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Wird als guter Kommunikator von seinen Spielern geschätzt: Der neue Berliner Trainer Ante Covic.

Hertha BSC

Vom Windhorst verweht - bei Hertha BSC sind die Geldsorgen erst einmal passé

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Keine Geldsorgen mehr nach einem gigantischen Investment-Deal, dazu ein neuer Trainer, der endlich offensiv denkt - Hertha BSC macht sich frisch für die Zukunft.

Hertha BSC drohte schon zu jenem Klub zu verkommen, den man immer vergisst, wenn man versucht, alle Bundesligisten aus dem Gedächtnis aufzuzählen. Zuletzt landete der Hauptstadtklub einmal auf Platz elf und einmal auf Platz zehn, tiefstes Graue-Maus-Land also, und der Fußball, der all jenen geboten wurde, die sich doch mal ins zugige und für die Hertha viel zu große Olympiastadion verirrten, war sowieso eher bieder. Doch jetzt soll ja alles anders werden. Mit einem neuen Trainer, der für Offensive steht, mit einem Investment-Deal, welcher der Hertha über Nacht viele, viele Millionen Euro aufs Konto gespült hat und über kurz oder lang zu einer signifikanten Verstärkung des Kaders führen soll. Und: Durch den Aufstieg vom 1. FC Union hat Berlin nun sogar ein schickes Derby zu bieten, das auch der Hertha gefällt.

Wie ist die Stimmung?

Während die sportliche Stagnation unterm grummeligen Ex-Trainer Pal Dardai im letzten Halbjahr Klub und Umfeld in eine lethargische Grundstimmung versetzt hatte, reißt Nachfolger Ante Covic gleich mal alle mit. Der Kroate ist ein 43-jähriger Ur-Herthaner, genau wie Dardai, aber im Gegensatz zum Ungarn zeigt Covic sich sehr kommunikativ, vertritt zudem einen offensiveren Spielstil. Dass das ankommt, bei Fans und Spielern, wird bereits in der Vorbereitung deutlich. „Ante hat einen ganz anderen Ansatz“, hat Außenverteidiger Lukas Klünter im Trainingslager in Neuruppin gesagt: „Er kommuniziert viel und hat die Fähigkeit, alle einzubinden.“ Dass sich kürzlich der Investor Lars Windhorst mit 125 Millionen Euro 37,5 Prozent an der Hertha BSC GmbH & Co. KGaA sicherte, sorgt zusätzlich für Aufbruchstimmung. Auf die Nerven geht den Berlinern weiterhin die offene Stadionfrage. Hertha will 2025 das ungeliebte Olympiastadion verlassen und ein neues, reines Fußballstadion beziehen. Doch die Standortsuche ist ein Politikum, das den Klub noch lange beschäftigen dürfte.

Wie stark ist der Kader?

Tatsächlich hat sich trotz des neuen Reichtums noch wenig getan in Sachen Verstärkungen. Im Gegenteil: Der österreichische Flügelspieler Valentino Lazaro wurde für mehr als 20 Millionen Euro an Inter Mailand verkauft, neu im Team sind bislang nur die Ergänzungsspieler Eduard Löwen, 22, ein zentraler Mittelfeldspieler, der für sieben Millionen vom 1. FC Nürnberg kam, und Innenverteidiger Dedryck Boyota (28, Celtic Glasgow, ablösefrei). Allerdings ist es Manager Michael Preetz wie in der vergangenen Saison gelungen, Mittelfeld-Kraftwerk Marko Grujic vom FC Liverpool auszuleihen. Am 23-jährigen Serben waren auch andere Klubs dran, nicht zuletzt Eintracht Frankfurt. Zusammen mit Riesentalent Arne Maier, 20, könnte Grujic im Zentrum ein Powerhouse bilden, das offensiv und defensiv den Rhythmus bestimmt.

Worauf steht der Trainer?

„Ante ist ein offensiv denkender und ausgerichteter Trainer, das merkt man ihm sofort an“, hat Preetz gesagt: „Wir werden versuchen, aktiver und offensiver zu spielen, also mehr mit dem Ball anzustellen.“ Unter Dardai war Hertha fußballerisch alles andere als ein Vergnügen, mit dem vormaligen U23-Trainer Covic soll das anders werden. Man will im Spielaufbau unbedingt mit Flachpässen operieren, ohne all die lange Schläge nach vorne, die das Berliner Spiel in der vergangenen Saison des Öfteren prägten. In der Systemfrage ist derweil noch vieles offen. „Das hängt immer davon ab, welche Qualität der Kader hat“, sagt Ante Covic, der sich im Training sehr engagiert zeigt, die Übungen häufig unterbricht, ständig korrigiert, auch lautstark. „Wir kennen das alle von zu Hause, wenn die Kinder mal nicht hören wollen. Dann musst du es manchmal dreimal knallen lassen“, sagt er.

Wo hapert’s noch?

Passend zum neuen Angriffsstil Covics wird Hertha im Offensivbereich nachlegen müssen, will man mehr erreichen als in den vergangenen Jahren. Salomon Kalou, 33, und Vedad Ibisevic, 34, können im gehobenen Fußballeralter nicht mehr auf Dauer die nötigen Akzente setzen. Die Windhorst-Millionen eröffnen zwar neue Möglichkeiten bei Transfers, das hat aber auch die Konkurrenz mitbekommen, was die Ablöseforderungen in die Höhe treibt. „Wenn man nicht schlau handelt, ist das Geld auch schnell wieder weg“, sagt Manager Preetz.

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Wer sticht heraus?

Arne Maier ist Zukunft und Gegenwart der Herthaner. Der 20-Jährige hat alles, was ein moderner Sechser braucht – Ruhe, Übersicht, Ballfertigkeit, Tempo. Nicht ohne Grund wird dem U21-Nationalspieler der höchste Marktwert im Kader zugeschrieben, 24 Millionen Euro. Was sich weiter steigern ließe, würde Maier in puncto Torinstinkt noch zulegen. Preetz: „Wir haben Arne ganz selten in torgefährlichen Situationen gesehen, obwohl er die Qualität dazu hat. Da müssen wir ihn hinbringen.“

Wie geht’s dem Schatzmeister?

Die Geldsorgen sind erst einmal passé – vom Windhorst verweht. „Tiefe Löcher“ (unter anderem durch Anleiheschulden über 40,4 Millionen und Bankkredite über 46,2 Millionen Euro) hat die „Wirtschaftswoche“ in der letzten Bilanz der Berliner ausgemacht. Doch Ingo Schiller, Geschäftsführer Finanzen, darf sich plötzlich fühlen wie Dagobert Duck in seinem Entenhausener Geldspeicher. Unternehmer Windhorst, der mit seiner Investmentfirma Tennor Holding einstieg, will die Hertha als „Big City Club“ etablieren. Für einen weiteren Betrag, der sich ebenfalls um 120 Millionen Euro bewegen soll, wird er seine Anteile an der ausgelagerten Profiabteilung über kurz oder lang auf 49,9 Prozent aufstocken. Und träumt davon, den Klub in die Sphären der europäischen Spitzenklubs zu befördern. Ein bisschen Größenwahn gehört eben dazu in der Hauptstadt.

Was ist drin?

Für Hertha BSC wird es, vorbehaltlich qualitativer Neuzugänge, schwierig, mehr zu erreichen als einen Platz im Mittelfeld. Ein Übergangsjahr kündigt sich an mit dem neuen Trainer Covic, dessen offensive, riskantere Spielweise erst einmal durchdringen muss bis zur Mannschaft, wie auch immer die aussehen mag zum Saisonstart. Geduld ist gefragt. Ob’s die gibt bei der neureichen Alten Dame Hertha, sei allerdings dahingestellt.

Zugänge und Angänge bei Hertha BSC

Zugänge: Marko Grujic (FC Liverpool, erneute Leihe), Eduard Löwen (1. FC Nürnberg), Dedryck Boyata (Celtic Glasgow), Julian Albrecht (eigene Jugend), Alexander Esswein (VfB Stuttgart, Leihe beendet), Sidney Friede (Royal Mouscron, Leihe beendet), Muhammed Kiprit (FC Wacker Innsbruck, Leihe beendet), Maximilian Pronichev (Hallescher FC, Leihe beendet)

Abgänge: Marius Gersbeck (Karlsruher SC), Jonathan Klinsmann (FC St. Gallen), Julius Kade (1. FC Union Berlin), Fabian Lustenberger (BSC Young Boys), Derrick Luckassen (PSV Eindhoven, Leihe beendet)

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