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Homo Luis

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Von: Jakob Böllhoff

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Peace, Freunde: Luis Enrique geht eigene Wege.
Peace, Freunde: Luis Enrique geht eigene Wege. © AFP

Der spanische Nationalcoach Enrique beschreitet neue Wege und streamt jetzt auf der Plattform Twitch – gut, dass Schnauzbarttrainer Vincente del Bosque keinen Wind davon bekommt.

Diese seltsame Weltmeisterschaft macht ja etwas mit einem. Schon vorher. Hin und her wirft es einen zwischen Vorfreude auf große Fußballkunst und dem moralischen Zucken, die Chose in der Wüste zu ignorieren, weil die Wüstenleute einen, nun ja, eher mittelfortschrittlichen Wertekatalog mit sich führen. Man möchte sich kratzen, weiß aber nicht, wo es juckt. Es ist zum Irre werden.

Und manch einer scheint da auf gutem Weg. Luis Enrique, Spaniens Nationaltrainer, hat vor der Abreise nach Katar in einem Video angekündigt, sich während des Turniers höchstpersönlich in Live-Streams an die Öffentlichkeit zu wenden – für eine „direktere, ungefilterte, spontanere und natürlichere Kommunikation“. Enrique, beschienen nur vom Leuchten seines Laptops, umgaben dabei die Schwingungen eines Mannes, der sich gleich einen Camcorder schnappt, in einen Einkaufswagen steigt und den nächsten Hügel hinunterrast. „Streamer der Welt, geht aus dem Weg, denn ich fahre bergab und ohne Bremsen!“, hat er passenderweise gerufen in dem Video.

An dieser Stelle wünschte man sich vergebens, der alte spanische Schnauzbarttrainer Vincente del Bosque würde ins Bild treten, Enrique sanft das Headset vom Kopf nehmen und ihn auf sein Zimmer bringen. Ist gut, Luis. Es ist doch jetzt gut.

Spaniens Trainer streamt

Enrique, 52, hat jedenfalls bei der Streamingplattform Twitch einen Kanal eröffnet, um sein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Er befindet sich dort in einer bunten Gesellschaft, denn auf Twitch wird so gut wie alles übertragen, wofür es ein Publikum gibt (für alles nämlich): Menschen etwa, die vor laufender Kamera Essen und Trinken, sonst tun sie nichts. Schlafende Menschen. Münder in Großaufnahme, schmatzend und rülpsend. Max Kruse, der Computer spielt.

Homo sum, humani nihil a me alienum puto, schießt es da sogleich dem Lateiner in den Kopf: Ich bin ein Mensch, Menschliches ist mir nicht fremd.

Das Medium ist die Botschaft, und so gesehen ist Luis Enriques Engagement bei Twitch für sich schon ein freiheitliches Symbol. Vielleicht erzählt er nur vom Fußball. Vielleicht wird er politisch, das wäre schön, ein Lichtblick in düsterer Umgebung. Vielleicht verspeist er aber auch riesige Mengen Paella und trinkt dazu becherweise Rioja, und in dem Fall könnte man froh sein, dass Vincente del Bosque nichts damit zu tun hat. Dem würde nur ständig etwas im Schnauzer hängenbleiben – womit er auf Twitch natürlich große Erfolge feiern könnte.

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