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Max Eberl redet Klartext.

Borussia Mönchengladbach

Wir sollten wieder das Licht sehen

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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Borussia Mönchengladbachs Sportchef Max Eberl über Zusammenhalt in der Krise, Forderungen, die er als ungerecht empfindet und Werte, die beim DFB gerade leiden.

Herr Eberl, die Krankenhäuser laufen mit Covid-19-Patienten zusehends voller. Unterstützen Sie den Teil-Lockdown, den wir gerade erleben?

Ja. Wir sollten dem folgen, was die Regierung vorgibt. Da sind Menschen am Werk, die nach bestem Wissen und Gewissen versuchen, uns durch diese Pandemie zu lotsen. Wir sollten da als Gesellschaft gemeinsam durchgehen. Die Solidarität, die im Frühjahr überall proklamiert wurde, wünsche ich mir auch jetzt wieder.

Sie gibt es aber nicht mehr, das spüren Sie ja auch?

Sicher habe auch ich bei dem einen oder anderen Punkt Fragezeichen und eine Meinung. Aber am Ende muss man sich für einen Weg gemeinschaftlich entscheiden, und ich finde, den sollten wir jetzt gehen. Wir sollten uns gegenseitig unterstützen. Darum geht es gerade.

Jede betroffene Branche beschwert sich mit aus ihrer Sicht guten Argumenten über die Maßnahmen. Sie hätten ja auch Argumente, sich als Lobbyist des Profifußballs zu beschweren.

Wir hätten im Bundesligafußball sicher Gründe vorzutragen, warum wir mehr Zuschauer in die Stadien lassen könnten. Aber die Fallzahlen zeigen doch auch, dass es aus dem Ruder zu laufen drohte. Ich sehe es als gesellschaftliche Aufgabe an, denjenigen intensivmedizinische Betreuung zu ermöglichen, die es wirklich schwer getroffen hat. Diese Menschen gibt es. Das ist keine Lüge. Ich sehe natürlich auch, dass in vielen Bereichen Existenzen bedroht sind. Und doch: Wir müssen diese Wochen gemeinsam durchstehen, auch wenn sie wirklich hart sind, in der Hoffnung, dass wir im Frühjahr eine ganz andere, bessere Situation haben werden.

Eintracht Frankfurt hat sich weithin vernehmlich über die Zuschauerausschlüsse beschwert. Da gehen Sie also nicht mit?

Ich empfehle, die Pobacken zusammenzukneifen und dankbar zu sein, dass wir weiter Fußball spielen dürfen. Das ist genau das, was ich mit Solidarität meine. Man kann eine Meinung haben, aber warum muss ich gerade in diesen Zeiten alles in die Öffentlichkeit tragen, um mich zu positionieren?

Der Fanforscher Harald Lange hat gerade eine Ent-Emotionalisierung vom Profifußball diagnostiziert. Hat er Recht?

Die wird es am langen Ende bei allen, die Fußball lieben, nicht geben. Ich glaube, dass wir alle in der Gesellschaft gerade eine schwierige Zeit durchmachen. Meine Generation kennt keine Krisen, meine Generation kannte nur „höher, schneller, weiter“ und noch freier. Jetzt sind wir sehr stark eingebremst worden durch diese Pandemie. Die Menschen haben gerade ganz andere Themen, die sie belasten. Jeder von uns kann sich an die eigene Nase fassen, wie es ihm gerade geht. All denjenigen, die soziale Kontakte und die Freiheit lieben, geht es nicht gut.

Der Boom, den der Fußball hierzulande in den vergangenen 15 Jahren erlebte, war exponentiell. Haben Sie Verständnis, dass viele Menschen sich in dieser Krise an den hochbezahlten Profis und der ganzen Branche abarbeiten?

Der Fußball ist Punchingball für viele. Aber wir haben nichts Unrechtes getan und niemandem Geld weggenommen. Die allermeisten Bundesligaklubs haben sorgsam gewirtschaftet und sind mit dem vielen Geld, das wegen des großen Interesses am Fußball nun einmal zur Verfügung steht, ordentlich umgegangen. Dass es durch den Ausbruch von Corona auch im Fußball existenzielle Probleme gibt, ist nicht verwunderlich. Auch zuvor kerngesunde Konzerne wie die Lufthansa oder Adidas haben Probleme bekommen. Weil nämlich kein Mensch auf der Welt damit rechnen konnte, dass so ein radikaler Stopp unserer Gesellschaft und Wirtschaft eintreten kann.

Die Coronakrise hat in der Bundesliga viele Konflikte aufbrechen lassen. Das Groß gegen Klein, Reich gegen Arm wirkt in der Außenansicht noch brachialer als zuvor. Ist das in der Innenansicht auch so?

Natürlich ist es in einer Krisensituation wie dieser so, dass solche Themen noch viel mehr wahrgenommen werden. Ich sehe darin aber auch eine Chance, sie zu besprechen und daraus einen gemeinsamen Weg zu finden.

Klingt gut, Herr Eberl. Aber kann es sich die Bundesliga aktuell leisten, sich öffentlich ums liebe Geld zu streiten?

Ich bin kein Freund davon, das öffentlich zu tun. Ich habe das als befremdlich empfunden.

Die vier Bundesligisten Mainz, Augsburg, Bielefeld und Stuttgart sowie zehn Zweitligisten haben ein Analysepapier unterschrieben und an das DFL-Präsidium geschickt, in dem sie eine fundamental andere Aufteilung der TV-Gelder vorschlagen – hin zu mehr Gleichheit und weniger Spreizung zugunsten der Topklubs. Das stand dann prompt in „Kicker“ und der „Sportbild“.

Das hat mich in der Tat geärgert. Alle vier Jahre wieder wird das Fernsehgeld diskutiert, und alle vier Jahre wieder werden Positionspapiere entworfen und an die Medien durchgesteckt. Dass man Positionen entwickelt, damit habe ich kein Problem. Aber warum macht man das öffentlich? Warum bringt man seine Vorschläge nicht intern vor, sondern wählt einen populistischen Ansatz? Offenbar doch, um so auch die eigene Position zu stärken.

Fanden Sie es denn richtig, dass diesen Vereinen dann ein Denkzettel verpasst wurde, indem sie vergangenen Mittwoch nicht zur Tagung aller anderen Erstligaklubs nach Frankfurt geladen wurden?

Es ging dort bei weitem nicht nur ums Fernsehgeld, und gerade deswegen hätte ich alle Klubs mit dazugenommen. Ich plädiere sehr dafür, dass man miteinander spricht und Einheit zeigt. Solche Debatten in der Öffentlichkeit halte ich für kontraproduktiv.

Man konnte tatsächlich den Eindruck gewinnen, der mächtige Karl-Heinz Rummenigge ruft und alle rücken brav an. Sie ja auch, Herr Eberl!

Diesen Eindruck habe ich nicht. Am Ende geht es um den deutschen Fußball. Und natürlich wollen wir als Borussia Mönchengladbach auch wissen, was gerade besprochen wird.

Was stört Sie an der Fernsehgelddebatte?

Ich erkläre es Ihnen an unserem Beispiel: Als ich 1999 als Spieler nach Gladbach kam, waren wir aus der Bundesliga abgestiegen, hatten 30 Millionen Mark Schulden und kein Stadion. Dieser Klub hat es geschafft, ohne externes Geld, ohne Scheich, ohne Werk, ohne Geschenke 20 Jahre später zum sechsten Mal in Europa vertreten zu sein. Das haben wir geschafft, weil ein Leistungsprinzip es ermöglicht, durch gute Arbeit und sportlichen Erfolg mehr Geld zu verdienen.

Also soll alles beim Alten bleiben mit der Verteilung der TV-Milliarden?

Man kann gern über Nuancen diskutieren. Da mach ich mit. Aber in Summe ist so, dass Borussia Mönchengladbach – und übrigens auch Eintracht Frankfurt ein Stück weit – gezeigt hat, dass man mit guter und kontinuierlicher Arbeit oben ankommen kann. Das ist natürlich kein Weg, der zwei Jahre dauert, sondern eher acht bis zehn Jahre oder noch länger. Deshalb bin ich dagegen, wenn jetzt Klubs sagen: „Wo kann ich noch ein bisschen Geld verdienen? Kann ich da den Fernsehtopf nutzen, um noch ein bisschen schneller oben anzukommen?“ Dann würde unsere Ochsentour über zwei Jahrzehnte ad absurdum geführt und andere Vereine könnten in einem Wisch plötzlich wieder auf Augenhöhe mit uns agieren. Und zwar als Geschenk, nicht durch harte Arbeit. Das fände ich nicht gerecht, und das wäre auch nicht die Marktwirtschaft und der Wettbewerb, so wie ich ihn kenne und schätze.

Sowohl Fanorganisationen als auch einige Klubs fordern gar, dass die Medienerlöse aus der Champions und Europa League in den Bundesligatopf wandern und nahezu gleichmäßig verteilt werden.

Diese Radikalität der Forderungen verstehe ich nicht. Ich kann ihnen nichts abgewinnen. Schauen Sie, woher solcher Vorschläge kommen.

Eher aus den unteren Gefilden der Tabelle der vergangenen Saison und aus der zweiten Liga.

Sehen Sie. Mich hätte die Meinung von so manchen Klubs vor zehn Jahren interessiert, als sie noch weiter oben standen. Wir für unseren Teil können sagen: Borussia Mönchengladbach hat sich auch vor zehn und vor 15 Jahren nicht beschwert, wie die Verteilung der TV-Gelder ist, obwohl wir seinerzeit viel weiter unten platziert waren in der Fernsehgeldtabelle.

Ist die zweite Liga zu gierig, weil sie noch mehr Geld haben will von der ersten Liga?

Ich finde schon, dass die zweite Liga an manchen Enden über das Ziel hinausschießt. Wenn wir Spieler zu einem Zweitligisten verleihen wollen, heißt es regelmäßig: „Zahlt bitte auch das Gehalt weiter und verzichtet auf eine Leihgebühr.“ Wenn ich aber auf die Fernsehgelder schaue, dann sehe ich: Unsere zweite Liga kassiert mehr als alle anderen zweiten Ligen in Europa und sogar mehr als viele erste Ligen im Ausland.

Die Nationalmannschaft ringt gerade gegen den beispiellosen Niedergang in ihrer Beliebtheit. Wie nehmen Sie das wahr?

Das fällt leider auch in die Thematik hinein, dass der Fußball gerade extrem kritisch gesehen wird.

Aber es gibt ja auch hausgemachte Probleme, die sich nicht nur durch Corona erklären lassen!

Sicher. Das Abschneiden bei der WM 2018, die Affären im eigenen Haus, Stichworte Sommermärchen, Steuern, teure Uhren. Meine Lieblingsworte dazu sind: Glaubwürdigkeit, Vertrauen, Authentizität. Diese Werte leiden gerade. Hinzu kommt der komplizierte Strukturwandel der Nationalmannschaft.

Wird zu viel über die Alten diskutiert, die wieder zurückkommen sollten?

Jogi Löw hat aus meiner Sicht das Vertrauen verdient. Er hat den Umschwung geschafft, indem er sich mit sehr vielen jungen und talentierten Spielern als Gruppenerster für die Europameisterschaft qualifiziert hat. Die Wahrnehmung dieser Mannschaft leidet gerade sehr darunter, dass wir die Dinge in unserer emotionalen Befangenheit sehr pessimistisch sehen. Momentan sieht man lieber das halbleere Glas als das halbvolle. Wir alle gemeinsam haben viel zu tun, um unsere Wahrnehmung wieder zu verbessern. Wir sollten wieder das Licht sehen.

Ist die Nationalmannschaft denn überhaupt noch von Bedeutung für die Bundesliga oder nur noch lästig. Sie haben ja jetzt auch einen verletzten Spieler zurückbekommen: Jonas Hofmann hat sich im Spiel gegen Tschechien einen Muskelbündelriss zugezogen.

Sie werden nicht erleben, dass ich mich jetzt populistisch hinstelle und beschwere, alles sei doof und die Länderspiele überflüssig. Wir haben uns unendlich gefreut, als Florian Neuhaus und Jonas Hofmann nominiert wurden. Wir haben mit Matthias Ginter einen dritten Nationalspieler in unseren Reihen. Ich bin sehr stolz, wenn wir Jungs zum DFB schicken dürfen, die dort Deutschland vertreten. Dementsprechend werde ich den DFB immer unterstützen.

Auch einen DFB, der sich dermaßen in der Führungsspitze uneinig ist? Was erwarten Sie vom Dachverband?

Natürlich schüttele ich da auch an der einen oder anderen Stelle den Kopf. Das Bild, das man hier und da abgibt, ist weder für den deutschen Fußball noch für das ganze Land ein gutes Bild. Ich wünsche mir grundsätzlich, und das gilt für den DFB wie für uns alle: Dass sich die Menschen zusammenraufen und gemeinsam einen Karren ziehen, um aus dieser extrem schwierigen Zeit herauszukommen.

Interview: Jan Christian Müller

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