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Hodentumor: BVB bangt mit Ex-Eintrachtler Sebastien Haller

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Wenn Fußball zur Nebensache wird: Sebastien Haller hat jetzt andere Sorgen. Foto:dpa
Wenn Fußball zur Nebensache wird: Sebastien Haller hat jetzt andere Sorgen. Foto:dpa © dpa

Große Solidarität nach Schockdiagnose für den Stürmer von Borussia Dortmund: Krebsbezwinger Marco Russ unter den Mutmachern

Die bisher so gelöste Stimmung im Trainingslager im betulichen Bad Ragaz ist verflogen. Auf einen Schlag. Auch am Morgen nach der bitteren Diagnose für Sebastien Haller verspürte kein Dortmunder Profi wirklich Lust auf Fußball. „Wir sind alle im Schockzustand“, sagte Klubchef Hans-Joachim Watzke. In Abwesenheit des an einem Hodentumor erkrankten Angreifers Haller fiel es allen Beteiligten sichtlich schwer, sich auf die Arbeit zu konzentrieren. Die idyllische Kulisse der Schweizer Alpen mit Kaiserwetter passte nicht zur angespannten Gemütslage. Die BVB-Welt hat sich verfinstert. „Unsere Gedanken sind bei Sebastien und seiner Familie“, betonte Watzke. Haller ist verheiratet und hat zwei Kinder, Tochter Chiara und Sohn Eden. Der Mittelstürmer ist ein offener, freundlicher und bodenständiger Mann. Und steht vor der größten Herausforderung seines Lebens.

Noch während der ungewohnt stillen Einheit seiner Mannschaftskollegen meldete sich Haller aus Deutschland zu Wort: „Ich bedanke mich aus tiefstem Herzen für die vielen und warmherzigen Nachrichten, die ich bekommen habe“, schrieb der Nationalspieler der Elfenbeinküste bei Twitter. „Ich war sehr bewegt, diese schönen Reaktionen zu sehen, und habe sogar das Gefühl, so viel Anteilnahme gar nicht verdient zu haben.“ Er sprach von einer „weiteren Prüfung“ auf seinem Weg.

Am Sonntag noch hatte Haller eine Sonderschicht im Kraftraum eingelegt, viele Klimmzüge gemacht; am Montagmittag klagte er über Unwohlsein und stand am Abend nicht im Kader für den Test gegen den FC Valencia (1:3). Alles schien dennoch in bester Ordnung zu sein. Erst nach der Rückfahrt in den rund 80 Kilometer entfernten Schweizer Kurort Bad Ragaz erfuhren die Profis, warum der 28-Jährige beim Spiel wirklich gefehlt hatte. Als Trainer Edin Terzic die Mannschaft beim Abendessen informierte, herrschte im Speisesaal der Nobelherberge gespenstische Stille.

Coach Terzic war auch einen Tag später noch bestürzt. „Das ist brutal schwer für uns“, sagte er. Über sportliche Konsequenzen habe er sich „noch keine großen Gedanken gemacht. Wir wissen gar nicht, wie lange die Ausfallzeit sein wird.“ In absehbarer Zeit wird Haller freilich nicht zurück sein.

Schon vor der Rückkehr des Teams in das Trainingsquartier hatte der Spieler die Rückreise nach Dortmund angetreten. Spezialuntersuchungen werden folgen, die Mediziner werden versuchen herauszufinden, ob es sich um ein Krebsgeschwür handelt. Beim umfassenden Medizincheck vor vier Wochen in Dortmund war die Erkrankung noch nicht festgestellt worden. In dem von der Deutschen Fußball Liga (DFL) vorgeschriebenen alljährlichen Medizincheck ist keine Krebsdiagnostik vorgesehen. Im Frühstadium wird Hodenkrebs laut Deutscher Krebsgesellschaft praktisch immer geheilt. Selbst in fortgeschrittenen Stadien besteht eine gute Heilungschance. Im Unterschied zu den meisten anderen dieser Erkrankungen sind die Betroffenen zumeist noch jung. Das mittlere Alter liegt bei 38 Jahren.

Susanne Weg-Remers, Leiterin des Krebsinformationsdienstes des Deutschen Krebsforschungszentrums, sieht Fußballprofis nicht als besondere Risikogruppe. „Lebensstilfaktoren oder bestimmte Sportarten haben keinen Einfluss auf die Entstehung von Hodenkrebs“, sagte sie.

Vergleichbar schockierende Nachrichten hatte es zuletzt auch bei anderen Bundesligisten gegeben. So war in der Vorwoche bei Marco Richter, 24, von Hertha BSC ein Hodentumor festgestellt worden. Der Außenstürmer steht wegen einer Operation für unbestimmte Zeit nicht zur Verfügung.

Timo Baumgartl von Lokalrivale 1. FC Union war es ähnlich ergangen. Der Verteidiger hatte sich im Mai wegen dieser Erkrankung operieren lassen und hofft nun auf ein baldiges Comeback. Auch er sprach dem Kollegen Mut zu: „Du bist nicht allein, Sebastien.“ Erst kürzlich sagte Baumgartl: „Ich habe alle Chemotherapien hinter mir, die gemacht werden sollten. Es geht mir gut, auch wenn mir die Haare ausgefallen sind.“

Auch Marco Russ, ehemaliger Mitspieler bei Eintracht Frankfurt, meldete sich umgehend bei Haller. „Bleib stark, Kumpel. Ich bin bei dir.“ Für den Stürmer ist die Botschaft des früheren Kollegen etwas Besonderes, denn Russ hat vorgemacht, wie man den Kampf gegen die tückische Krankheit angeht und wie man den Krebs besiegen kann. Der 36-Jährige, mittlerweile Analyst bei der Eintracht, hatte damals, im Mai 2016, mit der zufällig entdeckten Erkrankung und der schlimmen Diagnose im Kopf noch das erste Relegationsspiel gegen den 1.FC Nürnberg bestritten, ehe er sich in Behandlung begab, operiert werden und zwei Chemotherapien über sich ergehen lassen musste. Die Nebenwirkungen hatten ihn zeitweise aus der Bahn geworfen: Übelkeit, Kreislaufprobleme, Unwohlsein, Abgeschlagenheit, Haarausfall. Das volle Programm. Eine harte Zeit. Angst vor dem Tod habe er jedoch nicht gehabt. „Mir war klar, dass ich es schaffen werde“, sagt er. „Die Ärzte sagten mir: ,Wenn man sich eine Art von Krebs aussuchen könnte, die gut behandelbar ist, dann diese.‘“

Und man müsse unbedingt hoffnungsfroh und lebensbejahend bleiben, nicht grübeln, jammern oder sich fragen, weshalb es ausgerechnet einen selbst erwischt habe. „Der Kopf entscheidet so viel. Du musst positiv bleiben.“ Das sei für ihn enorm wichtig gewesen, vielleicht sogar lebensrettend. „Natürlich gab es auch beschissene Tage, aber man darf sich nicht ergeben.“

Russ hatte es auf den Rasen zurückgeschafft, neun Monate später feierte er sein Comeback gegen Bielefeld – und das ganze Stadion erhob sich von den Sitzen. Ein Moment, den er niemals vergessen wird. Ein gutes Jahr später gewann er mit der Eintracht den DFB-Pokal – gemeinsam mit Sebastien Haller. Der hat noch viel vor: „Wir werden uns sehr schnell auf dem Platz wiedersehen und unsere nächsten Siege feiern.“

Der nächste Gegner hat es aber erst einmal in sich. dur/dpa/sid

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