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Hoffnung auf den Geistesblitz

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Von: Jan Christian Müller

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Zwischen Bundestrainer Hansi Flick und Thomas Müller herrscht eine enge Bande, die auch schwächere Auftritte verzeiht. Jetzt braucht Flick vor allem einen Müller, der mit den Füßen spricht.

Es ist ungewöhnlich, dass ein Trainer einen Spieler bei einer Weltmeisterschaft von Beginn an aufstellt, der zuvor sieben Bundesligapartien und das letzte Vorbereitungsspiel verpasst hat. Erst krank, dann verletzt. Thomas Müller durfte bei der demoralisierenden Auftaktniederlage gegen Japan trotzdem mitspielen. Als er ausgewechselt wurde, führte Deutschland noch 1:0. Nicht nur deshalb wäre es eine Überraschung, wenn Bundestrainer Hansi Flick den Bayern-Offensivmann nicht auch am Sonntag (20 Uhr, ZDF) gegen Spanien vertrauensvoll in der Startelf aufbieten würde. Trotz dessen wenig auffälliger Vorstellung gegen Japan.

Zwischen Flick und Müller gibt es eine besondere Verbindung, die auch schwächere Auftritte verzeiht. Ginge es nach Lothar Matthäus, wäre das anders. Der Experte hat Zweifel, „ob Thomas die Fitness hat, die ich in einem solchen Endspiel brauche“.

Flick hat diese Zweifel nicht. Er hält große Stücke auf Bayern Münchens Fitnessguru Holger Broich, der Müller individuell auf diese WM vorbereitet hat. Flick glaubt, Müller sei deshalb sogar noch besser beieinander, als wenn er direkt aus dem Spielbetrieb gekommen wäre.

Gegen Spanien schwer gefordert: Thomas Müller.
Gegen Spanien schwer gefordert: Thomas Müller. © dpa

Nachdem Flick seinerzeit bei den Bayern von Niko Kovac übernommen hatte, blühte Müller sofort wieder auf. Die Bande war da schon eng: Flick hat als Assistent von Joachim Löw den jungen Müller erlebt, als der angerannt kam und nacheinander bei den Weltmeisterschaften 2010 und 2014 jeweils fünfmal traf. Flick weiß sehr genau, was Müller einer Mannschaft geben kann. Auf und abseits des Platzes. Als Gute-Laune-Müller und als Raumdeuter, der Situationen schneller erfasst als andere. Der Ur-Bayer hat ihn selten enttäuscht. Er versteht es zudem, die Dinge auch verbal treffend auf den Punkt zu bringen. Nach dem 1:2 gegen Japan hörte sich das so an: „Ein Horrorszenario, da hat es zweimal Bumm Bumm gemacht. Und jetzt stehen wir da.“

Flick hat Müller bei der im Halbfinale gestoppten Europameisterschaft 2016, der vermaledeiten WM 2018 und der kaum weniger erheiternden EM 2021 nicht erlebt. In keinem dieser Turniere konnte der inzwischen 33-Jährige seinen zehn Toren von 2010 und 2014 einen weiteren Treffer hinzufügen. Müller war jeweils kein Faktor in der deutschen Mannschaft, das hat dem DFB-Team nicht gutgetan. Diese WM könnte sein letztes großes Turnier werden. Gegen Spanien wäre es hilfreich, wenn Müller wieder mehr einfällt als zuletzt. Ein Geistesblitz im Strafraum, ein unvorhersehbarer Laufweg ins Glück, ein schräger Schuss ins Tor. So etwas in der Art.

Thomas Müller ist nicht nur ein lustiger Bursche, sondern auch ein guter Analytiker. Der Trainer sucht gern den Austausch mit ihm. Weil Müllers Gedanken Mehrwert bringen. Jetzt braucht Flick aber vor allem einen Thomas Müller, der mit den Füßen spricht. Der war beim 0:1 im WM-Halbfinale gegen Spanien 2010 wegen einer absurden Gelbsperre nicht dabei. Piotr Trochowski konnte Müller nicht annähernd ersetzen. Dessen Tiefenläufe fehlten damals. Auch für das 0:6 im Dezember 2020 in der Nations League war Müller nicht mitverantwortlich. Diesen Rucksack trägt er nicht. Die Schmach von Sevilla führte seinerzeit dazu, dass Flicks Vorgänger Joachim Löw anfing, darüber nachzudenken, Müller aus der Verbannung zurückzuholen. Gebracht hat es wenig: Beim Aus im EM-Achtelfinale in England vergab Müller die große Chance zum Ausgleich. Er lief allein aufs englische Tor zu – und schoss vorbei.

In diesen Tagen in Katar bleibt auch Thomas Müller nicht viel mehr übrig, als Durchhalteparolen auszugeben: „Wir müssen uns aufrappeln, die K.o.-Runde hat eben schon früher begonnen. Wir haben den Puffer aufgebraucht und brauchen jetzt zwei Siege. Wir haben die Qualität, um Spanien zu schlagen.“ Und er vergisst nicht, an einen Teamgeist zu appellieren, der vermeintlich schon marodiert. „Es bringt jetzt nichts, wenn wir mit dem Finger aufeinander zeigen.“

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