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Nimmt bald Abschied vom Profifußball und empfindet es als Erlösung: Per Mertesacker.
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Nimmt bald Abschied vom Profifußball und empfindet es als Erlösung: Per Mertesacker.

Per Mertesacker

"Ich will das System angreifen"

  • Jan Christian Müller
    VonJan Christian Müller
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Per Mertesacker offenbart in einem bemerkenswerten Gespräch mit dem "Spiegel", wie er das Fußballgeschäft erlebt hat und welche Lehren er daraus zieht.

Per Mertesacker hat sich kürzlich mit einer Reporterin des „Spiegel“ getroffen. Die beiden saßen einige Stunden lang in einem Londoner Thai-Restaurant bei Hühnchen mit Cashewnuts und einem Mineralwasser zusammen. Journalisten sind es gewohnt, dass hochdekorierte Fußballspieler gerade da aufhören, wo die Wahrheit beginnt, die sich hinter der Scheinwelt des Profifußballs versteckt. Per Mertesacker, 33, hat sich getraut, die Unterhaltung genau an dieser Stelle anzufangen. Herausgekommen sind, unter der bezeichnenden Überschrift „Der Mensch im Trikot“, derart tiefe Einblicke in das Seelenleben eines Nationalspielers, dass Protagonisten der Branche irritiert reagieren. Lothar Matthäus zum Beispiel, aber dazu später. 

Mertesacker, der am Saisonende eine aktive Karriere beenden wird, die ihn seine letzten im 104. und letzten Länderspiel noch zwei Minuten lang ins WM-Finale 2014 führte, hat seinen hochdotierten Job im Rampenlicht der Gesellschaft viel mehr als Last und viel weniger als Lust empfunden; jedes Spiel eine große Prüfung, begleitet von Brechreiz unmittelbar vor dem Anpfiff.

Da drehte sich regelmäßig „der Magen um, als müsse ich mich übergeben. Ich muss dann einmal so heftig würgen, bis mir die Augen tränen“. Zuvor stets Durchfall, stundenlang: „Vom Bett muss ich sofort auf die Toilette, vom Frühstück auf die Toilette, vom Mittagessen wieder auf die Toilette, im Stadion wieder auf die Toilette.“ Er ist den Druck nicht anders losgeworden.

Per Mertesacker ist behütet aufgewachsen, war Profi bei Hannover 96, Werder Bremen und ist es kurz noch beim FC Arsenal. Er will im Rückblick „nicht weinerlich klingen“, denn „natürlich sind mir die Privilegien meines Lebens bewusst“. Er hat auf der Sonnenseite gestanden, aber auch in einer Tretmühle, vom Zivildienst im Heim für geistige Behinderte ging es schnurstracks in die Bundesliga und bald ins DFB-Team. Der lange Lulatsch war Stammkraft beim Sommermärchen. Mit 21, nur Lukas Podolski war noch ein bisschen jünger.

Mertesacker hat den Druck kaum noch aushalten können. So groß sei der gewesen, dass er beim Aus im Halbfinale gegen Italien im brodelnden Dortmunder Stadion mehr Erleichterung als Enttäuschung empfunden habe „Ich dachte nur: Es ist vorbei, es ist vorbei. Endlich ist es vorbei.“ Der Druck habe ihn „aufgefressen. Dieses ständige Horroszenario, einen Fehler zu machen, aus dem dann ein Tor entsteht.“  Er hat es blendend verstanden, seine Unsicherheit hinter Souveränität zu verstecken. Er hat lange mit niemandem über seine Probleme gesprochen, schon gar nicht mit Mitspielern. In Bremen sei ihnen die Unterstützung eines Psychologen angeboten worden. „Wenn er uns angesprochen hat, haben alle eigentlich immer nach dem Motto reagiert: Ich hab nichts, mir geht es gut, bleib weg von mir.“ Niemand wagte, Schwäche zu zeigen. Die Usancen des Profigeschäfts mit seinem gnadenlosen Verdrängungswettbewerb sind die gleichen geblieben, auch nachdem sein Freund Robert Enke sich im November 2009 das Leben nahm. „Selbst ich habe nichts davon mitbekommen, wie schlecht es ihm ging. Das sagt doch einiges, oder?“

In seinem neuen Berufsleben als Leiter der Arsenal-Nachwuchsakademie will Per Mertesacker, inzwischen zweifacher Familienvater, die persönlichen Lehren an die Talente weitergeben. Er hat sich viel vorgenommen, vielleicht gar zu viel, aber es ist gut, dass intelligente, emphatische Menschen wie er bereit sind, Einfluss zu nehmen. „Ich will das System angreifen. Wir sind für die Jungs verantwortlich, die zu uns kommen. Die dürfen nicht alles auf die Fußballkarte setzen und die Schule vernachlässigen.“ Denn nur ein Prozent schaffe den Sprung, „und von den restlichen 99 Prozent sind dann 60 Prozent dauerhaft arbeitslos“. 

Am Wochenende, nur ein paar Stunden, nachdem der „Spiegel“ das Gespräch mit Mertesacker veröffentlicht hatte, ist der Rekordnationalspieler Lothar Matthäus von seinem Teilzeit-Arbeitgeber Sky zu Mertesackers Offenbarungen befragt worden. Matthäus, ein Fußballer von altem Schrot und Korn, hat die Stirn ins krause Falten gelegt. Das tut er immer, wenn ihm etwas nicht gefällt. Und dann hat er bedeutungsschwanger gesagt: „Wie soll er weiter im Fußball tätig sein? Ich glaube, er will im Nachwuchs arbeiten. Wie will er da einem Fußballspieler diese Professionalität vermitteln, wenn er sagt, da ist zu viel Druck? Das geht nicht.“ Matthäus erweckte nicht den Eindruck, als hätte er verstanden, was Per Mertesacker zum Ausdruck bringen wollte. 

Christoph Metzelder, an dessen Seite Mertesacker sowohl bei der WM 2006 als auch bei der EM 2008 verteidigt hatte und der ebenfalls inzwischen als Sky-Experte tätig ist, reagierte ebenfalls irritiert: Er habe „die WM 2006 so wahrgenommen, dass wir ab einem gewissen Punkt wie auf einer Welle waren“ und es „überhaupt nicht so empfunden, wie er das jetzt beschreibt.“ Überraschen muss das nicht. Es ist kein Geheimnis, dass Menschen mit Druck völlig unterschiedlich umgehen. 

Per Mertesacker ist überzeugt davon, dass seine Verletzungshistorie unmittelbar mit dem Kopf zutun hatte: „Wenn ich nicht mehr konnte, war ich verletzt, so war es immer. Ich behaupte sogar, dass viele wiederkehrende Verletzungen psychisch bedingt sind. Dass der Körper der Seele damit zu Ruhe verhilft. Aber das hinterfragt niemand.“ Derart bedingte Pausen habe er nicht als unangenehm empfunden: „Es denken alle, es wäre ein Drama, wenn du verletzt ausfällst – ist es nicht. Denn es ist der einzige Weg, eine legitimierte Auszeit zu bekommen, mal raus zu sein aus der Mühle.“ 

Es gibt zweifellos viele Spieler, die das anders sehen, die sich alleingelassen fühlen, wenn sie sich durch die Mühlen der Reha kämpfen. Und die zum Ende hin mit dem Aufhören schwertun. Per Mertesacker, der am 13. Oktober in seiner Heimatstadt Pattensen sein Abschiedsspiel absolvieren wird, hat das längst getan: Sein Körper sei „einfach durch“. Außerdem habe er schlicht „keinen Bock mehr“. Schon jetzt sitze er „am liebsten auf der Bank, noch lieber auf der Tribüne“. Und bald, sehr bald, werde er „zum ersten Mal frei sein“.

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