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Einst Bayer Leverkusen, heute FV Schelklingen-Hausen: Stefan Kießling.

Stefan Kießling

"Ich habe mir keinen Gefallen getan"

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Ex-Profi Stefan Kießling über sein künftiges Engagement als Assistent von Rudi Völler und seinen jüngsten Ausflug in die Kreisliga.

Herr Kießling, im Internet werden Sie mittlerweile als Spieler des FV Schelklingen-Hausen geführt.
Super (lacht).

Sie wollten ihrem Trauzeugen, der dort Manager ist, einen Gefallen tun. Aber Sie haben ihn mit Schmerzen bezahlt.
Ja. Wir hatten im Urlaub darüber gesprochen. Er baut gerade eine Mannschaft auf und hatte mich gefragt, ob ich nicht ein, zwei Spiele mitmachen will. Da dachte ich mir: „Wenn ich mal sonntags zu Besuch bin, warum nicht? Ich habe ja sonst nix zu tun.“

Vergangenes Wochenende war es dann soweit.
Ich habe am Samstag mittrainiert, nach drei Monaten sportlichen Nichtstuns habe ich mich echt ganz gut gefühlt. Das Problem war nur der Tag danach. Ich konnte mich kaum bewegen und hatte wieder große Schmerzen in der Hüfte. Das Ende vom Lied war: Ich habe mir keinen Gefallen getan und den Jungs auch nicht.

Die Hüfte ist seit einem Champions League-Spiel gegen Benfica Lissabon vor zwei Jahren Ihre Problemzone. Was bedeutet das für die Zukunft?
Ich werde mich jetzt eingehend untersuchen lassen und dann wird es Lösungen geben, damit ich irgendwann keine Schmerzen mehr habe.

Das heißt möglicherweise eine künstliche Hüfte?
Möglicherweise, ja.

Drei Monate Nichtstun passt nicht zum Abtrainieren, dem klassischen Programm eines Ex-Profis. Stand das bei Ihnen nicht an?
Also, erst mal waren wir zwei Monate auf Weltreise.

Wie schön!
Ja. Da war nicht viel mit Sport. Meine Frau ist jeden zweiten Tag ins Fitnessstudio gegangen ...

... aber sie hat Sie nicht mitgenommen?
Sie hat gesagt, ich soll mitkommen. Ich war auch dreimal dabei in zwei Monaten, aber mehr auch nicht. Das Ergebnis ist: Ich habe echt nichts gemacht in den letzten vier Monaten und habe ein halbes Kilo abgenommen. Natürlich weiß ich, ich muss abtrainieren, muss ein bisschen was tun. Das werde ich auch machen, wenn ich bei Bayer wieder angefangen habe. Im Stadion habe ich dann ganz viele Möglichkeiten, die werde ich wahrnehmen.

Wie sah Ihre Weltreise aus?
Einmal um die Welt, die Richtung war rechtsrum. Wir hatten ein Around-the-World-Ticket, waren in Singapur, Australien, Hawaii, Kanada, Südamerika, haben dann alles mitgemacht.

Mit Rucksack oder etwas komfortabler?
Wir waren in Hotels. Jeder durfte einen Koffer mitnehmen, wir hatten dann vier große Koffer. Ist ja für zwei Monate gar nicht so einfach, vor allem bei Frauen (lacht).

Wenn man wie Sie über viele Jahre so eng getaktet gelebt hat und plötzlich alle Freiheiten hat, kommt man dann damit klar oder sehnt man sich nach den festen Strukturen des Profialltags zurück?
Ich wollte eigentlich noch gar nicht zurück. Ich war in dem Modus „Mensch, jetzt einfach noch weiterreisen“, weil es so entspannt war. Die Kinder haben dann Heimweh gekriegt, sie sehnten sich nach unserem Hund zu Hause. Meine Frau hat Freunde und Familie vermisst. Ich natürlich auch, aber ich hätte trotzdem noch weiterreisen können. Es gab keinen Stress, so ein „Du musst schon wieder laufen“ oder ähnliches.

Jetzt sind Sie zurück und sehen, dass Ihr langjähriger Verein sich schwer tut. Sehen Sie das nach zwei Spieltagen noch gelassen oder ist da mehr?
Es geht schon mehr in einem vor. Vor allem, weil ich dem Verein ja auch erhalten bleibe und natürlich mit Herz und Leidenschaft dabei bin. Wenn du Bayer Leverkusen bist, hast du höhere Ziele.

Es ist Bayers schlechtester Saisonstart seit 24 Jahren. Geben Sie auf solche Statistiken etwas?
Meistens sind Statistiken ja dazu da, dass man sie bricht. Natürlich kann man sagen, es sind erst zwei Spiele vorbei, da kann noch viel passieren. Aber um nach ganz oben zu kommen, musst du halt an den Bayern dranbleiben. So wie Dortmund damals. Die sind drangeblieben, haben sie im entscheidenden Spiel geschlagen und sind Meister geworden. Wenn du dagegen nach zwei Spielen sechs Punkte zurückliegst, wird es schwer, sich frühzeitig in der Ligaspitze zu etablieren.

Und dann geht es am Samstag gegen die Bayern.
Wir können auch in München gewinnen, das haben wir auch schon gezeigt. Das ist zweischneidig. Gewinnst du, bist du fast wieder oben mit dabei. Verlierst du, sind es neun Punkte Rückstand. Eine Menge Holz.

Eine andere Statistik besagt, Bayer hat von 27 Spielen in München nur eines gewonnen, vor sechs Jahren. Hängt das nur mit der Klasse der Bayern zusammen?
Dort zu spielen, ist nicht einfach. Klar haben wir nicht viele Siege gehabt, aber es gab auch schon Spiele, da hatten wir sie nah an einer Niederlage. Nichtsdestotrotz ist es einfach zu wenig, was wir zuletzt dort geholt haben.

Reist man zu den Bayern mit einem anderen Gefühl als zu anderen Topgegnern?
Jein. Vielleicht ein bisschen. Weil du halt sagst: „Das ist die beste Mannschaft Deutschlands.“ Da willst du alles rausholen, um sie zu ärgern. Das hat manchmal geklappt, aber es gab auch Spiele, da lagst du nach fünf Minuten 0:1 zurück.

Sie selber haben 20-mal gegen die Bayern gespielt und dabei sechs Tore erzielt. Ist Ihnen eine Partie in besonderer Erinnerung?
In der Bundesliga gab es mal ein Spiel, das 2:2 endete. Ein richtig gutes Spiel, das war sogar unter Jupp Heynckes, wenn mich nicht alles täuscht. Und das Pokalspiel habe ich noch in Erinnerung. 2009, da gewannen wir 4:2, nachdem wir nach einer Stunde schon 3:0 geführt hatten.

War das besonders wertvoll, weil es ein K.o.-Spiel war? Normalerweise setzen sich da die Bayern durch. Zuletzt vor drei Jahren im Elfmeterschießen.
Das ist dann natürlich auch der Wahnsinn. 2015 hatten wir sie ganz nah an einer Niederlage, kriegen es dann aber trotz Riesenchancen nicht hin, in der Verlängerung ein Tor zu erzielen. Und im Elfmeterschießen verschießt du den ersten, und Bayern haut alle rein. Und in der nächsten Runde gegen Dortmund rutschen sie zweimal aus. Da fragst du dich schon: Warum rutscht gegen uns keiner aus?

Erstaunt es Sie, dass sich Rudi Völler nach zwei Spielen bereits genötigt sieht, sich vor den Trainer zu stellen? Oder wundert Sie nach so vielen Jahren gar nichts mehr?
Das geht alles einfach viel zu schnell. Im Negativen wie im Positiven.

Schauen Sie jetzt, wo Sie bald bei ihm in die Lehre gehen, besonders genau hin, wie sich ein Völler in so einer Situation verhält?
Ich verfolge es natürlich, wir haben viel Kontakt. Nichtsdestotrotz werde ich das alles erst so richtig mitbekommen, wenn ich an seiner Seite bin, als Assistent, und mir das abschauen kann. Da werde ich sicher einiges lernen.

Was erwarten Sie sich von den nächsten Jahren?
Keine Ahnung, ehrlich gesagt (lacht). Vielleicht sage ich auch in einem halben Jahr, mir macht das alles keinen Spaß, ich möchte etwas komplett anderes machen. Oder vielleicht will ich doch Trainer werden. Eine ganz schwierige Frage, weil ich da erst mal hineinwachsen muss. Bislang war ich immer nur auf dem Fußballplatz.

Wenn es um wichtige Positionen im Verein, speziell im Management geht, ist oft der Stallgeruch ein Faktor. Können Sie sich überhaupt vorstellen, für einen anderen Klub als Bayer Leverkusen zu arbeiten?
Na, im Moment natürlich nicht. Aber in dem Geschäft kann man allgemein schlecht einen Fünfjahresplan aufstellen.

Fest steht nur, dass Sie sich eine Zukunft im Fußball vorstellen?
Genau. Ich würde sehr gerne im Verein bleiben und irgendwann eine wertvolle, wichtige Position im Klub einnehmen. So wie in den vergangenen Jahren als Spieler. Aber ich bin 34, und so etwas dauert seine Jahre. Da muss man sich hinarbeiten. Wie das dann tatsächlich abläuft, das kann man in diesem Geschäft überhaupt nicht sagen.

Interview: Marc Beyer

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