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Am Donnerstag fällt die Entscheidung über den Ausrichter der EM 2024.

Kommentar EM-Vergabe

Hinter den Kulissen

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Recep Tayyip Erdogan macht die EM-Bewerbung der Türkei zur Chefsache ? die deutsche Kanzlerin hält sich zurück.

Die Vergabe großer Fußballturniere ist durchsetzt von so manch einem Schurkenstück. Und dazu müssen nicht dubiose Geldflüsse zwischen Fifa, DFB und Katar herhalten, die erst das wunderbare Sommermärchen bei der WM 2006 in Deutschland ermöglicht haben sollen. Mit undurchsichtigem Geschacher, in das sich die höchste Politik einmischte, fing alles schon viel früher an. Erinnert sei an die fast schon pittoreske Mischpoke vor der Bewerbung um die EM 1988. Übrigens die erste auf deutschem Boden. Bei der Entscheidung im März 1985 konnte ja niemand ahnen, dass im November 1989 die Mauer fallen würde und Deutschland sich vereinigen würde. 

Weshalb sich der Blick auf die Auflage lohnt, mit der die Europäische Fußballunion (Uefa) damals das Turnier an Deutschland vergeben wollte: keine Spiele in West-Berlin. Diesen Kompromiss war zwar der Weltverband Fifa noch 14 Jahre zuvor für die Weltmeisterschaft eingegangen, aber die Uefa wollte nicht nachziehen, weil die damalige UdSSR und damit der ganze Ostblock schwere Bedenken anmeldeten. DFB-Präsident Hermann Neuberger hatte sich längst der Vorgabe gebeugt, um gegenüber Mitbewerber England nicht ins Hintertreffen zu geraten, da bekam Bundeskanzler Helmut Kohl Wind von dem Vorgang. Der trommelte sein Kabinett zusammen und verfasste eine geharnischte Protestnote. Mit dem Effekt, dass die Fußballfunktionäre aus Schottland oder Bulgarien nur müde lächelten. Das Achter-Turnier 1988 wurde ohne Teilnahme der heutigen Hauptstadt gespielt. Eröffnungsspiel in Düsseldorf, Endspiel in München.

Drei Jahrzehnte später ist alles nicht einfacher geworden. Zwar sind Ost- und Westdeutschland längst vereint, dafür sind in Europa an ganz anderer Stelle Gräben entstanden, an denen eine Frau, die man mal als Kohls Mädchen bezeichnete, nicht völlig unschuldig ist. Dass sich Angela Merkel – im Gegensatz zu Recep Tayyip Erdogan – auffällig im Hintergrund hält, hat jedoch andere Gründe. Jede Einmischung der deutschen Kanzlerin auf der Zielgeraden wäre wenig glaubwürdig, während  der türkische Autokrat die Bewerbung wie selbstverständlich von Anfang an zur Chefsache machte.

Dass Erdogan einen Tag nach der Vergabe der Euro 2024 zum feierlichen Staatsbesuch auf Schloss Bellevue empfangen wird, mutet allein von der Terminierung wie ein Treppenwitz an. Sollte Deutschland den Zuschlag bekommen, ist schon zu erwarten, welche These der Alleinherrscher vom Bosporus auftischen wird: dass im schweizerischen Nyon ein erneutes Schurkenstück zur Aufführung gekommen ist.

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