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Martin Kind (li.) und sein ehemaliger Mitarbeiter.

Kommentar Hannover 96

Zum Horst gemacht

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Die Krise bei Hannover 96 hat ihr nächstes zu erwartendes Opfer gefunden.

Fast ist man versucht, dem Manager Horst Heldt zu gratulieren zu seiner Entlassung bei Hannover 96. Über die Jahre hinweg konnte man ja den Eindruck gewinnen, dass er sowieso lieber woanders wäre als in Hannover an der Leine, wo ein ewiges Reizklima herrscht. Hier dieser Hörgeräteverkäufer, der so gerne ein Fußballklubbesitzer wäre, zu mindestens 50+1 Prozent, und dort eine sich dagegen stemmende Fanbasis, und zwischendrin der kleine Heldthorst, der in diesem ganzen Durcheinander auch noch eine gescheite Bundesligamannschaft in die Kabine setzen sollte.

Einmal, nach einem Bundesligaspiel, als die Kurve besonders gut vernehmbar gegen den Hörgeräteverkäufer (Klubboss Martin Kind) protestiert hatte, konstatierte Heldt, ihn „kotze hier alles an“. Das war im Februar 2018.

Knapp ein Jahr zuvor hatte der Ex-Manager von Schalke 04 und dem VfB Stuttgart in Hannover angefangen, aber bald schon, nachdem die Bürotür hinter ihm ins Schloss gefallen war, schien sich Horst Heldt wieder fortzuwünschen. Im November 2017 verhandelte er mit dem 1. FC Köln, doch ein Wechsel kam nicht zustande, weil 96 die Freigabe verweigerte. Im April 2018 zog es ihn zum VfL Wolfsburg, doch erneut platzte das Geschäft, diesmal weil 96 eine zu hohe Ablöse verlangte für seinen Sportdirektor.

Doll-Zukunft steht infrage

Die alte Frage, ob es sinnvoll ist, einen Angestellten zu behalten, der offensichtlich lieber andernorts tätig wäre, hat man sich auch in Hannover gestellt. Dass sie bis zuletzt positiv beschieden wurde, zeigt, dass Heldt am Maschsee lange aufrichtig und fleißig bei der Sache war, trotz wiederkehrender Abwanderungsfantasien. Der Aufstieg im Mai 2017 war dem eben erst eingestellten Sportdirektor zwar nur insofern zuzuschreiben, als dass er für die schnelle Entlassung des hilflosen Trainers Daniel Stendel gesorgt hatte. Doch mit dem neuen Coach André Breitenreiter und einem gut austarierten Kader gelang im Jahr darauf souverän der Klassenerhalt. Auch ein Verdienst des Sportdirektors.

Spätestens jedoch als Heldt es Ende Januar für eine gute Idee hielt, dem eher verschlissenen Trainer Thomas Doll eine Mannschaft anzuvertrauen, die nur einen Anflug von Bundesligatauglichkeit aufweist, durften sich die Hannoveraner etwas verraten fühlen. Dem alten Edeltechniker Doll ist es nicht gelungen, das Gestolper seiner Spieler nicht persönlich zu nehmen. Nach hohen Niederlagen ist ihm das Entsetzen anzusehen, mit jedem Satz entfernt er sich dann weiter vom Team. Ohne Heldt, der Doll stets den Rücken stärkte, wird auch der Trainer nicht mehr lange in Hannover sein, unabhängig vom Vertrag bis 2020.

Hannover 96 ringt um Fassung, mit Horst Heldt und ohne. Der Machtstreit zwischen Kind und der Opposition zehrt und zerrt, und der sich anbahnende Abstieg und die personellen Unklarheiten stellen sportlich alles infrage. Hannover 96, völlig von der Leine.

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