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Zu zweit allein: Vladimir Petkovic (rechts) und ein Schweizer Funktionär in Gibraltar.

Vladimir Petkovic

„Ich bin jetzt leer“

Trotz EM-Qualifikation steht Schweiz-Coach Petkovic in der Kritik.

Nachdem die Schweizer ziemlich routiniert ihre EM-Qualifikation abgehakt hatten, stellte sich Granit Xhaka mit Bestimmtheit gegen den medialen Trend. „Er stellt uns super ein, wir hoffen auf eine zukünftige Zusammenarbeit“, sagte der Arsenal-Profi über Trainer Vladimir Petkovic, dessen Wirken schon geraume Zeit mit recht großer Skepsis verfolgt wird.

In der Mannschaft weitgehend geachtet, hat der gebürtige Bosnier öffentliche Akzeptanzprobleme. Petkovics Verhalten in Krisensituation wie der „Doppeladler-Affäre“ während der WM 2018 in Russland stieß auf Kritik, sein Auftreten wird generell als Schwachpunkt ausgelegt. Nach der EM-Endrunde 2020 läuft Petkovics Vertrag aus – und das Boulevardblatt „Blick“ meint: „Die Trennung nach sechs Jahren ist für alle Parteien die beste Lösung.“

Ob es so kommt? Petkovic wollte nach dem 6:1 (1:0) beim Fußballzwerg Gibraltar und dem Sprung auf Rang eins in Gruppe D vor Dänemark und Irland nicht näher auf seine Zukunft eingehen. Auch nicht auf Gerüchte, wonach er ein Kandidat beim SSC Neapel sei. „Ich bin jetzt leer, mein Kopf ist leer. Ich mache mir keine großen Gedanken“, sagte der 56-Jährige.

Zum achten Mal nehmen die Eidgenossen im kommenden Jahr an einer EM-Endrunde teil und obwohl die Bundesliga-geprägte Mannschaft sich durchaus „das eine oder andere Bier“ (Manuel Akanji) gönnen wollte, Anlass für eine große Sause gab die Pflichterfüllung nicht. „Wir sind richtig glücklich“, merkte Xhaka gleichwohl an. Es klang, als müsste dies extra betont werden.

Das mag zum einen an den gestiegenen Ansprüchen in der Schweiz liegen, zum anderen war diese Qualifikation für das paneuropäische Finalturnier nicht Folge eines Siegeszuges. Es habe gute und schlechtere Spiele gegeben, fand Defensivspieler Loris Benito, letztlich sei die Schweiz aber „die beste Mannschaft“ ihrer Gruppe gewesen. „Rein fußballerisch war der Weg trotz der günstigen Auslosung holprig“, urteilte der Tagesanzeiger.

Die Debatte um Petkovic ist zum Teil ebenfalls die Folge dieser sportlich nicht immer überzeugenden Auftritte, wenngleich sich die Mannschaft auch hier vor den Trainer stellt. Bundesliga-Legionär Yann Sommer (Mönchengladbach) attestierte „eine gute Entwicklung“, weil die Nati sich in wichtigen Phasen als druckresistent erwiesen habe.

Erfolg, aber „ohne Wärme“

Petkovic hat Erfolge vorzuweisen, die Ergebnisse stimmen, seit er nach der WM 2014 von Ottmar Hitzfeld übernahm. „Gemessen an den gewonnenen Punkten ist Petkovic der erfolgreichste Trainer in der Geschichte des Nationalteams“, rechnete die NZZ vor. Doch das ist eben nur die eine Seite der Medaille. „Es fehlt etwas. Die Offenheit, die Wärme. Das Nationalteam ist mehr als Lieferant von Ergebnissen“, schätzte das renommierte Blatt ein.

Im Schweizerischen Fußball- Verband (SFV) soll es Strömungen geben, die das ähnlich sehen. Petkovic könnte dies alles verschmerzen, wenn es im nächsten Sommer erstmals seit 1954 für ein Viertelfinale bei einem großen Turnier reichen sollte – und er sich so womöglich einen glänzenden Abschied verschafft. (sid)

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