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Publikumsliebling in Offenbach: Erwin Kostedde trifft 1973 zum 1:1 gegen den 1. FC Köln.
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Publikumsliebling in Offenbach: Erwin Kostedde trifft 1973 zum 1:1 gegen den 1. FC Köln.

Erschütterndes Bekenntnis eines Fußballstars

„Ich bin ein Haufen Elend“

  • Günter Klein
    vonGünter Klein
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Einsam, traurig, melancholisch: Ex-Nationalspieler und OFC-Profi Erwin Kostedde wird 75

Am heutigen Freitag wird Erwin Kostedde, ehemaliger Bundesliga-Torjäger und Nationalspieler, 75. Er sagt: „Ich dachte, ich werde mal um die 60. Ich wundere mich über mich selber, dass ich noch nicht gestorben bin.“ Tiefe Einblicke eines Mannes, der eine besondere Rolle spielte im deutschen Fußball. Er war 1975 der erste „schwarze Nationalspieler“. Man nannte ihn zu seiner Zeit auch den „braunen Bomber“, es war anerkennend gemeint, er empfand es schon damals als eine mindestens unglückliche Bezeichnung. Weil er wusste, wie es ist, aufgrund seiner Hautfarbe wahrgenommen und kategorisiert zu werden.

Nicht nur wegen seines Geburtstags befasst man sich nun mit dieser Figur Erwin Kostedde. Er kommt auch vor in der Dokumentation „Schwarzer Adler“, die Rassismus im Fußball thematisiert. Und nach fünf Jahren kommt seine mit dem Journalisten Alexander Heflik entstandene Biografie auf den Markt. Darum geht es in einem Gespräch mit Christian Sprenger. Der frühere Premiere/Sky-Moderator widmet sich in seinem Podcast „Sprenger spricht“ der Literatur. Die Folge mit Kostedde erscheint kommende Woche. Sprenger, der den Profifußball seit Jahrzehnten begleitet, war spürbar angefasst. Er musste den über Video geführten Talk mit Erwin Kostedde auch unterbrechen.

Kostedde kam als „Besatzungskind“ in Münster zur Welt. Seinen Vater kannte er nicht, und die Mutter hat ihm die Frage nie beantwortet, ob er einer Liebschaft oder einer Vergewaltigung entsprang. In seiner Kindheit bekam Erwin Kostedde „von den Kriegsheimkehrern, den Landsern“ immer wieder zu hören, „dass ich abhauen soll nach Amerika wegen meiner Hautfarbe“. Er hat sich einmal drei Stunden mit Kernseife übers Gesicht geschrubbt, um heller zu werden.

Auch als Fußballer – wichtigste Profistation: Kickers Offenbach, Borussia Dortmund, Werder Bremen, Standard Lüttich, Torschützenkönig in Frankreich – wurde er wegen seiner Hautfarbe immer angemacht. „Es hieß ,Passt auf Kostedde auf‘ – und dann ging es los mit der Hautfarbe.“ Er hat Gegenspieler gefragt, warum sie ihm diese rassistischen Gemeinheiten entgegenschleudern. Sie hätten sich gerechtfertigt, das sei nur „psychologisches Fertigmachen, damit der Gegner seine Leistung nicht bringt. Doch ich denke, es kam aus dem Herzen, wenn sie mich Hurensohn nannten.“

Er machte nicht die große, aber eine gute Karriere (mehr als drei Länderspiele werden es nicht, dann sucht man andere Gerd-Müller-Nachfolger), in Offenbach wurde er zur Kultfigur, ist es bis heute. „Meiner Frau habe ich gesagt: Wenn der Fußball vorbei ist, werden wir leben.“ Er hat das Versprechen nicht einhalten können. „Das Geld war weg, durch den Steuerberater. Aber das war meine Schuld. Meine Frau ist ärmlich gestorben – meine Schuld.“ 1990 in Münster sitzt er ein halbes Jahr unschuldig in Untersuchungshaft, nachdem eine Spielhalle überfallen wurde und eine Zeugin einen dunkelhäutigen Mann hat wegrennen sehen. Kostedde war aber nachweislich nicht am Tatort gewesen.

Zurück zum Bieberer Berg

„Ich bin einsam und allein“, sagt Kostedde. „Wenn die Frau wegstirbt, da müssen Sie erst einmal drüber wegkommen.“ Er lebt allein mit „meinem kleinen Hund Jimmy. Aber er ist nicht nach Jimmy Hartwig benannt.“ Hartwig war der zweite schwarze Nationalspieler – und auch seine Laufbahn war voller Demütigung und Diskriminierung.

Das Leben, das Kostedde geführt hat, wirkt in ihm nach. „Ich bin ein Haufen Elend, ganz anders, als ich auf dem Platz getan habe“, sagt er. Oder: „Innerlich war ich eine arme Sau.“ Er sei eigentlich „zufrieden, wenn ich in meinem Sessel sitze und über früher nachdenke. Aber überwiegend kommen die schlechten Erinnerungen.“ Auch wenn er durch Dokumentation und Buch gerade Öffentlichkeit habe – er suche sie nicht. Er will auch nicht über die Sache zwischen Jens Lehmann und Dennis Aogo reden: „Ich gehe nicht unter Leute und führe keine großen Debatten.“

Sein Biograf Alexander Heflik spürt „bei ihm eine Grundtraurigkeit. Er ist melancholisch.“ Er spielt aber mit dem Gedanken, seinen Protagonisten, der in Münster lebt, nach Corona einfach mal spontan ins Auto einzuladen und an die alte Wirkungsstätte zu fahren, die die einzige ist, die Kostedde etwas bedeutet: Offenbach, der Bieberer Berg. Dort, bei den Kickers, ist der Stürmer geliebt worden von den Fans. Kostedde sagt: „Da möchte ich noch einmal hin.“

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