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Amtierender Weltfußballer, der von diesem Leistungsniveau gerade Welten entfernt ist: Luka Modric.

Real Madrid

Hybris und Nemesis

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Real Madrid wird für seinen Hochmut bestraft und muss nach dem Aus gegen Amsterdam eine neue Ära einläuten.

Irgendwann im Laufe der zweiten Hälfte befahl Sergio Ramos, die hinter ihm in der Loge platzierten Kameras doch mal lieber auszuknipsen. Das, was da gerade im Stadion Bernabeu geschah, die Blamage von Real Madrid beim 1:4 gegen Ajax Amsterdam, die mit dem Achtelfinalaus in der Champions League verbunden war, taugte aus Sicht von Ramos nun wirklich nicht dazu, später noch einmal in seiner Gänze über die TV-Geräte zu flimmern.

Sergio Ramos, Kapitän der Königlichen, hatte freiwillig auf die Partie in Madrid verzichtet, er hatte sich beim 2:1-Hinspielerfolg der Spanier in Holland kurz vor Schluss bewusst seine dritte Gelbe Karte des Wettbewerbs abgeholt, sich also sperren lassen, um für weitere Begegnungen im Viertelfinale unbefleckt auflaufen zu können. Eine blöde Idee, so im Nachhinein betrachtet.

Aber gut, statt sich also auf dem Rasen gegen das Aus zu stemmen, verschanzte sich Ramos in seiner Loge, die von den Initialen SR4 geziert wird, um für die vom Streamingdienst Amazon Prime produzierte Doku über seine Person neues Material zu drehen. Schnell stellte sich heraus, dass die Filmschnipsel so gar nicht nach dem Geschmack des 32-Jährigen waren. Hybris und Nemesis, der Hochmut wurde gerechterweise prompt bestraft.

Denn das Duell mit den jungen Himmelstürmern aus Amsterdam lief aus Sicht der Gastgeber in eine völlig falsche Richtung. Bereits nach 18 Minuten führte Ajax durch Treffer von Hakim Ziyech und David Neres mit 2:0, unter anderem hatte der deutsche Nationalspieler in Diensten von Real, Toni Kroos, das erste Gegentor mit einem tölpelhaften Ballverlust eingeleitet. Immerhin redete der 29-Jährige, den die Madrid-Fans bei einer Abstimmung der „Marca“ in überwiegender Zahl den Abschied am Saisonende nahelegten, anschließend nicht um den heißen Brei herum: „Viele Spieler waren nicht auf ihrem Niveau, ich zuvorderst.“

Blöd nur, dass Kroos und die anderen Spieler quasi schon die ganze Saison nicht auf ihrem Niveau sind. In der Liga hinkt Real bereits zwölf Punkte hinter Erzrivale FC Barcelona hinterher, gerade erst handelten sich die Hauptstädter gegen die Katalanen binnen einer Woche zwei bittere Heimpleiten (0:3, 0:1) im Pokal und der Liga ein.

Der amtierende Weltfußballer Luka Modric ist von seinem Leistungsniveau des WM-Sommers Welten entfernt, Gareth Bale wird vom Publikum ausgepfiffen, der Brasilianer Marcelo und der Spanier Isco werden von Trainer Santiago Solari seit Wochen, ach Monaten, kaum noch aufgeboten. Einzig der 18-jährige Außenstürmer Vinicius ist ein kleiner Lichtblick, wird wegen eines Bänderrisses aber zwei Monate fehlen, und vermag freilich den Abgang von Tormaschine Cristiano Ronaldo längst nicht kompensieren.

Die einstigen Helden, die dreimal nacheinander den Henkelpott geholt hatten, sind tief gefallen. So tief, dass im Sommer ein Umbruch erfolgen muss und wird. Trainer Solari, der erst Mitte November von Julen Lopetegui übernommen hatte, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit keine allzu lange Verweildauer mehr in Madrid haben. Zwar schloss er gestern einen Rücktritt aus („Ich bin nicht hierhergekommen, um aufzugeben“), natürlich werden aber längst schon Nachfolger gehandelt - unter anderem brachte sich Ex-Coach Jose Mourinho selbst ins Gespräch.

Ajax begeistert mit Fußball „nahe an der Perfektion“

Nach dem frühen 0:2-Rückstand im Bernabeu mühte sich Real zwar, aber auch die Halbzeitansprache von Kapitän Ramos - übrigens ohne Filmteam an der Seite - half nichts. Die Königlichen gingen unter und Ajax feiert eine neue Generation. Die junge Truppe, die schon in der Gruppenphase den FC Bayern in Bedrängnis gebracht hatte (3:3 und 1:1), überrannte angeführt vom im Sommer für 75 Millionen Euro zum FC Barcelona wechselnden Mittelfeldstrategen Frenkie de Jong die lahmen Madrilenen.

Der überragende Dusan Tadic mit einem Traumschuss in den Winkel und Lasse Schöne mit einem direkt verwandelten Freistoß machten bei einem Gegentreffer von Marco Asensio den Sieg schließlich klar. „Das war ziemlich nahe an der Perfektion“, sagte Ajax-Trainer Erik ten Hag, einst für die Reserve des FC Bayern zuständig: „Ich hatte jede Menge Spaß beim Zuschauen. Jetzt wollen wir mehr und wir werden es mit Wagemut versuchen.“

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