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Zwei Hochbegabte: Matthijs de Ligt (Mitte) und  Frenkie de Jong.

EM-Qualifikation

Das hochbegabte Holland-Duo

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Frenkie de Jong und Matthijs de Ligt sind die nächsten Oranje-Stars, die in europäischen Topklubs Fuß fassen sollen.

Nichts erfreut Einheimische und Gäste an einem sonnigen Wochenende in Amsterdam so sehr wie eine Bootstour durch den Grachtengürtel. Wer sich auf den Gewässern bewegt, beachtet am besten einigen Grundregeln: Große Touristenboote genießen grundsätzlich Vorfahrt, an den belebten Kreuzungspunkten der Prinsengracht besser anhalten und keinesfalls Musikboxen in der Innenstadt anschalten. Nichts dagegen haben die Patrouillenboote hingegen, die Trikots von Hollands Fußball-Helden zu tragen. Frenkie de Jong und Matthijs de Ligt sind hier stets präsent.

Erstaunlicherweise haben vor allem Kinder und Jugendliche bereits oft die Kluft ihrer neuen Arbeitgeber angezogen, denn seit Sommer spielt der 22-jährige de Jong für den FC Barcelona und der 19-jährige de Ligt für Juventus Turin. Können sie eine Ära der Oranjes prägen wie einst das Dreigestirn mit Ruud Gullit, Frank Rijkaard und Marco van Basten, das 1988 die Europameisterschaft in Deutschland gewann? Damals wie heute sind niederländische Nationalspieler begehrte Exportschlager. Allein 15 Spieler aus dem Aufgebot für die EM-Qualifikationsspiele am Freitag in Deutschland und am Montag in Estland sind im Ausland angestellt – und Virgil van Dijk und Georginio Wijnaldum sogar Leistungsträger beim Champions-League-Sieger FC Liverpool.

Diesen Sommer bewegten zwei Amsterdamer Jungstars das große Geld. Der Mittelfeldstratege de Jong und der Abwehrrecke de Ligt brachten jeweils 75 Millionen Basisablöse plus elf Millionen Euro Bonuszahlungen ein. Die intensive Nachwuchsarbeit zahlt sich mehr und mehr in barer Münze aus. In den vergangenen fünf Jahren hat Ajax ein Transferplus von 209,5 Millionen Euro erwirtschaftet. Der drittbeste Wert in ganz Europa. Den Entschädigungen für die Eigengewächse sind die Belohnung für viel Aufwand: Allein 100 Scouts sind für den niederländischen Rekordmeister tätig, acht davon hauptamtlich. Anfangs werden die Talente dabei in Gastfamilien beherbergt. Sechs Millionen Euro kostet die Jugendförderung jährlich.

Vernichtende Kritiken

De Jong kam mit 18 Jahren für die symbolische Summe von einem Euro von Willem II, de Ligt trat bereits als Neunjähriger der Nachwuchsschmiede bei. Mit 19 machte ihn Trainer Erik ten Hag bei den Profis zum Kapitän. Doch war das hochbegabte Duo nach der Traumreise in der Champions League nicht mehr zu halten. Im dramatischen Halbfinale gegen die Tottenham Hotspur fehlte nur eine Spur Cleverness. Sich jetzt bei Topvereinen Europas mit Titelanspruch durchzusetzen, ist die nächste Herausforderung.

De Jong hat die ersten Liga-Spiele bei Barca in der Anfangself gestanden, ohne allerdings vorbehaltlos zu überzeugen. De Ligt durfte bei Juve erst am Wochenende gegen Neapel (4:3) den verletzten Haudegen Giorgio Chiellini vertreten und kassierte teils vernichtende Kritiken. Hätte er doch auf den Rat von Ajax-Sportdirektor Marc Overmars hören und seinem Landsmann de Jong zu den Katalanen folgen sollen, wo Niederländer seit Johan Cruyff hymnisch verehrt werden?

Bondscoach Ronald Koeman weiß, dass er beide etwas aufpäppeln muss. Ihm ist ohnehin daran gelegen, aus dem Prestigeduell in Deutschland ein bisschen die Luft rauszunehmen. „Jeden Punkt, den wir mitnehmen, ist ein Bonus. Aber wenn wir nicht in Deutschland gewinnen, werde ich nicht in Panik geraten.“ Und mal gar nicht will Koeman den Hype um die vermeintlich nächsten Weltstars befeuern: „Ich halte nur wenig davon, Spieler in Schubladen zu stecken und sie als der neue Cruyff oder der neue Rijkaard zu bezeichnen. Ich bin mit denen glücklich, die ich habe.“

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De Jong debütierte übrigens erst vor einem Jahr unter seiner Regie und hat gerade mal neun Länderspiele bestritten, bei de Ligt sind es immerhin 17. Die Erfahrung eines großen Turniers – die Endrunde um die Nations League mal ausgenommen, als das Team im Finale Portugal mit 0:1 unterlagen – haben beide noch nicht gesammelt. Bevor der Tross der Oranjes am Donnerstag vom Amsterdamer Flughafen Schiphol nach Hamburg fliegt, stand am Mittwoch auf dem Campus in Zeist zweimal Training hinter verschlossenen Türen an. Um die niederländischen Fußballer herrscht nämlich genug Rummel. Nicht nur in den Grachten von Amsterdam.

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