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Routineübung: Marco Reus beim Torjubel.

Marco Reus

Auf dem Hochplateau

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Marco Reus hat Reife, Tempo und ist so torgefährlich, dass er in der Nationalmannschaft die Leerstelle nach dem Rücktritt von Mesut Özil besetzen kann.

Als der wieselflinke Angreifer letztmals für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft in der Leipziger Arena unterwegs war, schrieben die Zeitungen hinterher vom „Chancentod Marco Reus“. Das DFB-Team, das am Donnerstag (20.45 Uhr, RTL) Russland zum Testspiel empfängt, hatte Georgien im Oktober 2015 nur 2:1 besiegen können, Reus, der gestern wegen einer Fußprellung nur individuell trainierte, vergab allerbeste Möglichkeiten am Fließband – und verpasste im Sommer darauf die EM 2016 in Frankreich wegen einer Schambeinentzündung. Hinterher schlich der scheue Bursche auf leisen Sohlen davon.

Drei Jahre später, am Samstagabend nach dem epochalen 3:2 gegen den FC Bayern, hat der 29-Jährige noch ein paar Extraschichten einlegen müssen. Erst die gemeinsame Jubelorgie des Anführers einer gelb-schwarzen Rasselbande vor der Südtribüne, dann die medialen Pflichten eines Kapitäns. Zunächst auf dem Platz unterm Regenschirm live bei Sky, dann im warmen Studio zur Aufzeichnung beim ZDF-Sportstudio. Reus hat solche Aufgaben in der Vergangenheit vor allem als lästig empfunden. Seine Nervosität bei Interviews wurde durch das ständige Nesteln am Ohr dokumentiert, eine Angewohnheit, die er sich inzwischen erfolgreich abgewöhnt hat. Seine einst stakkatohaften Antworten auf drängende Reporterfragen sind entspannt vorgetragenen Analysen gewichen. Reus, von Haus aus ein zurückhaltender Mensch, hat die Rolle als Protagonist des BVB angenommen, er weiß, dass er der erste Markenbotschafter des Klubs ist. Die Furcht, die Kapitänsbinde, die er von Marcel Schmelzer zu Saisonbeginn übernommen hat, könnte ihm zur Last werden, hat sich als unbegründet erwiesen. Ganz im Gegenteil: „Man merkt, mit welchem Stolz ihn das Amt erfüllt. Das hat ihm noch mal einen Schub gegeben“, hat BVB-Sportchef Michael Zorc festgestellt.

Jeder kann den Reifeprozess bei Reus’ öffentlichen Auftritten sehen. Er selbst begründet das so: „Ich werde bald Vater, bin natürlich älter geworden, eine gewisse Erfahrung gehört auch dazu.“ Sogar die Führerscheinprüfung hat er inzwischen ganz legal bestanden und somit das wohl bislang ungeheuerlichste Kapitel seines Lebens - jahrelanges Autofahren ohne Fahrerlaubnis, belegt mit einer Geldstrafe von 540 000 Euro – zugeschlagen.

Bundestrainer Joachim Löw hofft, mit dem altersweisen Reus die Leerstelle füllen zu können, die der zurückgetretene Mesut Özil hinterlassen hat. Reus macht kein Hehl daraus, dass er sich auf der Zehnerposition am wohlsten fühlt. Dort kann er seine Torgefährlichkeit, sein Raumgefühl zwischen den gegnerischen Defensivlinien und seine Tempoläufe in die Tiefe am eindrucksvollsten präsentieren. So sieht es auch Joachim Löw: „Die beste Position für Marco ist im Zentrum hinter den Spitzen. Da hat er nach vorn alle Möglichkeiten und ist in der Defensive nicht so eingebunden wie auf dem Flügel.“

Nationalmannschaft soll vom Formhoch profitieren

In der Scorerliste der Bundesliga liegt Marco Reus mit 14 Punkten (acht Tore und sechs Vorlagen) hauchzart hinter dem Frankfurter Sebastien Haller (acht und sieben), gegen die Bayern erzielte er mit einer technisch anspruchsvollen Direktabnahme ein Tor der Marke besonders sehenswert. Entsprechend hören sich später die Elogen an: „Wir sehen gerade den besten Reus aller Zeiten“, sagte sein ehemaliger Vorgesetzter, Borussia Mönchengladbachs Sportchef Max Eberl im Fußball-Stammtisch bei Sport1 und fügte anerkennend hinzu: „Momentan ist er der beste deutsche Spieler.“ Niemand widersprach.

Auch die Nationalmannschaft soll vom Formhoch des Dortmunders profitieren, nachdem Reus bei der WM 2014 und der EM 2016 verletzungsbedingt fehlte und 2018 in Russland ähnlich unsichtbar blieb wie die meisten Mitspieler. Der Bundestrainer, der sich am Samstag persönlich ein Bild von der überragenden Verfassung des Offensivmannes machte, hat dieser Tage bekundet: „Wenn Marco fit ist, ist er ein Spieler mit einer unglaublichen Unberechenbarkeit.“ Diese Fitness hat der Mann mit einer der längsten Krankenakten der Bundesliga beileibe nicht immer gehabt. In seinem Leistungsdaten-Profil bei Transfermarkt.de überwiegen seit seinem Länderspieldebüt im Oktober 2011 die rot unterlegten Zeilen für verletzungsbedingtes Fehlen im DFB-Kader, das ihn im Sommer 2014 besonders schmerzte. Sein Kumpel Mario Götze vergaß nicht, nach dem WM-Sieg 2014 in Rio das Trikots des Freundes hochzuhalten. Der war zu diesem Zeitpunkt aber schon ins Bett gekrochen und erfuhr erst später von der überaus netten Geste.

Zum Wochenstart nun fand sich Marco Reus als zentrale Figur auf dem Cover des Zentralorgans aller Fußballprofis, dem „Kicker“-Sportmagazin. In Siegerpose. Mit 29 Jahren befindet er sich auf dem Hochplateau seiner Karriere. Am Anfang war sein Selbstbewusstsein noch so winzig, dass er Einladungen für die A-Nationalmannschaft vier Mal in Folge absagte, teils auch deshalb, wie später kolportiert wurde, weil der schmächtige Kerl sich geradezu fürchtete vor den großen Namen. Von mangelndem Selbstbewusstsein kann längst keine Rede mehr sein: Dass seine Freundin Scarlett Gartmann ein Baby erwartet, kündigte er mit Knutschbild via Facebook und Instagram an. Und zwar so, wie es sich für einen internationalen Star gehört: weltmännisch in englischer Sprache.

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