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Konsterniert: Milot Rashica, der beste Bremer. 

Werder Bremen

Historisch schlecht

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Bei Werder Bremen schrillen vor dem Jahreswechsel alle Alarmglocken, aber Aufsichtsratschef Marco Bode gibt dem Trainer Florian Kohfeldt Rückendeckung.

Viele gebürtige Bremer kehren zum Weihnachtsfest zu ihren Wurzeln zurück. Treffen Freunde, besuchen Verwandte und verbringen Heiligabend im Kreise ihrer Familien. Die besinnlichen Tage dienen auch dazu, in Kindheitserinnerungen zu schwelgen – und manch einer aus den etwas älteren Semestern erwähnt beim Thema Fußball, dass es um den SV Werder doch schon schlimmer stand. In der Saison 1980/81 gingen die Bremer nämlich durch das Stahlbad der Zweiten Bundesliga Nord. Die Gegner hießen nicht nur Eintracht Braunschweig und Hertha BSC, sondern auch RW Lüdenscheid oder OSV Hannover. Historischen Charakter bekam das Heimspiel gegen die noch weniger namhafte SpVgg Erkenschwick. 7000 Zuschauer verloren sich an einem Sonntagnachmittag im März 1981 im Weserstadion, als der von einem Autounfall gezeichnete Kuno Klötzer letztmals auf der Bank saß. Otto Rehhagel übernahm und leitete bald eine glorreiche Epoche ein. Im Nachhinein erwies sich der Bundesligaabstieg sogar als Segen.

2019/2020 wäre es definitiv nur noch ein Fluch. Ohne Aussicht auf Stärkung der Substanz für den Standort Bremen. Dafür genügt der Seitenblick nach Hamburg und Hannover. Und so schrillen die Alarmglocken an der Weser nach dem ernüchternden 0:1 beim 1. FC Köln laut wie nie. Lähmendes Entsetzen hat um sich gegriffen. In den Sozialen Netzwerken steht der Werder-Weihnachtsbaum in Flammen. Im „Weser Kurier“ schlägt ein Leserbriefschreiber Angela Merkel als Coach vor: „Sie steht dann immer wieder mit Raute vor der Mannschaft und sagt: Wir schaffen das.“

Abseits von beißender Ironie: Eine historisch schlechte Hinrunde mit 14 Punkten und 41 Gegentoren ist nach 56 Bundesligajahren nunmehr Fakt. Die Talfahrt hat so erschreckende Ausmaße angenommen, dass der Vorsitzendes des Aufsichtsrates, Marco Bode, die wichtigste Botschaft persönlich verbreitete: „Wir werden in dieser Konstellation zusammenhalten.“ Weder Florian Kohfeldt noch Frank Baumann müssen um ihren Job fürchten. Es gibt also noch Rückendeckung für den Cheftrainer und den Geschäftsführer.

Der Schulterschluss verwundert bei der von Bode angestrebten Kontinuität nicht, wird aber nur zielführend sein, wenn alle Beteiligten eine gewisse Lernfähigkeit an den Tag legen: Dazu gehört das Eingeständnis, dass Leistungen wie in Köln unvermittelt in den Abstieg münden. Die Hanseaten hatten die Teilnahme an dem Kellerduell eine Halbzeit lang verweigert.

Selbst Routinier Fin Bartels wollte nicht über ein spätes Abseitstor (Yuya Osako) oder einen Lattenschuss (Milot Rashica) hadern, denn: „Es war Not gegen Elend. Wir schleppen viel mit uns rum.“ Dass die Bremer am Ende sechs Stürmer auf dem Platz hatten, half wenig, weil das Ensemble in seine Einzelteile zerbröselt ist. „Wir haben nicht als Team gespielt. Wir müssen uns im Januar in der Vorbereitung erarbeiten, dass wir wieder die Mannschaft werden, die wir früher waren“, erklärte Kapitän Niklas Moisander vielsagend.

Insofern wirkte schon überraschend, wie kess hernach Kohfeldt auftrat. „Wir sind jetzt im Abstiegskampf und vielleicht werden wir da auch lange drinbleiben. Aber wir werden das hinkriegen“, versprach der 37-Jährige. Man gebe ihm bloß die Verletzten zurück, dann käme der Rhythmus zurück und dann werde man schon unten rauskommen. „Dann ist das immer noch keine gute Saison am Ende, aber wir werden das schaffen. Wir werden nicht absteigen. Dann werden wir den einen oder anderen sicher auch noch überraschen.“ Es ist ja einerseits ehrenwert, Optimismus zu verbreiten, aber ein bisschen mehr Realitätssinn sollte die Analyse schon begleiten.

Der Trend zur Schönfärberei war bereits nach der Auftaktniederlage gegen Fortuna Düsseldorf (1:3) zu beobachten – nun wird der Rückrundenauftakt am Rhein am 18. Januar zum Schlüsselspiel. Ansonsten sollen Notfallpläne mit Thomas Schaaf greifen. Kohfeldt bekommt die Zeit, im Trainingslager auf Mallorca an der Neuausrichtung zu feilen. Er hat ja Recht, dass die Lage bei seinem Amtsantritt Anfang November 2017 tabellarisch noch prekärer war, doch damals wartete eine Mannschaft mit Max Kruse nur darauf, dass der überforderte Alexander Nouri mit seinem defensiven Ansatz endlich abgelöst würde. Alleskönner Kruse entfesselte die unter Kohfeldt offensiv ausgerichteten Grün-Weißen fast von alleine. Jetzt gibt es keine Persönlichkeit mit Ecken und Kanten, die mit Ball immer eine Lösung hat.

In allen Mannschaftsteilen fehlen Dynamik und Durchsetzungsvermögen. Obwohl Baumann bereits mit den Leihgeschäften und Kaufoptionen für Leonardo Bittencourt und Ömer Toprak ins Risiko ging, muss mit mindesten zwei Neuzugängen nachjustiert werden. „Wir werden auch jetzt nichts Unvernünftiges machen“, hat Bode eingeschränkt, aber eingeräumt, alles zu versuchen, „was die Wahrscheinlichkeit erhöht, erfolgreich zu sein“. Denn nach einer Ehrenrunde zweite Liga einfach wieder in neuer Blüte zu erstrahlen, an diese Variante glauben 40 Jahre nach dem einzigen Abstieg nicht mal mehr die Nostalgiker.

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