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Höhenflug des SV Darmstadt 98: Hut ab, Ihr Lilien

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Von: Ingo Durstewitz

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Gibt immer alles: Darmstadts Torsten Lieberknecht.
Gibt immer alles: Darmstadts Torsten Lieberknecht. © dpa

Der Lauf des Zweitligisten SV Darmstadt 98 ist beeindruckend. Viel spricht dafür, dass diesmal der Herbstmeister aus dem Unterhaus auch wirklich in die Bundesliga aufsteigt.

Man kann nun nicht behaupten, dass der SV Darmstadt 98 seine Zweitligakonkurrenten in Grund und Boden spielen würde. Nicht selten sind es schwer umkämpfte Spiele, die die Lilien ziehen. Selten gewinnen sie mit mehr als einem Tor Unterschied, die letzten fünf Partien endeten 1:0, 1:0, 1:1, 1:1, 2:1. Enge Kiste.

Auch am Donnerstagabend in Magdeburg siegten sie denkbar knapp mit eins-null und vermutlich auch nur, weil der Aufsteiger fast eine Halbzeit in Unterzahl verteidigen musste, denn das Zusammenspiel zwischen Schiedsrichter und Videoassistent gipfelte mal wieder in einer grotesken Fehlentscheidung. Die auf Intervention des Kölner Kellers von Gelb auf Rot verschärfte Karte für Christiano Piccini war abenteuerlich; sein absichtliches Handspiel zwar unstrittig, doch es im Video-Nachgang als Notbremse auszulegen, schlichtweg falsch, weil noch drei Magdeburger hätten eingreifen können. Selbst die davon profitierenden Darmstädter verstanden die Welt nicht mehr. Der Platzverweis sei „total unverständlich“, die erst gezeigte Verwarnungskarte richtig, sagte Trainer Torsten Lieberknecht und fragte zu Recht: „Warum bekommt der Schiedsrichter überhaupt den Hinweis?“ Die Sache mit dem VAR, dies nur am Rande, scheint außer Kontrolle und aus dem Ruder gelaufen.

Politik der ruhigen Hand

So oder so: Für die Darmstädter war ihr zehnter Saisonsieg gleichbedeutend mit der sogenannten Herbstmeisterschaft, die natürlich keine Relevanz hat, zumal in den letzten sechs Jahren nur ein Herbstmeister aufstieg (Arminia Bielefeld, 2019/20), alle anderen (St.Pauli im letzten Jahr, zweimal der HSV, Kiel und Braunschweig) wurden abgefangen. Die Lilien sind also gewarnt. Und doch spricht nicht besonders viel dafür, dass es ihnen so ergeht wie den Gescheiterten.

Natürlich gibt es auch für die Südhessen keine Garantie, doch präsentieren sie sich absolut gefestigt und stabil. Sie sind ungeheuer schwer zu bespielen, zu bezwingen sowieso, seit 17 Pflichtpartien ungeschlagen, nur eine Begegnung verloren sie – am ersten Spieltag 0:2 in Regensburg. Die Darmstädter haben satte 35 Punkte und ein gutes Polster auf Rang vier. Das liegt auch an der massiven Abwehr, nur 14 Gegentore mussten sie schlucken – weniger als alle anderen. Zudem: Die Verfolger sind nicht unbedingt stabil, die Bundesligaabsteiger Bielefeld und Fürth keine Konkurrenz mehr, St. Pauli und Nürnberg im Keller und Hochkaräter wie Schalke 04 und Werder Bremen haben sich bereits im letzten Sommer nach oben verabschiedet. Bleibt der HSV, und der bleibt halt auch der HSV.

Es ist bemerkenswert und fast schon bewundernswert, wie der SVD seine Kreise zieht – obwohl er erneut seinen Topspieler verloren (17-Tore-Stürmer Luca Pfeiffer an den VfB Stuttgart) und mit massivem Verletzungspech zu kämpfen hat, obwohl er nur über einen Etat verfügt, der im Mittelfeld der Liga anzusiedeln ist. Hut ab, Ihr Lilien.

Es ist die Besonnenheit, Unaufgeregtheit und das innere Gleichgewicht, die den Traditionsklub vom Bölle auf die Erfolgswelle heben. Präsident Rüdiger Fritsch führt den Verein mit einer Politik der ruhigen Hand, aber starker Meinung seit 2012. Sportchef Carsten Wehlmann fädelt kluge Transfers im Hintergrund ein und hat den größten Coup sicherlich vor eineinhalb Jahren gelandet, als er Torsten Lieberknecht als Trainer verpflichtete.

Der 49-Jährige passt mit seiner ehrlichen, unprätentiösen, authentischen Art wie die Faust aufs Auge ans Böllenfalltor, das – welch glückliche Fügung – ausgerechnet in dieser Saison fertig umgebaut sein wird und in neuem Glanz erstrahlt. Lieberknecht ist ein Glücksfall für Darmstadt 98. So wie damals Dirk Schuster. Der führte die Lilien in die Beletage. Die Geschichte könnte sich wiederholen. Die Chancen stehen verdammt gut.

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