+
Enttäuschte Real-Gesichter nach der Demütigung.

Kommentar Real Madrid

Hilflos ohne Ronaldo

  • schließen

Ohne den zu Juventus gewechselten Superstar Cristiano Ronaldo läuft es nicht mehr bei Real Madrid - für Trainer Julen Lopetegui bedeutet das wohl das Aus. Ein Kommentar.

Vor knapp viereinhalb Monaten hätte Julen Lopetegui Weltmeister werden können, wenn man ihn gelassen hätte. Hat man nicht, zumindest nicht der spanische Verbandspräsident Luis Rubiales, der es als bodenlose Respektlosigkeit empfand, dass dieser Señor kurz vor der WM einen nicht schlecht dotierten Dreijahresvertrag bei Real Madrid unterzeichnet hatte, ohne den Verband darüber in Kenntnis zu setzen. Zwei Tage vor dem ersten WM-Spiel standen die Spanier ohne Coach da - und Lopetegui vergoss bittere Tränen. Zwei Wochen später war einer der WM-Favoriten aus dem Turnier ausgeschieden, sang- und klanglos.

Nun, viereinhalb Monate sind ins Land gegangen, steht so gut wie sicher fest, dass der 52 Jahre alte Lopetegui schon wieder ohne Job ist. In Madrid kann sich niemand (schon gar nicht Klubchef Florentino Perez) vorstellen, dass der Baske nach der königlichen Bankrotterklärung eines 1:5-Debakels gegen den FC Barcelona zu halten sei. Nicht nach dieser Ohrfeige, nicht nach dieser so holprig begonnenen Saison der ehedem Galaktischen. Real belegt nach zehn Spielen einen indiskutablen neunten Platz, mit sieben Punkten Rückstand auf den ewigen Rivalen Barcelona. So schlecht wie seit Jahrzehnten nicht.

Die Frage ist: Liegt es wirklich ganz allein am Trainer? Könnte es nicht auch sein, dass Real, nach der WM und dem dreimaligen Gewinn des Königsklassen-Pokals nacheinander einfach satt ist, nicht mehr ganz so gierig auf den nächsten Titel? Dass die erforderliche Spannung nach so vielen Erfolgen in Dauerschleife nicht mehr aufzubauen ist, dass die Luft raus ist, sich vielleicht sogar eine Ära dem Ende zuneigt?

Vielleicht liegt es aber auch daran, dass jemand fehlt im schneeweißen Ballett, jemand, der in der Vergangenheit Tore am Fließband erzielt hat, jemand wie Cristiano Ronaldo. Der 33-Jährige hat allein in der vergangenen Saison in 44 Pflichtspielen 44 Tore für Real geschossen, 26 in der Liga, 15 in der Champions League, drei im Pokal. Er schießt sie jetzt bei Juventus Turin, auch schon sieben. Offensichtlich ist: Seine Tore fehlen Real Madrid, ganze 14 Treffer sind dem Team in zehn Spielen gelungen, 513 Minuten gar war die Übermannschaft gänzlich ohne eigenen Treffer ausgekommen. Für Ronaldo, die Tormaschine, ist kein Ersatz geholt worden, es kamen allenfalls Mitläufer.

Die Krise von Real Madrid ist dem Weggang des portugiesischen Superstars geschuldet. Er hat eine Lücke gerissen, die nicht gestopft wurde. Seine 30 bis 50 Tore, die er in seinen Madrider Jahren so zuverlässig zu erzielen pflegte, fehlen, so einfach ist das. Und diese Tore haben zudem, was für ein feiner Nebeneffekt, alle Defizite in der traditionell anfälligen Real-Defensive übertüncht. Julen Lopetegui ist nur das schwächste Glied, der Sündenbock, der für Verfehlungen der Klubspitze herhalten muss. Er wird es verschmerzen können: Der Mann kann mit 18 Millionen Euro Abfindung rechnen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion