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Historische Ansprüche

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Von: Frank Hellmann

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Stammkraft unter der Latte: Merle Froms, Eintracht Frankfurt. Foto: imago images
Stammkraft unter der Latte: Merle Froms, Eintracht Frankfurt. Foto: imago images © IMAGO/Camera 4/International

Bei der Kaderbekanntgabe für die EM in England bekommt Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg den Spagat hin.

Sie haben das gut gemacht, die Mädchen unterschiedlichster Herkunft aus der U 10 und U 12 der SG Bornheim Grün-Weiß, die in einem Video die Namen jener 28 Spielerinnen aufsagten, die das vorläufige Aufgebot der deutschen Frauen-Nationalmannschaft für die EM in England (6. bis 31. Juli) bilden. Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg saß bei der Kaderbekanntgabe aus der alten DFB-Zentrale daneben und grinste, denn neben den Namen kannte sie den auch zeitgleich präsentierten Slogan ihrer EM-Mission ja schon. „Hungriger“ heißt es diesmal, wobei die Endung „GER“ natürlich für Germany steht – und hungrig auf den Titel muss ein achtfacher Europameister wie Deutschland allein aus historischen Gründen sein.

Doch Voss-Tecklenburg sagte ja auch: „Wir gehören vielleicht nicht mehr zu den Topfavoriten.“ Bereits in der Gruppenphase bekommt es ihr zuletzt in der WM-Qualifikation von Serbien besiegtes Ensemble mit Vize-Europameister Dänemark (8. Juli) und Mitfavorit Spanien (12. Juli) zu tun; zwei Teams die neben England, Titelverteidiger Niederlande, Frankreich und Schweden als Titelanwärter gelten. „Das gab es in der Form noch nie, so viele Nationen auf dem Schirm zu haben“, bemerkte die Bundestrainerin, die ihre 125 Länderspiele bestritt, als der Europameister in Endlosschleife aus Deutschland kam.

Im Jahr 2022 muss das DFB-Team aufpassen, dass vor dem letzten Gruppenspiel gegen Finnland (16. Juli) nicht schon alles vorbei ist. Voss-Tecklenburg („traue dem Team vieles zu“) ist viel zu sehr Optimistin, um sich mit solch düsteren Szenarien auseinanderzusetzen. Die 54-Jährige trägt enorme Vorfreude in sich, wenn es in der neuen DFB-Akademie mit einem Pre-Camp (5. bis 9. Juni) losgeht. Dabei werden die viel belasteten Spielerinnen des VfL Wolfsburg oder Sara Däbritz von Paris St. Germain noch geschont. Unbedingt dabei sein wollte Alexandra Popp, die nach langer Verletzungspause an der Fitness feilen wird: Der im Sturm eingeplanten Kapitänin werden alle Türen in die Stammelf offen gehalten. Auch weil die 31-Jährige als Wortführerin geschätzt wird.

Birgit Prinz ist wieder dabei

Für Torhüterin Almuth Schult als zweite Meinungsmacherin hat sich hingegen die Hoffnung so gut wie zerschlagen, in England zwischen den Pfosten zu stehen – an Merle Frohms von Eintracht Frankfurt kommt die 31-Jährige nicht mehr vorbei. „Merle ist seit drei Jahren die Nummer eins. Von daher ändert sich an diesem Status gar nichts“, betonte Voss-Tecklenburg in aller Deutlichkeit. Der Anspruch der nach Wolfsburg zurückkehrenden Frohms ergebe sich schlicht daraus, „dass sie bei uns drei Jahre sehr gute bis herausragende Leistungen gezeigt hat“. Die 27-Jährige kann diesen Zuspruch vor ihrem ersten Turnier gewiss gut gebrauchen.

Voss-Tecklenburg weiß, dass Mannschaft und Trainerteam insgesamt besser harmonieren müssen als bei der WM 2019 in Frankreich, um diesmal ins Halbfinale zu kommen – erst recht, wenn es im Viertelfinale bereits gegen England gehen sollte. Es wird im Basisquartier in Brentford im Westen von London letztlich darauf ankommen, die Balance zwischen An- und Entspannung hinzubekommen. Deshalb spiegele der Kader, so die gebürtige Duisburgerin, einen Mix „aus Erfahrung, aus Leadership und jungen Spielerinnen“ wieder. Vor dem zweiten Trainingslager in Herzogenaurach (21. bis 29. Juni) und dem Testspiel gegen die Schweiz in Erfurt (24. Juni) wird das Aufgebot auf 23 Akteure reduziert.

Das Gerüst stellen der Doublesieger Wolfsburg und Vizemeister FC Bayern mit je acht und Eintracht Frankfurt mit sechs Spielerinnen, wobei die Frankfurter Entwicklung die Bundestrainerin beeindruckt. „Der Verein hat sich geöffnet.“ Es sei großartig gewesen, dass die Eintracht-Frauen die Trips zu den Europa-League-Spielen der Männer nach Barcelona und Sevilla mitmachen konnten. Stimmungsvoll soll es ja auch in England werden, wo sich „volle Stadien, großartige Spiele“ ankündigen, wie Voss-Tecklenburg prophezeite.

Dass ihr Team im öffentlichen Brennglas nicht den Fokus verliert, dafür soll Birgit Prinz sorgen. Die Rekordtorjägerin aus Frankfurt reist als Sportpsychologin mit und sei „ein absoluter Mehrwert für die Gruppe“. Die 44-Jährige werde „bei jeder Besprechung dabei sein, jede Spielerin kann von ihr profitieren.“ Und Prinz weiß, wie Titel gewonnen werden. Ihr letzter im Nationaltrikot war die EM 2009, als sie im Finale gegen England (6:2) zwei Tore schoss. Da waren die Bornheimer Mädels noch gar nicht auf der Welt.

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