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Hochbegabt: André Silva wechselt zum AC Mailand.

Portugal

Vom Hockeyspieler zum Hoffnungsträger

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Der Portugiese André Silva soll den großen Cristiano Ronaldo beerben.

Stanislaw Tschertschessow ist einfach eine ehrliche Haut. Also sagte der Trainer der russischen Nationalmannschaft nach dem 2:0 gegen Neuseeland auf die Frage, ob er bei seinem Team etwas gesehen habe, das ihn zu einer Änderung in der Aufstellung veranlassen könnte, ganz spontan: „Aber nein, wir spielen genauso.“ Dann fiel ihm ein, dass es vielleicht nicht ganz klug sei, dies dem Gegner so früh mitzuteilen, und er druckste noch ein bisschen herum. Allein, es war zu spät, und es hatte sich ja tatsächlich niemand rausgespielt, abgesehen davon, dass die Alternativen nicht gerade üppig ausfallen.

Ganz anders bei den Portugiesen, die heute in Moskau gegen Russland auf keinen Fall verlieren dürfen, wenn sie ihre Chance auf das Halbfinale wahren wollen. Der Europameister will beim Confederations Cup unbedingt beweisen, dass er ein würdiger Champion ist und der Titelgewinn in Paris kein Zufall war, wie es gewisse Nörgler, zum Beispiel Bundestrainer Joachim Löw, damals andeuteten. Beim 2:2 gegen Mexiko zeigten die Portugiesen aber wieder jene Schwächen, die ihnen auch bei der EM wiederholt in die Quere kamen: eine gehobene Fehlerneigung in der Abwehr und eine zu geringe Torausbeute im Angriff.

Der neue Ronaldo?

Zumindest letztere könnte ein 21-Jähriger beheben, der gegen Mexiko erst spät ins Spiel kam. André Silva brauchte nicht viel Eingewöhnungszeit, gleich wurde es gefährlicher, er traf den Pfosten und hatte weitere gute Aktionen. Fernando Santos ist jedoch einer dieser Trainer, die gern jenen Spielern die Treue halten, die ihnen einen großen Triumph verschafft haben. Deswegen begann er mit Nani, Ricardo Quaresma und Joao Moutinho, Silva und der als neuer Figo gepriesene Gelson Martins mussten erst mal draußen bleiben. André Silva ist übrigens der neue Cristiano Ronaldo. Sagt Ronaldo.


Immerhin war Santos schon über seinen Schatten gesprungen, als er Eder, den Matchwinner vom Pariser Finale, nicht in den Kader berief und dafür Silva nominierte. Der debütierte Anfang 2016 beim FC Porto und hat zuletzt eine starke Saison mit 16 Toren in der Liga und fünf in der Champions League gespielt. Im Nationalteam traf er siebenmal in acht Partien. Grund genug für den AC Mailand, nun 38 Millionen Euro locker zu machen und den Angreifer in die Serie A zu holen. Ein Schnäppchen, schließlich nannte die Ausstiegsklausel 60 Millionen, aber Porto braucht wegen drohenden Fair-Play-Sanktionen der Uefa mal wieder dringend Geld und gewährte Rabatt.

Eingefädelt hat den Deal am Rande des Champions-League-Finales in Cardiff Jorge Mendes, Agent von Ronaldo, José Mourinho und fast allen anderen Portugiesen, die irgendwas mit Fußball zu tun haben. Seit sich Milan mit Agent Mino Raiola wegen der Querelen um den wechselwilligen Torhüterjüngling Gianluigi Donnarumma entzweit hat, ist Mendes ganz offenbar der neue Cheflieferant in Mailand. Die Wahl, zu Milan zu gehen, und nicht zu Real Madrid, Manchester United oder anderen interessierten Großklubs, ist aber ohne Zweifel eine kluge. Beim neu formierten AC ist der Portugiese als Mittelstürmer gesetzt, anderswo hätte ihm viel Zeit auf der Bank gedroht, wie das warnende Beispiel von Landsmann Renato Sanches beim FC Bayern zeigt. Der gefeierte Newcomer der EM hatte ein traurige Saison und wurde nun zur U21-EM abgeschoben.

André Silva stammt aus einem kleinen Dorf in Portugals Norden, mit sechs Jahren meldete ihn sein Vater beim Fußballklub an. Später spielte er erfolgreich Rollhockey, wurde jedoch Vollfußballer, als er mit 14 zum FC Porto ging – für 1000 Euro. Der scheue Junge hat sich zu einem selbstbewussten Angreifer entwickelt, der immer Spielgestalter mit der Nummer zehn werden wollte. Doch sein Drang zum Tor und seine Kaltblütigkeit vor demselben veranlassten die Trainer, ihn als Spitze aufzubieten. Inzwischen sieht er sich auch so, in Mailand soll er um die Nummer neun gebeten haben, obwohl man ihm die zehn anbot.

Für seine Größe von 1,85 Meter ist Silva sehr beweglich, was es für die Abwehrspieler schwierig macht, gegen ihn zu verteidigen. „Er ist eine besondere Neun. Er bewegt sich sehr gut innerhalb und außerhalb des Strafraums“, lobt Fernando Santos, was Silva zur idealen Ergänzung von Ronaldo macht, für den ja Ähnliches gilt. Er würde den jungen Mann vermutlich aufstellen, prophezeite er doch kürzlich: „Wenn ich aufhöre, wird Portugal in besten Händen sein. Wir haben einen großartigen Stürmer wie André Silva gefunden.“ Der kommentierte trocken: „Na, wenn Cristiano das sagt...“

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