+
„Der Dino steht weiterhin unter Artenschutz“: HSV-Boss Bernd Hoffmann.

Interview HSV

HSV-Chef Bernd Hoffmann: „Liebe kann zerbrechen“

  • schließen

HSV-Chef Bernd Hoffmann über den Abschied von Stadionuhr, Kulthymne und seinen Planungen für die Rückkehr in die Bundesliga.

Bernd Hoffmann hat sich in seiner zweiten Amtszeit als Vorstandschef des Hamburger SV den Sinn für feine Ironie bewahrt. Das wird im Interview mit dem 56-Jährigen schnell deutlich. Hoffmann, der sich ansonsten öffentlich etwas rarer gemacht hat, ist zu dem Gespräch bereit, obwohl er mit seiner Familie gerade auf dem Weg in den Kurzurlaub ist – noch mal kurz ausspannen vor dem Saisonbeginn. Er hat ein ruhiges Plätzchen zum Reden gefunden.

Herr Hoffmann, haben Sie schon wieder die Spendierhosen eines europäischen Spitzenklubs an?
Dem ist sicher nicht so. Wahrscheinlich übertragen Sie aktuell die Frankfurter Verhältnisse auf den Hamburger Raum.

Keineswegs.
Wir schauen jedenfalls voller Anerkennung auf die Tätigkeiten der Eintracht und bewegen uns derweil in ambitionierten Zweitligaverhältnissen.

Die Frage stellt sich deshalb, weil Sie ursprünglich ein bescheidenes Sommer-Trainingslager mit dem Omnibus in Rotenburg an der Wümme geplant hatten und stattdessen dann in eine Fünf-Sterne-Herberge nach Kitzbühel geflogen sind. Musste das sein?
Ich hatte gehofft, dass Sie dieses Interview nicht mit derart boulevardesken Fragen beginnen würden.

Es ist eigentlich ernst gemeint, Herr Hoffmann. Der HSV ist berühmt dafür, das Geld mit vollen Händen auszugeben.
Auch das Hotel in Rotenburg an der Wümme ist ein Fünf-Sterne-Hotel. Von daher waren die wirtschaftlichen Unterschiede gar nicht so groß. Und sicher war es uns auch wichtig, den Wünschen des neuen Trainers zu entsprechen und zudem einen neuen Impuls zu setzen. Denn Rotenburg an der Wümme hatte uns bei unserem jüngsten Besuch im Endspurt der vergangenen Saison kein Glück gebracht. Es war leider nur der Vorbote zu einer 0:3-Heimniederlage gegen Ingolstadt. Das wollen wir nicht dem Hotel anlasten, sondern nur uns. Aber Sie kennen ja uns Fußballer…

Ja klar, der Aberglaube.
Ganz richtig.

Tatsächlich hört man aus Hamburg seit dem Verkauf von Douglas Santos für bis zu 15 Millionen Euro nach St. Petersburg, der HSV schwimme geradezu wieder im Geld. Stimmt das?
Das ist kompletter Unfug. Wir haben zwar die Lizenz, genau wie im Vorjahr, ohne Probleme bekommen. Aber ich kann Ihnen versichern: Keine einzige unserer Verpflichtungen sprengt den Rahmen. Ganz im Gegenteil: Die meisten Spieler haben wir ablösefrei verpflichtet. Wir wissen sehr genau, wo wir herkommen und wo wir uns aktuell aufhalten. Bei uns dreht niemand durch.

Können Sie das zur Einordnung erklären. Wo steht der HSV mit seinem Personaletat im Vergleich zur vergangenen Saison und im Vergleich zur Abstiegsspielzeit?
Im Vergleich zur Abstiegssaison in der Bundesliga hat er sich halbiert. Im Vergleich zur vergangenen Saison sind wir in etwa stabil geblieben und bewegen uns damit in der Größenordnung Platz zwei bis vier in der zweiten Liga. Mit großem Abstand vorn liegt da sicherlich der VfB Stuttgart. Mit dem können wir uns nicht vergleichen. Aber um die Ziele und Ansprüche auch einhalten zu können, die wir als HSV durchaus formulieren wollen, müssen wir entsprechende finanzielle Mittel zur Verfügung stellen.

Welche Ziele und Ansprüche sind das?
Für den HSV kann es im zweiten Jahr der Zweitligazugehörigkeit nur der Wunsch sein, um die oberen drei Plätze mitzuspielen. Wir haben das in der vergangenen Saison zwar geschafft, dann aber den überflüssigsten Nichtaufstieg aller Zeiten hingelegt. Jetzt glauben wir, den Kader qualitativ noch verbessert zu haben. Hinzu kommt eine gute Trainerverpflichtung.

Worauf wurde bei der Zusammenstellung der Mannschaft besonderer Wert gelegt?
Eine Erkenntnis der vergangenen Saison ist: Wir hatten eine sehr, sehr junge Mannschaft, die am Ende mit dem nachvollziehbaren Druck in Hamburg nicht klargekommen ist. Außerdem hatten wir auf Führungsspieler gehofft, die aber in der zweiten Saisonhälfte aufgrund von Verletzungen oder nicht geklärter Vertragssituation mehr oder weniger ausgefallen sind. Das soll uns in der bevorstehenden Saison nicht wieder passieren.

Neulich hat sich Investor Klaus-Michael Kühne mal wieder gemeldet und darauf hingewiesen, die aktuelle Mannschaft sei ein „zusammengewürfelter Haufen“. Sie können Herrn Kühne jetzt und hier Kontra geben!
Kaderplanung ist ein komplexes Puzzle. Wenn Herr Kühne das in einer zugegeben anderen Diktion beschreibt und das Gleiche meint, nämlich, dass wir versuchen, unterschiedliche Charaktere und Spielerpersönlichkeiten in einen funktionierenden und erfolgreichen Kader zu mischen, sind wir nah beieinander.

Mit Jonas Boldt, dem vormaligen Leverkusener Sportdirektor, und Dieter Hecking, der zuletzt Borussia Mönchengladbach in die Europa League führte, sind Sie auf diesen Positionen ja schon mal europäisch aufgestellt?
Der Sportchef des Bundesligavierten und der Trainer des Bundesligafünften sind sicher keine schlechte Ausgangsposition für die schwierige Aufgabe, die vor uns liegt.

Es könnte derzeit so wunderbar ruhig beim HSV sein, hätten Sie nicht entschieden, die berühmte Stadionuhr abzubauen und die schönste Fußballhymne im Land, „Hamburg, meine Perle“, zu verbannen. Was sind die Gründe, sich mit dieser Konsequenz von den Traditionen zu verabschieden?
Es ist immer die Frage, was man unter Tradition versteht. Wir möchten uns nicht weiter in erster Linie über Symbole definieren, sondern über das, was auf dem Platz stattfindet mit gutem Fußball und sehr viel Emotionen. Es hatte ja in der Vergangenheit der Eindruck entstehen können, uns seien Symbole wichtiger als unser Kerngeschäft.

Was sagen die Fans dazu?
Tatsächlich wurde der Wunsch auch von den Vollblutfans an uns herangetragen. Wir haben sehr aufmerksam zugehört und finden es besser, die Perspektive nach vorne zu richten und nicht zurück. Mit dem Blick in den Rückspiegel ist der HSV in den letzten Jahren nicht gut gefahren.

Kommt bei „Hamburg, meine Perle“ auch hinzu, dass die Gegner in diesem Lied in einem ziemlichen Angebertext („Wenn du aus München kommst, zieh’n wir euch die Lederhosen aus, wenn du aus Dortmund kommst, schießt Geld hier keine Tore“) herabgewürdigt werden?
Es passt jedenfalls nicht zu unserem Selbstverständnis, schon vor dem Spiel Gegner, die aktuell eine Liga über uns spielen, zu verunglimpfen. Das finde ich auch persönlich aktuell nicht angemessen.

Wird das Maskottchen, ein Dino, auch eingemottet?
Der Dino steht weiterhin unter Artenschutz. Er ist sehr beliebt bei den uns ganz wichtigen kleinen Fans, er ist bei vielen Kindergeburtstagen ein fester Bestandteil. Der bleibt!

Am Samstag beginnt die Zweitligasaison mit einem Heimspiel gegen Darmstadt 98. Wie empfinden Sie die Stimmung in der Stadt mit ihrem geprügelten Ex-Dino HSV?
Ich empfinde sie als angespannt positiv. Sie unterscheidet sich aus meiner Sicht wohltuend von der Abstiegsfolklore der Vorsaison, die uns den klaren Blick für die knallharte Herausforderung zweite Liga versperrt hat.

Denken Sie manchmal, „hey, es ist doch verrückt, dass noch immer so viele Leute zu uns kommen nach all den Jahren der wiederkehrenden Enttäuschungen“?
Es ist tatsächlich faszinierend zu sehen, welchen Rückhalt der Klub weiterhin bei seinen Fans und in der Stadt genießt. Aber das dürfen wir nicht noch weiter überspannen. Deshalb sind wir gefordert, mit ganz viel Herzblut und Leidenschaft daran zu arbeiten, dass wir die Verweildauer in der zweiten Liga kurz halten. Denn: Jede Liebe kann auch zerbrechen. Man darf es nicht übertreiben.

Als Sie im März 2011 den HSV verließen, lag das auch daran, dass Sie und der damalige Aufsichtsrat sich jahrelang zur Freude der Journalisten aneinander abgearbeitet hatten, so lange, bis es nicht mehr gemeinsam weitergehen konnte. Jetzt hört man, der aktuelle Aufsichtsrat laufe Ihnen brav bei Fuß an der kurzen Leine. Stimmen Sie zu?
Die Zusammenarbeit zwischen Aufsichtsrat und Vorstand ist jetzt genauso, wie ich sie mir vorstelle, nämlich konstruktiv-positiv-kritisch, vertrauensvoll und intensiv. Es gibt ein Bestreben, die anstehenden Themen gemeinsam zu bearbeiten. Das unterscheidet uns tatsächlich von der Situation vor knapp zehn Jahren.

Sie haben seinerzeit wagemutig erklärt, es sei Ihr strategisches Ziel, es mit dem HSV unter die Top 20 Europas zu schaffen. Tatsächlich lag der HSV zwischenzeitlich dann auf Platz 12 der Uefa-Rangliste. Gibt es einen ähnlichen sportlichen Businessplan jetzt auch wieder?
Aktuell gehen unsere Planungen bis Mai 2020. Aber natürlich stellen wir uns darüber hinaus auch vor, in den nächsten fünf Jahren wieder ein ernstzunehmendes Mitglied der Bundesliga zu sein. Alles darüber hinaus wäre unserer Lage nicht angemessen.

Eintracht Frankfurt hat sich erst vor drei Jahren im letzten Moment in der Relegation gegen den 1. FC Nürnberg die Klasse erhalten und mittlerweile ihre Strahlkraft kräftig erhöht. Ist das aus Ihrer Sicht auch für den komplizierten HSV machbar in dieser wunderschönen großen Stadt Hamburg?
Natürlich sehen wir, was in Frankfurt passiert ist, aber auch bei anderen Klubs mit übersichtlichen Mitteln, wie dem SC Freiburg, dem FC Augsburg oder Mainz 05. Die Eintracht ist sicher ein sehr gutes Beispiel dafür, wie mit guten Entscheidungen im sportlichen Bereich komplett der Hebel umgelegt werden konnte. Aber auch das zieht dann wieder Begehrlichkeiten nach sich. Die Eintracht steht vor großen Herausforderungen, die zwei tollen Saisons zu bestätigen.

Interview: Jan Christian Müller

Zur Person

Bernd Hoffmann führte den Hamburger SV zwischen 2003 und 2011 auf Platz zwölf der Uefa-Rangliste, aber es gelang dem gebürtigen Rheinländer nie, den Klub und seinen seinerzeit schier unzähmbaren Aufsichtsrat zu befrieden, der ihm im März 2011 in einer Kampfabstimmung die Gefolgschaft verweigerte.

Im Februar 2018 wurde der Diplom-Betriebswirt und vormalige Medienmanager mit knapper Mehrheit zum HSV-Präsidenten gewählt, entließ in einer der ersten Amtshandlungen den Vorstandsvorsitzenden Heribert Bruchhagen und den Fußballchef Jens Todt, bald darauf auch Trainer Bernd Hollerbach.

Unter dessen Nachfolger Christian Titz stieg der Dino der Liga trotz einer Aufholjagd dennoch erstmals ab. Hoffmann wurde zum Vorstandschef bestellt, Ex-Profi Marcell Jansen wurde Präsident, die Trainer Titz und Hannes Wolf wurden im Laufe der ersten Zweitligasaison ebenso beurlaubt wie Sportchef Ralf Becker. 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion