Einwurf

Hirsch vorm Berg

  • Jakob Böllhoff
    vonJakob Böllhoff
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Weshalb der große Fußballer Alexander Hleb sein Talent so ein bisschen mehr als nötig verschleudert und was Schlagersängerin Andrea Berg damit zu tun hat.

In der TV-Sendung SCHLAGERCHAMPIONS – DAS GROSSE FEST DER BESTEN, für die es richtliniengemäß unabdingbar ist, sie durchgehend in Versalien zu schreiben, weil sich das bei wahren CHAMPIONS eben so gehört, in dieser Sendung also wurden Andrea Berg neulich zwei Auszeichnungen zuteil. Ungewöhnlich ist das nicht. Ständig werden der Schlagersängerin irgendwelche Auszeichnungen zuteil, sie ist sehr erfolgreich. Diesmal aber geschah etwas Seltsames. Zur Preisübergabe betrat ein Mann die Bühne, der bei fußballaffinen Betrachtern diffuse Erinnerungen wachrief. Es war Alexander Hleb, der weißrussische Fußballer, der einst beim VfB Stuttgart spielte und danach bei Arsenal und bei Barcelona und danach bei tausend anderen Vereinen, die kein Mensch kennt, vermutlich nicht mal Alexander Hleb.

„Für mich ist Andrea Berg in der deutschen Musik wie Messi und Ronaldo im Fußball“, sagt der 38-Jährige, und Andrea Berg sagte: „Er ist ein bisschen wie mein Sohn, ich hab immer auf ihn aufgepasst und wir haben viel durchgemacht.“ Zur Info: Hleb-Berater Uli Ferber ist der Ehemann der Sängerin.

Hlebs verlorene Karriere

Grundsätzlich würde man da Andrea Berg aber gerne mal zur Seite nehmen, ihr zuraunen, dass sie, was das Aufpassen auf Alexander Hleb angeht, offenbar keinen guten Job gemacht hat, und leider müsse man das persönlich nehmen, weil dem Fußball so nämlich viel zu früh ein fantastisches Talent abhandengekommen ist, und so etwas sei doch wirklich nicht nötig. Alexander Hleb, der Wunderdribbler aus Minsk, hat ja eine Weltkarriere gemacht, abgesehen davon, dass er sie nicht gemacht hat. Im letzten Moment ist sie ihm entglitten.

Wo warst du denn, Andrea Berg, als Hleb 2008 den offensichtlich unsinnigen Entschluss fasst, um den wunderbaren FC Arsenal zu verlassen, um beim FC Barcelona anzuheuern? Gut, schon, in London gab es Spötter. Verewigt ist sein Name am Stadion an einer Erinnerungswand für verstorbene Fans, dort ließ ein Sohn auf die Plakette seines Vaters eingravieren: „Geof Cohen. Never rated Hleb.“ Hielt nichts von Hleb. Aber in Barcelona, auf der Höhe seines Könnens, mit 27, ging dann alles völlig in die Brüche. Er sprach kein spanisch, lernte es auch nicht, den Trainer Pep Guardiola verstand er sowieso nicht, schon rein fußballphilosophisch, und nach einem Jahr ging er fort und kam nie wieder, suchte hier und dort nach einer Zukunft, die es längst nicht mehr gab. Jahr um Jahr spielte er weiter, aus Liebe zum Spiel und Angst vor dem, was kommt, wenn das Spiel aus ist. Türkei, Russland, Türkei. Zurzeit steht er beim FC Isloch unter Vertrag, erste Liga in Weißrussland.

Auch schon egal. Das Abschiedsspiel ist gespielt, vergangene Saison, Europa League. Hleb traf mit Bate Borissow auf Arsenal. Von den Londoner Fans gab es warmen Applaus, als er bei seiner Einwechselung auf den Rasen schlich wie ein alter, eleganter Hirsch, der sich ein letztes Mal auf seiner Lichtung umsieht, bevor er für immer im Wald verschwindet. Dann berührte Alexander Hleb den Ball. Drehung links, Drehung rechts. Andrea Berg lief ein Schauer über den Rücken. Und die Zeit begann zu bluten.

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