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Nicht mehr zum Hingucken: Pierre-Michel Lasogga nach dem 1:4 in Paderborn.

Hamburger SV

Die Demontage des HSV

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Nach dem grandiosen Scheitern meldet sich HSV-Investor Kühne mit dem nächsten Rundumschlag zu Wort.

Am Tag danach ist der Fußballtrainer Hannes Wolf um kurz nach elf Uhr morgens die Treppen vom Volksparkstadion hinunter zum Trainingsplatz gelaufen und tat gut daran, seine Ohren auf Durchzug zu stellen. „Versager“, schallte es dem 38-Jährigen aus der Gruppe der erfahrenen Kiebitze entgegen. Wolf reagierte lieber nicht, sondern stapfte tapfer voran. Sie sind alle miteinander mal wieder ziemlich fertig mit den Nerven beim notorisch ruhmlosen Hamburger SV nach dem 1:4 vom Sonntag beim SC Paderborn.

Seitdem steht fest: Der Wintermeister, der seinerzeit noch ein volles Dutzend Punkte Vorsprung vor den Ostwestfalen hatte und sich seinen Kader das Fünffache kosten lässt, schafft noch nicht einmal die Relegation. Zu viel ist aus den Fugen geraten, als dass der herb angeschlagene Hannes Wolf noch realistisch auf eine Weiterbeschäftigung hoffen dürfte. Der vom Deutschen Fußball-Bund 2018 zum „Trainer des Jahres“ gekürte Fußballlehrer wirkt wie ein Mann, der am Ende seines Lateins ist. Ausgebrannt, aufgezehrt und tief enttäuscht. Er hat es nicht geschafft, einer in ihrer Struktur und Persönlichkeit instabilen Mannschaft Halt zu geben. Er fand nichts und niemanden, an dem sich die offenkundig mit der besonderen Drucksituation in Hamburg überforderten Spieler festhalten konnten, keiner entwickelte sich in Abwesenheit des oft verletzten Kapitäns Aaron Hunt zur Führungskraft, kein System setzte sich durch, die Abwehrspieler, technisch ohnehin limitiert, versagten regelmäßig auch bei ihrer Kernaufgabe, dem Verteidigen.

HSV-Investor Kühne riet schon im Februar zum Trainerwechsel

Es gibt einen Mann in Hamburg, der das alles schon früh gewusst haben will. Klaus-Michael Kühne, stolze 81 Jahre alt, pflegt sein Herz auf der Zunge zu tragen. Am Montagmittag meldete sich der 21-Prozent-Teilhaber der HSV Fußball-AG entsprechend in einem Kommuniqué zu Wort. Er habe bereits „am 26. Februar dieses Jahres schriftlich empfohlen, den Trainer auszuwechseln, weil sich mit dem in Regensburg verlorenen Spiel der Niedergang abzeichnete und durch falsche Entscheidungen des Trainers gekennzeichnet war. Die fehlende Handlungsbereitschaft der einschlägigen Gremien war aus meiner Sicht verhängnisvoll. Dass der Aufstieg nicht gelingen würde, war mir schon vor mehreren Wochen klar.“ Wumms. Härter hätte die öffentliche und in dieser Form wenig zielführende Kritik an Präsident Marcell Jansen, Vorstandschef Bernd Hoffmann und Sportdirektor Ralf Becker nicht ausfallen können.

Damit, dass Wolf derart vollumfänglich scheitern würde, konnte in Wahrheit auch deshalb nicht gerechnet werden, weil er es als ganz junger, unerfahrener Trainer beim VfB Stuttgart in einer ganz ähnlichen Situation in der zweiten Liga geschafft hatte, ein Aufstiegsteam zu formen. Seinerzeit war er als im Profifußball völlig unbekannter Nachfolger des zurückgetretenen Jos Luhukay im September vom ehemaligen VfB-Sportvorstand Jan Schindelmeiser aus der Dortmunder Nachwuchsabteilung geholt worden, diesmal im Oktober auf Betreiben des HSV-Sportchefs Becker, nachdem Volksheld Christian Titz beurlaubt worden war.

In Hamburg machte Wolf anfangs viel richtig und lag mit einer jungen Mannschaft nach einem 4:0 Mitte März im Derby beim FC St. Pauli satte sieben Zähler vor einem Nichtaufstiegsplatz. Seitdem: kein Sieg mehr in den folgenden acht Partien und ein Zusammenbruch aller Systeme, nachdem beim 2:3 gegen Darmstadt 98 ein 2:0-Vorsprung in letzter Minute noch verspielt wurde. Kein einziger Spieler, der junge Flüchtling Bakery Jatta vielleicht ausgenommen, erreichte fortan auch nur ansatzweise das, was man im Fußballfachjargon „Normalform“ nennt.

Viele Spieler werden HSV verlassen

Am Sonntag nach der demütigen Demontage in Paderborn hat sich Präsident Marcell Jansen gemeinsam mit Vorstandschef Bernd Hoffmann im Auto auf die gut zweistündige Rückfahrt begeben. Man war sich dem Vernehmen nach einig, dass Wolf ein rechtschaffener, kluger Mann ist, der viele Voraussetzungen mitbringt, gut mit jungen Spielern zu arbeiten.

Aber nach alldem, was passiert war, können sich die führenden Köpfe im Klub eine weitere Zusammenarbeit kaum vorstellen. Sportchef Becker sieht das ähnlich. Wenn nicht alles täuscht, befinden sich die Hanseaten also mal wieder auf Trainersuche.

Der Neue wird einige Spieler nicht mehr im Kader auffinden: Der Brasilianer Douglas Santos gilt (neben Filip Kostic) als einer der wenigen, die noch gegen Gebühr veräußert werden können. Lewis Holtby und Pierre-Michel Lasogga haben keine Zukunft mehr in Hamburg, der ausgeliehene Orel Mangala kehrt zurück nach Stuttgart, auch Leihgabe Hee-chan Hwang wird den Klub wieder verlassen, ebenso wie das stagnierende Toptalent Fiete Arp. Der auf gesteigertes Erstliganiveau aufgeblähte Mitarbeiterstab dürfte schrumpfen, die Finanzierung der kommenden Saison ist auch dank des streitbaren Investors Kühne gesichert, der allein vier Millionen Euro für die Sicherung des Namens Volksparkstadion zahlte.

Das letzte Saisonspiel am Sonntag gegen Absteiger MSV Duisburg sollte der HSV besser erfolgreich gestalten, will er verhindern, dass die kollektive Trauerstimmung in geballte Wut umschlägt. Mit dem Auffahren von Wasserwerfern und einem Aufmarsch auf dem Platz wegen des Abbrennens von Feuerwerk und donnernden Kanonenschlägen im Strafraum haben die Polizeikräfte im Zuge des leidvollen ersten Bundesligaabstiegs im Mai 2018 bereits Erfahrung.

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