM-Ausrichters, weil über den katarischen Staatfonds großgezogen, lenkt im Alltag die Aufmerksamkeit des 42 Jahre alten Staatsoberhaupts auf sich, aber wenn der erste Ball bei dieser WM rollt, wird der fußballbegeisterte Emir natürlich seiner eigenen Nationalelf die Daumen drücken: Katar gegen Ecuador (Sonntag, 17 Uhr/ZDF) mögen viele nicht spannend finden, für rund 300 000 Kataris ist das Eröffnungsspiel im Stadion Al Bayt in der Küstenstadt Al Chaur 40 Kilometer nördlich von Doha das wichtigste Spiel der Geschichte.

Weshalb der Gastgeber auch komplett die Schotten geschlossen hat: Einblicke in die Aspire Academy, die Trainings- und Ausbildungsstätte des katarischen Fußballs, die auch der FC Bayern in Wintertrainingslagern so gern aufsucht, gab es keine. Das Versteckspiel folgt einem klaren Plan, den Rest der Welt zu überraschen. Oder zumindest die Südamerikaner aus Ecuador. Katar so gut vorbereitet wie kein anderer WM-Teilnehmer, spielte 2019 bei der Copa America (Vorrundenaus), 2021 beim Gold Cup in Nord- und Mittelamerika (Halbfinale) und zwischendrin bei der WM-Qualifikation in Europa mit. Das Team tourte dann im Sommer noch mal durch Europa und testete oft unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Mithalten wäre schon gut

Bereits vor zwei Monaten endete die Qatar Stars League, um allen Spielern eine gemeinsame Vorbereitung zu ermöglichen. Davon können alle anderen Nationaltrainer nur träumen. Wenig verwunderlich, dass Felix Sanchez nicht tiefstapelt, nachdem sein Trupp schon einmal auf den Punkt genau da war: „2019 war es sehr schwierig sich vorzustellen, dass wir den Asien Cup gewinnen und wir haben es geschafft. Ich rede nicht darüber, dass wir Weltmeister werden, aber auf höchstem Level mitzuhalten, ist definitiv unser Ziel“, sagte der gebürtiger Spanier, der eine enge Bindung ins Emirat pflegt.

2006 begann Sanchez mit dem sportlichen Nachwuchs, übernahm sieben Jahre später die U19 und vor fünf Jahren bereits die A-Nationalmannschaft. Klar, dass die meisten Spieler an den Lippen dieser Vaterfigur hängen. Der 46-Jährige arbeitet so gut, dass die Landesväter darauf verzichteten, einen großen Namen einzukaufen, was ja leicht möglich gewesen wäre.

Bei den Spielern ist das schwieriger. Anders als im Handball sind an Einbürgerungen im Fußball höhere Hürden geknüpft. Zwar tritt Katar mit einigen Kickern an, die von anderen Kontinenten stammt. Rechtsverteidiger Pedro Correira kommt aus Portugal, Stürmer Almoez Ali aus dem Sudan, die Abwehrspieler Bassam Al-Rwai und Al-Sadds Boualem Khouki aus dem Irak bzw. Algerien. Aber eine großflächige Einbürgerungsoffensive gab es nicht. Sanchez weiß, dass sein Ensemble nur bedingt mithalten kann. „Wenn wir konkurrenzfähig sein wollen, wäre es wie Selbstmord, wenn wir die Initiative ergreifen würden. Wir versuchen, kompakt zu stehen, möglichst wenig Chancen des Gegners zuzulassen und bei Kontern stark zu sein.“

Doch selbst gegen Jamaika oder Slowenien gab es keine Siege. Deshalb hat der Coach aus Barcelona vor den weiteren Gegnern Niederlande und Senegal allergrößten Respekt: „Wir treffen auf Teams, die im WM-Finale standen oder Afrika-Meister sind. Viele Spieler sind auf ihren Positionen die Besten auf der Welt“, sagte er. Seine Devise: „Wir versuchen, Normalität zu wahren. Genug Druck gibt es schon von außen.“ Da weiß einer, wer am Sonntag erwartungsvoll zuschaut.

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