+
Gut drauf: Stürmerin Cristiana Girelli ärgert Funktionäre.

Italien

Historische Schritte

  • schließen

In Italien geht es mit dem Frauenfußball voran, nun wartet das Duell gegen die Niederlande.

Das Bistrot de Charles in Valenciennes bietet an Spieltagen dieser WM eine beliebte Begegnungsstätte für Fußballspiele im Stade du Hainaut: Den Kreisverkehr passiert jeder, der in das rot getünchte Heimstadion des französischen Zweitligisten FC Valenciennes gelangen will. An der Backsteinfassade hängen fein säuberlich die Flaggen jener Nationen, die in der Vorrunde hier schon gespielt haben: Italien und Australien, Spanien und Deutschland, Kamerun, Niederlande und Brasilien.

Nun kehren zum WM-Viertelfinale Niederlande gegen Italien (Samstag 15 Uhr/ARD) zwei jener Nationen zurück, was in einem Fall doch überrascht: Italien hat 20 Jahre nicht bei einer Frauen-WM mitgespielt, jetzt schreiben „Le Azzurre“ auf einmal die Geschichte einer späten Liebe: eine seit Ewigkeiten ganz auf den Männerfußball gepolte Nation von ihren Vorzügen zu überzeugen. Als die Italienerinnen bei der Frauen-EM 2013 ein Viertelfinale gegen die deutschen Fußballerinnen bestritten, schickte die „Gazzetta dello Sport“ erst nach der Vorrunde den ersten italienischen Reporter, der damals schweißgebadet und verspätet zur Pressekonferenz im südschwedischen Växjö erschien. Wie es sich für eine Macho-Nation eben gehört.

Rai vermeldet Topquoten

Doch mittlerweile schmelzen die Vorbehalte gegen ein Frauenturnier wie das teure Speiseeis in den Gassen einer französischen Fußgängerzone. Der Sender Rai 1 vermeldet Rekordquoten. Beim Gruppenspiel gegen Brasilien (0:1) schauten 7,3 Millionen Landsleute zu, was Stürmerin Cristiana Girelli gar nicht fassen konnte. Bereits nach ihrem Dreierpack gegen Jamaika (5:0) erschien die 29-Jährige auf Titelseiten von Tageszeitungen, die zuvor für sie – wenn überhaupt – nur die letzte Meldung übrighatten.

„Die mediale Aufmerksamkeit, die wir bekommen, ist von unschätzbarem Wert“, glaubt die Stürmerin Girelli von Juventus Turin, die schon im Liga-Alltag ein Erweckungserlebnis hatte. Zum Spitzenspiel gegen den AC Florenz strömten auf einmal 39 000 in jenes Stadion, in dem sonst Cristiano Ronaldo auftritt. Immer mehr Vereine ziehen mit. AC Milan, AS Rom. Spielerberater bekommen Anrufe, was es denn kostet, eine deutsche Nationalspielerin zu verpflichten. Nun wird es noch dauern, bis diese wirklich über die Alpen ziehen, wie einst in den 90er Jahren deutsche Männer, aber die Signalwirkung ist nicht zu unterschätzen.

Trainerin Milena Bertolini spürt, dass nach dem souverän verwalteten 2:0 im Achtelfinale gegen China eine ganz große Tür aufgehen würde, sollte es bis ins Halbfinale und dann vielleicht wieder gegen Deutschland gehen. Europameister Niederlande ist individuell sicher besser besetzt, aber das taktische Geschick ihrer Spielerinnen ist nicht zu unterschätzen. „Eine solide, sichere Defensive ist ein wichtiger Aspekt im Fußball“, sagt die Trainerin. Soll heißen: Lieke Martens oder Vivianne Miedema, ihr müsst euch was einfallen lassen.

Damit spannt sich die Verbindung zu jenem Fußballlehrer, der bei der EM 2013 auf der Trainerbank saß: Antonio Cabrini, ein Weltmeister aus der Verteidigung von 1982. Cabrini schien das Amt auch deshalb gerne zu bekleiden, weil er seinen Job ungestört ausüben konnte. Vor allem ohne Medienrummel. Nach einer 0:1-Niederlage gegen Deutschland zog übrigens auch die bekannteste italienische Sportgazette ihren einzigen Mann wieder ab.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion