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Alleskümmerin bei der Arbeit: Steffi Jones beim Regenspiel in Rotterdam.

Steffi Jones im Interview

"Ich habe vielleicht den absoluten Fokus auf das Sportliche verloren"

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Bundestrainerin Steffi Jones gesteht offen ein, sich bei der EM zu viel zugemutet zu haben und erklärt, warum die heutige Spielergeneration kaum mehr den Mund aufmacht - und wie sie das ändern will.

Für die deutsche Frauen-Nationalmannschaft beginnt am Wochenende die WM-Qualifikation. Mit dem ersten Spiel gegen Slowenien in Ingolstadt (Samstag 14 Uhr/ZDF) wollen Sie als Bundestrainerin einiges anders machen. Steffi Jones wird keine extravagante Bluse mehr tragen und ihre Comic-Figuren sind auch Geschichte. Warum? 
Weil das Augenmerk nicht auf meine Blusen oder die Comic-Figuren gerichtet werden soll. Das hat mir im Nachhinein zu hohe Wellen geschlagen. Im Team war das ein Riesenlacher, aber die Öffentlichkeit hat daraus etwas anderes gemacht. Nehmen wir nur mich mit Charlie Brown: Das war immer ein Verlierer, und dann passte sein Image plötzlich zu unserem EM-Ausscheiden. Was als interne Sache vorgesehen war, wurde auf einmal ein zu großes öffentliches Ding.

Sie haben als Spielerin Welt- und Europameisterschaften erlebt, als Organisationschefin die Heim-WM 2011. Aber Sie hatten keine Erfahrung als Bundestrainerin. Haben Sie unterschätzt, was auf Sie zukommt?
So würde ich das nicht sagen. Es war für uns alle aus dem Trainerteam das allererste Turnier in diesen Rollen und wir hatten das Gefühl, die fachlichen Aufgaben meistern zu können. Aber es waren auch beispielsweise Physiotherapeuten, Zeugwart oder Busfahrer neu. Auch in diesen Bereichen fühlte ich mich zuständig, die Dinge zu lösen. Wenn irgendwo Gesprächsbedarf herrschte, bin ich hingegangen. So habe ich vielleicht den absoluten Fokus auf das Sportliche verloren.

Bei den Männern gibt es dafür einen Oliver Bierhoff.
Es stimmt: Ich war teilweise Manager für das gesamte Team, eine Alleskümmerin. Ich habe mich vielleicht für zu viel verantwortlich gefühlt. Ich werde mich da beim nächsten Mal raushalten, bestimmt nicht mehr überall zwischengrätschen.

Sie haben auch noch das Wasser per Eimer beim Regenspiel in Rotterdam weggeschafft. Das würden Sie nicht mehr tun?
Ich bin eben ein aufmerksamer Mensch, der ein Problem wahrnimmt – und dann anpackt, um zu helfen. Ich hatte nur im Kopf: Wenn gespielt wird, können wir in dem Wasser bei der Bank nicht sitzen. Wenn man dann ausscheidet, wird vieles vielleicht im Nachhinein anders bewertet, als wenn man weiterkommt. Dann kommt dieser Aktionismus eben nicht gut rüber.

Haben Sie während der EM nachts oft wach gelegen?
Ich habe tatsächlich nicht ganz so gut geschlafen, weil ich mir viele Gedanken gemacht habe. Ich habe teilweise acht Stunden im Büro gesessen, wollte so viel wie möglich aufsaugen, mit Spielerinnen sprechen, Aufstellungen erarbeiten. Das war ein ständiger Prozess, in dem ich auch immer wieder meinen Assistenten Markus Högner gefragt habe: ‚Wen würdest du denn spielen lassen?‘

Als der DFB sie vorstellte, war die Rede vom weiblichen Klinsmann. Der hatte zur WM 2006 einfach taktischen Fragen seinem Assistent Joachim Löw überlassen. Braucht es solch einen auch für die Frauen-Nationalmannschaft?
Markus Högner ist nicht Joachim Löw. Und die Trainingsinhalte möchte ich vorgeben, dafür habe ich 30 Jahre Fußball gespielt, 111 Länderspiele und die Fußballlehrerlizenz gemacht. Markus hat sich anfangs vielleicht schwer getan, nach so vielen Jahren als Cheftrainer jetzt Co-Trainer zu sein. Nachvollziehbar, dass sich so etwas einspielen muss. Aber wir harmonieren super. Deshalb hat Markus ja auch zur zweiten Assistentenstelle gesagt: Das muss charakterlich passen.

Wir haben viel über den Trainerbereich gesprochen. Ein Armutszeugnis war, dass nach dem verlorenen Viertelfinale gegen Dänemark die Spielerinnen einräumten, die Einstellung habe gefehlt. Wie kann so was im ersten K.o.-Spiel eines Turniers passieren?
Ich habe – nachdem die Partie ja auf den nächsten Tag verlegt wurde – schon am Morgen beim Spaziergang in Rotterdam gemerkt: Die Konzentration und die Spannung waren weg, ich habe in leere Augen geschaut. Da dachte ich schon: ‚Das wird gleich ganz schwer‘. Es ist ein Rätsel, dass wir gegen die Däninnen derart ohne Selbstvertrauen angetreten sind.

Was folgt daraus? Die nette Steffi Jones wird so distanziert wie Silvia Neid?
Ich habe mich vorher viel mit Silva ausgetauscht. Im Nachhinein hat sie oft Recht, wenn sie über Mentalität oder Verhaltensweisen einzelner Spielerinnen gesprochen hat.

Silvia Neid hat selbst in Zeiten eines Umbruchs noch Titel gewonnen, etwa bei der EM 2013. Nadine Angerer, Saskia Bartusiak oder Celia Sasic waren ihre Schlüsselspielerinnen. Fehlen im deutschen Frauenfußball die prägenden Persönlichkeiten?
Die Diskussion hatten wir vor einigen Jahren ja auch bei den Männern: Man kann sich keine Führungsspielerinnen backen. Wir hatten im deutschen Frauenfußball eine Generation, die viele, viele Jahre unter Silvia Neid erfolgreich gespielt hat. Da zähle ich mich zugehörig. Jetzt sind es andere Spielerinnen. Die meisten sind ruhiger. Das ist schwer zu beschreiben: Wenn ich heute in eine Schule komme, dann sagen mir die Lehrerinnen meist zuerst: Die Kinder haben sich heutzutage verändert.

Inwieweit ist davon der Fußball betroffen?
Die Spielerinnen sind fraglos besser ausgebildet, aber dieser bedingungslose Ehrgeiz, sich über Dinge auch mal richtig aufzuregen, findet man nur selten. Vieles wird einfach so hingenommen. Bei uns ist eine der Wenigen, die dann mal richtig rumschimpft, die Almuth Schult. Die sagt schon mal ‚Mist alles!‘. Diese Emotion brauchen wir mehr. Einfach nur seinen Stiefel runterzuspielen, reicht nicht. Ich wünsche mir, dass beispielsweise eine Alexandra Popp schnell wieder bei uns ist, die für die Sache alles gibt, bis fast der Kopf unter dem Arm hängt. Ich brauche mehr Spielerinnen, die den Mund aufmachen, lautstärker werden und vorangehen. Diese Typen zu finden, wird eine wichtige Aufgabe bis zur nächsten WM.

Interview: Frank Hellmann

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