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Hoffnungsträgerin mit Handikap

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Von: Frank Hellmann

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Läuft oft noch ein bisschen unter dem Radar entlang: Marina Hegering.
Läuft oft noch ein bisschen unter dem Radar entlang: Marina Hegering. © imago

Die von einer langen Leidensgeschichte geprägte Marina Hegering soll wie bei der WM in Frankreich nun auch bei der EM in England die Deckung der DFB-Frauen dirigieren.

Es ist Marina Hegering kaum zu verdenken, dass sie sich nach einer kurzen Auszeit sehnt, die den deutschen Fußballerinnen ab Mittwoch im Anschluss an das letzte EM-Trainingslager in Herzogenaurach gewährt wird. „Ich habe meine Familie längere Zeit nicht gesehen. Ich freue mich riesig auf diese drei Tage“, sagt die gebürtige Bocholterin. Bevor die DFB-Spielerinnen in Frankfurt am Sonntag in den Flieger für die Frauen-EM 2022 in England (6. bis 31. Juli) steigen, will sie es daheim im Münsterland „alles ruhig und entspannt“ angehen lassen. Und zum Friseur, verriet sie, müsse sie auch nicht mehr.

Die 32-Jährige gehört als eine der wichtigsten Protagonisten zur Reisegruppe: Für die Vorrundenpartien gegen Dänemark (8. Juli), Spanien (12. Juli) sowie Finnland (16. Juli) und alles darüber hinaus ist Hegering als Abwehrchefin eingeplant, obwohl abgesehen von Kapitänin Alexandra Popp niemand im Kader auf eine derart lange Leidensgeschichte blickt.

Hegering gilt, ähnlich wie bei der WM 2019 in Frankreich, als Hoffnungsträgerin mit Handikap: Dass die im Viertelfinale gegen Schweden (1:2) patzende Defensivspezialistin damals die Deckung dirigierte, war ein Wagnis. Nach einer langwierigen Fersenverletzung mitsamt Wundheilungsstörung und diverser Operationen verlor Hegering den Fußball für einige Jahre völlig aus den Augen.

Enge Bande an die Trainerin

Doch Martina Voss-Tecklenburg hatte sie mit Amtsantritt als Bundestrainerin im Blick: Beide kennen sich, seit Hegering mit zarten 16 zum inzwischen aufgelösten FCR Duisburg kam, den Voss-Tecklenburg als junge Trainerin 2009 zum Gewinn des Uefa Women’s Cup führte.

Diese Verbindung hält noch immer, obwohl Hegering wegen anhaltender Knieprobleme und einer Covid-Infektion auch vergangene Saison für den FC Bayern gerade mal fünf Bundesligaspiele bestritt. Seit Mitte April sammelte sie Spielpraxis vorrangig in der zweiten Mannschaft. In der EM-Vorbereitung wuchs bei ihr die Zuversicht, dass sie trotzdem fürs Nationalteam „Zeichen setzen“ kann, „ein Turnier ist für mich keine komplett neue Situation.“ Die Generalprobe gegen die Schweiz (7:0) fühlte sich aus ihrer Sicht „sehr, sehr gut“ an; Ihr 20. Länderspiel bezeichnete sie daraufhin als „runde Sache“. Ihren aktuellen Fitnesszustand wollte die ausgebildete Kauffrau indes nicht beziffern. „Dass ich noch nicht bei 100 Prozent bin, ist selbstverständlich.“

Aber kaum eine tut mehr für ihre Athletik als eine Akteurin, die in Essener Zeiten von Teamkollegin Sara Doorsoun mal „Maschina“ getauft wurde. Dass sich der Spitzname nicht hielt, war Hegering nur Recht. Statt oberflächlichen Beschreibungen bevorzugt sie das strukturierte Vorgehen. Dazu passt, dass sie für die nächsten zwei Jahre beim VfL Wolfsburg unterschrieben hat. Dort steht ihr als Inhaberin der B+-Lizenz im Anschluss nämlich eine Stelle als Trainerin in Aussicht: „Das ist für mich super attraktiv und der entscheidende Punkt.“

Die Nummer fünf zeichnen ein gutes Auge, ein starkes Kopfballspiel und eine gewisse Körperlichkeit aus. Auf ihrer Position im Abwehrzentrum konnten weder Lena Lattwein (Wolfsburg) noch Sophia Kleinherne (Eintracht Frankfurt) oder die inzwischen gestrichene Jana Feldkamp (TSG Hoffenheim) überzeugen.

Duett mit Hendrich

Bezeichnenderweise ist die von außen nach innen gerückte Kathrin Hendrich zur besten deutschen Innenverteidigerin aufgestiegen, mit der Hegering bald auch auf Vereinsebene harmonieren soll. „Kati hat eine richtig gute Saison gespielt. Wir können froh sein, dass sie gerade so gut in Form ist.“ Hegering und Hendrich – das könnte nicht nur namentlich passen.

Bei ihrer Bedeutung und ihrem Werdegang ist eigentlich erstaunlich, dass ihr Tisch beim Medientag im Raum „Halftime“ am Sitze des DFB-Ausrüsters lange leer blieb. Weil sich anfangs niemand zu ihr setzte, plauderte sie mit einem Tontechniker am Mischpult. Ihr Pragmatismus gilt als weitere Stärke. Sie ist keine, die jeden Firlefanz in der Freizeit mitmachen muss, aber wenn es drauf ankommt, geht sie voran. „Ich bin kein Typ, der auf dem Platz leise sein kann“, hat sie einmal von sich gesagt.

Solche Persönlichkeiten hält Voss-Tecklenburg für eine erfolgreiche EM-Mission für unverzichtbar: Die 54-Jährige glaubt nämlich, dass die engen und lauten englischen Stadien etwas mit ihren Spielerinnen machen – und sie als Korrektiv dann in heiklen Spielen kaum aus der Coaching Zone eingreifen kann. Dann sind womöglich Typen wie Hegering gefragt, die von sich sagt: „Für mich persönlich ist es so, dass ich nicht groß wahrnehme, ob da ein Zuschauer sitzt oder ob da 70 000 sind.“

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