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Helmut Spahn zur WM in Katar: „Ich sehe eine Riesenchance“

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Von: Jan Christian Müller

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Geballte Kompetenz: Helmut Spahn.
Geballte Kompetenz: Helmut Spahn. © Jan Huebner/Imago

Der deutsche Fifa-Sicherheitschef Helmut Spahn hofft bei der WM in Katar auf Gäste aller Couleur und „eine Party der Fußballfans der Welt“.

In zwei Monaten beginnt die umstrittene Fußball-Weltmeisterschaft in Katar. Fifa-Sicherheitschef Helmut Spahn setzt sich mit der Kritik auseinander und erklärt, was Fans vor Ort zu erwarten haben.

Herr Spahn, Sie wohnen mit Frau und zwei Söhnen in Froschhausen zwischen Frankfurt, Offenbach und Hanau und arbeiten in Zürich und Doha als Fifa-Sicherheitschef für die WM 2022. Wie kann man sich ihren Wochenrhythmus vorstellen?

Ich habe auch eine Wohnung in Zürich, aber ich bin viel unterwegs, da ich für alle Turniere und Veranstaltungen der Fifa weltweit zuständig bin. Ich war vorletzte Woche in Doha, letzte Woche in Istanbul, gehe weiter nach Lyon und dann wieder nach Doha.

Wann sind Sie mal bei der Familie wie heute bei unserem Gespräch?

So oft es geht. Wenn ich eine normale Woche in Zürich habe, fliege ich montags hin und freitags zurück. Dann bin ich am Wochenende zu Hause. Von Doha nehme ich immer den Nachtflug, der um sieben Uhr morgens in Frankfurt landet. Und es gab aber auch positive Auswirkungen durch Corona. Meine Frau und ich waren zwei Jahre viel im Homeoffice.

Sie waren beim Confederations Cup 2005 und bei der WM 2006 in Deutschland Sicherheitschef des WM-Organisationskomitees, 2010 dann als DFB-Sicherheitsboss für die Nationalelf zuständig, 2014 als Berater für die Fifa in Sicherheitsfragen, 2018 in Diensten der Fifa. Ist Katar 2022 die schwierigste Aufgabe?

Ich erinnere mich noch, dass Uli Hoeneß vor Südafrika 2010 gewarnt hat. Er glaubte, das sei viel zu gefährlich. In Brasilien 2014 gab es Streiks von Polizei und Sicherheitspersonal. In Russland 2018 gab es Warnungen vor Terroranschlägen. All diese Problematiken haben wir in Katar nicht. Es gibt nur eine Landgrenze, die nach Saudi-Arabien, und ein weiteres Einfallstor: den Flughafen. Nach Deutschland 2006 konnte aus dem Schengenraum jeder kommen. Vom Sicherheitsaspekt her war das komplexer.

Weil?

Weil wir „Die Welt zu Gast bei Freunden“ mit Leben erfüllen wollten. Das war die große Herausforderung. Wir wollten keine Ausschreitungen in zerstörten Innenstädten und keinen Hooliganismus. Das haben wir geschafft. Auch deshalb natürlich, weil das Klientel, das sich zu Weltmeisterschaften begibt, in der Regel auch ein anderes ist, als jenes, das zu Bundesligaspielen geht.

Es gab seinerzeit eine Riesendebatte um personalisierte Tickets. Was ist davon geblieben?

Das hat sich als Standard etabliert, insbesondere bei Turnieren. Wir hatten in Deutschland fast eine hundertprozentige Auslastung und so kaum einen Schwarzmarkt und nur wenige gefälschte Tickets.

Können in Katar nur diejenigen ins Stadion, die auf der Eintrittskarte namentlich ausgewiesen sind?

Es läuft ähnlich wie in Russland. Dort gab es die Fan-ID, die als Visum galt. In Katar heißt sie Hayya-Card, die man vorher digital herunterlädt und ausfüllt. Um nach Katar einzureisen, benötigt man eine Hayya-Card, einen Flug zurück, ein Ticket und einen Nachweis zur Übernachtung. Und dann: freie Fahrt!

Wie sieht die Zusammenarbeit mit dem katarischen WM-OK aus und wie die mit den Behörden?

Wir haben in Katar kein klassisches WM-OK. Es gibt dort die Firma „Qatar 2022 LLC“. Die gehört zu 51 Prozent der Fifa und zu 49 Prozent dem Staat Katar. In Zukunft, ab der Frauen-WM 2023 in Neuseeland und Australien, gründet die Fifa jeweils eine Organisation, die ihr einhundertprozentig gehört. Es gibt dann kein lokales Organisationskomitee mehr, so dass die Fifa von Turnier zu Turnier Erfahrungen sammeln kann, die die Gastgeberländer unterstützen, damit niemand bei null anfangen muss.

Gibt es schlechte Erfahrungen mit Katar?

Nein. Die Zusammenarbeit ist wirklich gut. Die Hauptansprechpartner sind der Innen- und der Premierminister, das ist in Katar dieselbe Person, sowie ein sogenannter Gold-Commander, ein General, vom „Saftey and Security Operations Committee“, mit dem ich alles besprechen kann. Das ist natürlich wesentlich einfacher als in großen Ländern wie Brasilien oder Russland, wo es unterschiedliche Gouverneure, Polizeichefs und Bürgermeister gibt.

Was besprechen Sie vor allem?

Wir haben hier acht Stadien mit einer Kapazität von mindestens 40 000, täglich vier Spiele in der Vorrunde, keinen Tag Pause: also tausende von Fans , die an einem Tag ins Stadion gehen, da einige zu Beginn des Turniers bis zu zwei Spiele besuchen werden. Die Fans, die am nächsten Tag in die Stadien wollen, sind auch schon da, einige sind geblieben. Also kann man davon ausgehen, dass sich zahlreiche Fans zur selben Zeit in Doha aufhalten, die voran kommen, unterhalten und verpflegt werden müssen. Damit hat Katar noch keine Erfahrungswerte in dieser Größenordnung, hat aber in der Vergangenheit hart gearbeitet, um einen reibungslosen Ablauf zu gewährleisten.

Haben Sie Furcht, dass es zu größeren Pannen kommt?

Meine Kernaussage ist immer: „Wir organisieren hier kein Sicherheitsevent, sondern ein Fußballturnier.“ Noch dazu in einer Stadt mit acht funkelnagelneuen Stadien binnen eines Monats und einer klaren Organisationsstruktur. Ich weiß aber auch aus Erfahrung: Innenministerium, Polizei und Militär haben immer die Sicherheitsbrille auf. Davon muss man ein Stück wegkommen. Ein Tunnelblick ist wenig hilfreich. Wir müssen es schaffen, ein Fußballfest zu organisieren.

Wird die Polizei in Katar geschult, um mit Fans umzugehen?

Ja. Die katarischen Behörden und die Polizei sind seit 2010 bei allen großen Fußball-Veranstaltungen und auch bei Olympischen Spielen dabei und es gab und gibt seit Jahren umfängliche Ausbildungsmaßnahmen.

Fußballfans sind emotionaler als Fans anderer Sportarten.

Wir haben in Katar die Klub-WM und den Arab-Cups ausgetragen. Bei der Klub-WM gab es erstmals Erfahrungen mit Pyrotechnik durch tunesische Fans.

Die haben es geschafft, in Katar Fackeln abzubrennen?

Ja, obwohl man Pyrotechnik dort nicht offiziell kaufen kann. Es muss irgendwie ins Land gekommen sein.

Da waren sogar Sie überrascht?

Ja, zumindest, was die Menge angeht. Das war schon ordentlich. Danach haben wir die Sicherheitsmaßnahmen am Stadioneingang intensiviert und waren recht erfolgreich.

Sie kennen sich in Doha bestens aus. Können Sie Fans empfehlen, die WM vor Ort zu erleben?

Zur Person

Helmut Spahn ist seit 2017 der verantwortliche Safety and Security Manager beim Fußball-Weltverband Fifa und somit auch für die Weltmeisterschaft 2022 in Katar zuständig. Der 61-Jährige war Leiter des Sondereinsatzkommandos (SEK) der Frankfurter Polizei

Sicherheitschef der WM 2006, DFB-Sicherheitsdirektor, ehe er den lukrativen Job als Generaldirektor des Internationalen Zentrums für Sportsicherheit (ICSS) in Katar annahm. Aus dieser Zeit, als der gebürtige Seligenstädter mit Familie in Katars Hauptstadt Doha wohnte und arbeitete, kennt Spahn das Staatoberhaupt von Katar, den Emir Tamin bin Hamad Al Thani (42) persönlich. Sphan war zudem drei Jahre lang Präsident von Regionalligist Kickers Offenbach. jcm

Wir haben 24 der 32 Teams in einem Radius von zehn Kilometern untergebracht; fast alle Mannschaften auf einem Fleck. Da kann eine Art Olympic Spirit entstehen. Das gab es bei einer WM noch nie. Das ist eine Riesenchance. Diese Chance müssen wir gemeinsam nutzen. Bei vorangegangenen Weltmeisterschaften waren immer nur zwei Mannschaften im jeweiligen Spielort. Das ist hier komplett anders.

Wird es eine Fanmeile geben?

Ja, an der Waterfront können alle Fans aus allen Ländern direkt zusammen sein. Eine tolle Location mit Blick auf die Skyline. Das kann ich als Sicherheitsrisiko betrachten, ich kann es aber auch als Riesenchance ansehen. Auch in der Nähe von einigen Stadien gibt es Fanbereiche, um den Leuten dort Entertainment zu bieten. Auch denjenigen, die für das Spiel an diesem Tag kein Ticket haben. Es soll eine Party der Fußballfans der Welt werden.

Wie sieht es mit dem Alkohol aus? Wo gibt es welchen und wo sicher nicht?

Es wird auch bei der WM nicht an jeder Ecke Alkohol zu kaufen geben. Das finde ich auch gar nicht schlecht. Wer Alkohol in Katar trinken möchte, kann das tun: privat zu Hause, nachdem man sich den Alkohol im Liquor Shop gekauft hat, in Sportbars oder Hotels. Während der WM wird auf den Fanmeilen in bestimmten Zeitfenstern Alkohol angeboten werden. Es wird auch an den Stadien zwischen äußerem und innerem Sicherheitsring Bier geben, nicht aber auf den Tribünen. Das war bei vergangenen Weltmeisterschaften ganz ähnlich.

Und hin und wieder gibt es bestimmt eine Klopperei?

Sollte es soweit kommen, müssen wir das mit Fingerspitzengefühl und intelligent lösen, nicht mit Repression. Es wird ein internationales Polizei-Kooperationszentrum geben. Wir haben Polizeidelegationen aus allen 32 Ländern vor Ort, um zu unterstützen und auf die jeweiligen Fangruppierungen kommunikativ einzuwirken.

Wird der Verkehr in Doha dicht sein?

Das kann hin und wieder vorkommen und es war nicht anders bei vergangenen Weltmeisterschaften. Es wurde jedoch extrem in die Infrastruktur investiert. 2011, als ich dort hingezogen bin, gab es kaum eine Ampel und keine Gehwege, keine Busse, keine Metros. Das hat sich diametral geändert. Es gibt riesige Straßen, Metros, eine Vielzahl elektrischer Bussen und viele Taxis.

Werden die Fans genügend Übernachtungsmöglichkeiten vorfinden?

Es wird verschiedene Unterkunftsmöglichkeiten geben. Von Hotelzimmern, Apartments, kleine Häuser bis hin zu Zelten in der Wüste.

Viele Fans hierzulande wollen die WM boykottieren, weil sie keine WM im Winter wollen, weil sie die Menschenrechtssituation in Katar stört, weil sie meinen, das Emirat habe die WM nur bekommen, weil korrupte Funktionäre mit im Spiel gewesen sein sollen. Können Sie die Kritik nachvollziehen?

Es ist das gute Recht eines jeden, sich die Spiele nicht anzugucken. Aber ich stelle auch fest: Wir haben eine riesige Ticketanfrage. Da wurden bereits 2,45 Millionen Tickets verkauft. Wir könnten das Turnier zehnfach ausverkaufen. Deutschland und England liegen bei den Ticketnachfragen in den Top Ten. Es gibt also durchaus Leute, die da hinfliegen. Bezüglich der Menschenrechte ist ja interessant, dass Organisationen wie Amnesty International oder auch die internationalen Gewerkschaften von Boykottaufrufen absehen, weil die die Fortschritte im Land anerkennen und die WM hier auch als Zugpferd sehen.

Sie kennen Katar gut. Welchen Eindruck haben Sie, was die geforderten Reformen angeht?

Was mich an der Debatte stört: Sie wird aus meiner Sicht sehr oberflächlich geführt und oft mit falschen Daten und Fakten hinterlegt. Dann sind plötzlich Zahlen im Raum, die weitertransportiert werden, die aber niemand belegen kann. Fakt ist, dass sich sehr viel getan hat in dem Land. Das Kafala-System, das ich noch selbst erlebt habe, ist abgeschafft worden. Und ich frage mich in der Tat: Hätten diese Reformen auch in dieser Form stattgefunden, wenn die WM nicht in Katar wäre? Die Antwort lautet „Nein“.

Die Arbeitsbedingungen auf dem Bau sind aber kritikwürdig?

Ich verstehe die Kritik zu einem gewissen Grad. Denn es ist auch so, dass auf den Baustellen für die WM-Infrastruktur erhöhte Standards zum Beispiel im Bereich der Arbeitssicherheit umgesetzt wurden, von denen die Gewerkschaften bereits seit 2017 sagen, dass sie vergleichbar sind mit der Situation in Europa oder Nordamerika. Wir haben von der Fifa und den anderen Turnierorganisatoren vor Ort eigene Abteilungen, die die Unternehmen überprüfen und falls nötig sanktionieren. Und es gab darüber hinaus wie erwähnt auch eine Vielzahl arbeitsrechtlicher Reformen die alle Arbeitenden im Land betrifft. Die Maßnahmen auf den WM-Baustellen galten für einige dieser Reformen als Vorbild. Dass die Umsetzung dieser tiefgreifenden Reformen Zeit braucht, ist in der Praxis leider verständlich. Du hast immer Schwarze Schafe dabei, die ihre Leute nicht ordentlich bezahlen. Wichtig ist, dass wir mit unseren Leuten vor Ort sind und herausfinden, wenn es passiert, damit wir entsprechend reagieren können.

Wird die WM in Katar also hier bei uns zu kritisch gesehen?

Ich sehe jedenfalls eine Riesenchance darin, das Vehikel Fußball-Weltmeisterschaft auch zu nutzen, um in anderen Bereichen Verbesserungen herbeizuführen. Wir sollten auch die Kultur des Gastgeberlandes respektieren, und Veränderungen brauchen Zeit. Man kann diese nicht anordnen, sondern das muss sich entwickeln, um nachhaltig zu sein.

Homosexualität ist in Katar verboten. Angenommen, zwei Männer oder zwei Frauen laufen dort Hand in Hand. Missachten die dann die Kultur der Gastgeber oder müssten die Gastgeber toleranter gegenüber den Homosexuellen sein?

Das wird in der Praxis keine Problematik darstellen. Man weiß in Katar, dass internationale Gäste, auch aus der LBGTQ-Community, kommen werden und wir haben die notwendigen Zusicherungen der Behörden. Ich kann nur sagen: Kommt nach Katar, Ihr seid alle herzlich willkommen. Natürlich bin ich auch dafür, dass jeder Mensch sich je nach seiner sexuellen Orientierung jederzeit so verhalten darf, wie er möchte. Aber auch bei uns in Deutschland ist diese Haltung nicht von heute auf morgen entstanden, sondern hat sich über Jahre entwickelt. Wir hatten hier auch Paragrafen im Strafgesetzbuch, der Homosexualität unter Strafe stellte. Es hat bis 1994 gedauert, ehe der Paragraf endlich gestrichen wurde.

Im November und Dezember ist es in Katar so um die 25 Grad warm zur Mittagszeit. Warum sollen denn die Stadien dennoch runtergekühlt werden?

Das ist nicht erforderlich. Beim Arab-Cup im Dezember wurden die Klimaanlagen einfach zu Testzwecken mal angeschaltet.

Wäre eine WM in Katar im Sommer zu verantworten gewesen, für Spieler und für Fans?

Das wäre schwierig geworden.

Warum?

In den Stadien und auf den Trainingsplätzen hätte man das managen können. Aber wenn ich ein Fest feiern will und dafür die Welt einlade, müssen sich die Menschen auch außerhalb eines Stadions oder Hotels bewegen können. Das ist ja auch ein Stück weit das, was Katar will: Dass man sich mit der Kultur und Geschichte des Landes auseinandersetzt, dass man sich mit den Locals unterhält, dass man zum Beispiel einen Wüstentrip unternimmt und so weiter. All das wäre bei 45 Grad unangenehm.

Was wäre Ihr Wunsch als Schlagzeile, wenn das Turnier vorbei ist?

Die Welt zu Gast bei Freunden 2.0.

Interview: Jan Christian Müller

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