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Historischer Coup

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Von: Frank Hellmann

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Kann sich feiern lassen: Die eingewechselte Paulina Krumbiegel (Mitte) jubelt nach dem Treffer zum 2:1. dpa
Kann sich feiern lassen: Die eingewechselte Paulina Krumbiegel (Mitte) jubelt nach dem Treffer zum 2:1. dpa © dpa

Beim ersten Sieg gegen die USA seit 19 Jahren verblüffen die DFB-Frauen mit ihrer Mentalität.

Ihren Stolz wollte Sara Doorsoun gar nicht verbergen. Breit grinsend stand die Abwehrspielerin des deutschen Nationalteams nach dem historischen Coup im Testspiel gegen die USA (2:1) auf dem Rasen des Drive Pink Stadium von Fort Lauderdale. Die 30-Jährige trug dabei das rote Jersey, das sie der amerikanischen Ersatzkeeperin Alyssa Naeher abgeschwatzt hatte. Vor zehn Jahren habe man schließlich bei Turbine Potsdam zusammengespielt, erklärte die Defensivstütze von Eintracht Frankfurt, und daher den Trikottausch schon vor Anpfiff verabredet. Sicher ist sicher. Der Kleiderwechsel besaß durchaus symbolischen Charakter.

Denn der Vize-Europameister bezwang den Weltmeister im vom Hurrikan „Nicole“ zerzausten Bundesstaat Florida vor 16 917 Fans mit den eigenen Waffen: Mentalität, Wille und Leidenschaft. „Der Sieg bedeutet für uns, dass wir wissen, wir können auf Fehler oder Dinge reagieren, die wir vielleicht mal nicht so gut machen“, sagte Martina Voss-Tecklenburg. Die Bundestrainerin bescheinigte ihrem Ensemble in einem intensiven Schlagabtausch just jene Qualität, die sie 2019 bei der WM in Frankreich an den US-Amerikanerinnen so schätzte: „Da waren sie nicht fußballerisch, aber mental die beste Mannschaft.“ Und genau dorthin wollen die DFB-Frauen mit Blick auf die WM 2023 in Australien und Neuseeland auch kommen.

Der erste deutsche Sieg seit 19 Jahren gegen die US-Girls, die ihre erste Heimniederlage nach 71 Begegnungen beklagten, war nicht völlig unverdient,. Letztmals hatte die USA im WM-Halbfinale 2003 gegen Deutschland (0:3) den Kürzeren gezogen. „Es war ein Auf und Ab. Erste Halbzeit haben wir Glück gehabt, zweite Hälfte besser Fußball gespielt. Am Ende stand ganz viel Willen dahinter“, urteilte die bis 2018 an einem US-College kickende Stürmerin Laura Freigang. Genauso sah es die Siegtorschützin Paulina Krumbiegel, die nach ihrer Einwechslung eine starke Leistung mit dem Siegtor krönte (89.): „Wir haben den stärkeren Willen gehabt.“

Für die 22-Jährige von der TSG Hoffenheim, die nach einem im Sommer 2021 erlittenen Kreuzbandriss während der EM in England noch Zeitungskolumnen aus dem Aufbautraining schrieb, freute sich Voss-Tecklenburg besonders.

Lob für Krumbiegel

„Paulina hat eine gute Spielintelligenz gehabt, eine gute Spielruhe, war offensiv und defensiv aktiv.“ Mit solchen Fähigkeiten kann die Allrounderin Krumbiegel auch für die WM wichtig werden. Auch andere Nachrückerinnen überzeugten bei dem Charaktertest mit Widerstandskraft und Kampfeslust gegen den vierfachen Weltmeister, der zuletzt auch in England (1:2) und Spanien (1:2) verloren hatte. „Wir haben uns nicht unterkriegen lassen. Wir wissen nun, dass wir gegen jede Mannschaft einfach unser Ding durchziehen können“, fasste die starke Torhüterin Merle Frohms zusammen.

Voss-Tecklenburg sprach von vielen „Learnings“, denn eine solche Spielgeschwindigkeit ist eben nicht Liga-Alltag. „Das Tempo war enorm, es ging am Anfang hin und her. Ich habe echt gedacht: Wow! Wenn das alle durchhalten wollen, dann ist das echt eine Hausnummer“, sagte die 54-Jährige.

Die deutsche Führung durch ein Eigentor von Torfrau Casey Murphy (51.) – ihr sprang der Ball nach einem Pfostenschuss von Klara Bühl an den Rücken – fiel allerdings wie „aus dem Nichts“, wie die gebürtige Duisburgerin zugab. Die eingewechselte US-Ikone Megan Rapinoe (85.) glich zwar aus, doch Signalwirkung hatte der Treffer der 37 Jahre alten Vorkämpferin mitnichten.

Immerhin haben Alex Morgan und Co. beizeiten die Möglichkeit zur Wiedergutmachung. Schließlich gibt es noch einen zweiten Vergleich, dann in Harrison/New Jersey (Sonntag, 23 Uhr/sportschau.de). Bundestrainerin Voss-Tecklenburg wird umfassend rotieren, aber unabhängig vom Ergebnis den US-Trip als wertvollen Entwicklungsprozess verbuchen, der den EM-Heldinnen mehr gebracht hat als beispielsweise alle WM-Qualifikationsspiele zuvor.

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