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Hoffenheims Frauenfußballchef fordert: „Wir brauchen eine größere Liga“

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Von: Frank Hellmann

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Duell der Topspielerinnen: Hoffenheims Torjägerin Nicole Billa (li.) im Duell mit Wolfsburgs EM-Star Lena Oberdorf.
Duell der Topspielerinnen: Hoffenheims Torjägerin Nicole Billa (li.) im Duell mit Wolfsburgs EM-Star Lena Oberdorf. © Imago/regios24

Hoffenheims Abteilungsleiter Ralf Zwanziger erklärt vor dem Livespiel in der ARD, was sich in Deutschland ändern soll.

Es ist gar nicht so leicht, Ralf Zwanziger dieser Tage ans Telefon zu bekommen. Viel zu tun hat der Abteilungsleiter für den Frauenfußball bei der TSG Hoffenheim eigentlich immer, aber jetzt ist der organisatorische Aufwand für ihn und zahlreiche Mitarbeiter:innen eben doch höher, als wenn nur ein normales Heimspiel in der Frauen-Bundesliga anstünde. Doch das Gastspiel des mit EM-Stars gespickten Meisters VfL Wolfsburg findet nicht nur erstmals in der großen Arena in Sinsheim statt, sondern zusätzlich überträgt die ARD am Samstag (17.55 Uhr) live. Bis zu einem Dutzend Highlightspiele sollen in dieser Saison im Ersten oder in den Dritten laufen.

Zu hohe Erwartungen bei der Quote hat der ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky nicht: „Wir kennen das Phänomen auch vom Handball, dass die Begeisterung bei großen Turnieren nicht immer Auswirkungen auf die Liga hat.“ Aber mehr, als die 1,52 Millionen, die im Oktober 2021 die Partie FC Bayern gegen TSG Hoffenheim in der Länderspielpause sahen, sollten es nach der EM schon sein.

Fest steht: Volle Ränge wird es an der A6 nicht geben. 5500 Karten sind verkauft, eine fünfstellige Kulisse kommt kaum noch zustande, obwohl die TSG Hoffenheim auf verschiedenen Kanälen mächtig getrommelt hat. An den Preisen kann es nicht liegen: Der Sitzplatz kostet zwölf Euro, der Stehplatz acht Euro. Noch nie haben die Hoffenheimerinnen in der Arena gespielt. Beste Kulisse waren die 3050 Zuschauenden, die am 26. Mai 2013 im Dietmar-Hopp-Stadion den Aufstieg in die Bundesliga erlebten.

Man freut sich also auf die Bühne, die eine ARD-Übertragung bietet. „Wie oft müssen unsere Männer bei Sky spielen, damit wir auf so viele Fernsehzuschauer kommen?“, fragt Zwanziger rhetorisch. Immerhin sind mehr als 20 Logen vermarktet, so der 49-Jährige, „aber Hoffenheim ist bei weitem nicht solch eine Fußballstadt wie Frankfurt.“ Dort waren 23 200 Anhänger:innen zum Eröffnungsspiel Eintracht Frankfurt gegen Bayern München (0:0) gekommen.

Seitenblick nach England: Das Land der Europameisterinnen zieht in den Ligapausen der Männer seit längerem ganz bewusst in die großen Stadien. Auch daher lag der Publikumsschnitt der Women’s Super League (1924) deutlich über dem der Frauen-Bundesliga (811). Am Samstag wird nun ein neuer Rekord aufgestellt. Fürs Londoner Derby zwischen Arsenal WFC und Tottenham Hotspurs im großen Stadion sind weit mehr als 40 000 Tickets verkauft. Englands Verband FA hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, mit dem EM-Hype den Schnitt auf 6000 Fans zu pushen. Die Vermarktung läuft nahezu perfekt, die Fernsehangebote sind erstklassig.

Weiße Flecken auf der Karte

Und was soll Deutschland tun? Hier hat Zwanziger konkrete Ideen. „Wir brauchen einen anderen Spielplan. Acht von elf Heimspielen finden in der Schlechtwetterphase zwischen Oktober und April statt.“ Dann würden es sich die Eltern dreimal überlegen, erklärt der Familienvater, ob sie mit Sohn oder Tochter zur Frauen-Bundesliga gehen. Ein weiteres großes Problem sind für ihn die riesigen weißen Flecke auf der Landkarte der Frauen-Bundesliga. „Wir brauchen eine größere Liga.“ Gerade dann, wenn bald immer mehr Lizenzvereine nach oben drängen. „Diese Klubs sollten aber bitte auch starke Ausbildungsvereine für die Talente der jeweiligen Region sein“, sagt der TSG-Abteilungsleiter, dem die langen Abstellungsperioden für Länderspiele ebenso ein Dorn im Auge sind. „Wir bezahlen die Spielerinnen ein Jahr lang, sie stehen uns aber nur sieben Monate zur Verfügung“, formuliert er überspitzt.

Der Sohn von Theo Zwanziger weiß, wovon er redet. Er arbeitete noch im Organisationskomitee für die WM 2006, als ihn die Anfrage erreichte, für die TSG Hoffenheim die Frauen-Abteilung aufzubauen. In den vergangenen Jahren sprudelte die Talentquelle so üppig, dass Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg mehrfach die Nachwuchsarbeit im Kraichgau lobte. Im Sommer zog es Shootingstar Jule Brand von Hoffenheim nach Wolfsburg, wohin im Vorjahr auch die EM-Heldinnen Lena Lattwein und Tabea Waßmuth gewechselt waren. Dennoch hat Hoffenheim mit der österreichischen Toptorjägerin Nicole Billa – Deutschlands Fußballerin des Jahres 2021 – einen Kader zusammen, der um die internationalen Plätze mitspielen sollte.

In der vergangenen Saison schlug sich die TSG in der Champions-League-Gruppenphase prächtig, musste letztlich aber den Topvereinen Barcelona und Arsenal den Vortritt lassen. Die Heimspiele wurden noch im Dietmar-Hopp-Stadion in Hoffenheim ausgetragen. Wie oft künftig die Arena in Sinsheim bespielt wird, will Ralf Zwanziger nach den Erfahrungen vom Wochenende in aller Ruhe bewerten. „Aber jede dritte Woche werden wir nicht umziehen.“

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